Unser kleines Stimmenhörerjournal
Rundbrief des Netzwerk Stimmenhören e.V.
Inhalt Ausgabe 5 (1/99)
Impressum
NeSt von innen
Geister und Dämonen
Die Stimme ist weg
Tröstende und beruhigende Stimmen
Zu noons Geschichte
Einladung zur Mitgliederversammlung
Beschlußvorlage zur
Satzungsänderung
Unsere Gruppen
in Deutschland
Verabschiedung
von Professor Romme
Grußadresse an Professor
Romme
Impressum
UNSER KLEINES STIMMENHÖRERJOURNAL
Rundbrief des Netzwerkes Stimmenhören e.V
Herausgeber:
Netzwerk Stimmenhören e.V.,c/o SEKIS,
Albecht-Achilles-Str. 65, 10709 Berlin
e-mail: stimmenhoeren@gmx.de
Internet-Homepage: http://privat.schlund.de/s/stimmenhoeren
Redaktion:
Assula, Monika Bessert, Monika Büttner,
Hannelore Klafki, Dieter Schwenk, Spoky
Redaktionsleitung und Koordination:
Hannelore Klafki
Erscheinungsweise:
vierteljährlich
Bezugspreis:
Jahresabo inkl. Zustellung 20 DM
Förderabo 40 DM
Einzelheft 3 DM (plus 1,50 DM Porto)
Für NeSt-Mitglieder ist "Unser kleines
Stimmenhörerjournal" im Mitgliedsbeitrag
enthalten.
Bankverbindung
Postbank Berlin
Kto-Nr.: 8091 01-103
BLZ: 10010010
Sämtliche persönlich gekennzeichneten Beiträge
entsprechen nicht unbedingt der Meinung des
Vorstandes oder der der Redaktion.
NeSt von innen
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wir können hiermit die freudige Mitteilung machen,
daß uns das Amtsgericht inzwischen als Verein anerkannt hat. Mit
Wirkung zum November 1998 erhielten wir vom Finanzamt für Körperschaften
den Freistellungsbescheid bis Ende 2000 - d.h., daß auch unsere
Gemeinnützigkeit anerkannt wurde. Allerdings müssen wir auf
unserer ersten Mitgliederversammlung dafür eine Satzungsänderung
durchführen: zwei Worte sind nicht korrekt gewählt und müssen
für das Gericht geändert werden (siehe Beschlußvorlage
für die Mitgliederversammlung in diesem Heft).
Unser Konto, das anfangs ein Privatkonto sein mußte,
wurde in ein Vereinskonto umgewandelt - auch hier hat alles geklappt
(Kto-Nummer im Impressum).
Wir haben, wie auf der Gründungsversammlung beschlossen,
die Mitgliedschaft im Dachverband psychosozialer Hilfsvereinigungen
e.V. beantragt, haben aber leider noch keine Antwort bekommen.
Bei unserer öffentlichen Adressenliste sind drei
neue Adressen hinzugekommen - somit gibt es inzwischen bundesweit neunzehn
Gruppen bzw. AnsprechpartnerInnen in siebzehn Städten zum Thema
Stimmenhören.
Unser Beirat ist so gut wie komplett - alle, die wir gefragt
hatten, haben zugesagt, im Beirat Mitglied zu werden. Somit sieht der
Beirat wie folgt aus: Dr. Thomas Bock (Psychologe, Hamburg), Professor
Dr. Hinderk Emrich (Psychiater, Hannover), Dr. Monika Hoffmann
(Psychologin, Berlin), Walter von Lucadou Parapsychologe, Freiburg),
Irene Stratenwerth (Jounalistin, Hamburg), Professor Dr. Marius Romme
(Psychiater, Holland). Jetzt fehlt uns nur noch ein(e) Geistliche(r).
Wir haben inzwischen 35 Mitglieder (Stand Februar 99),
wobei die stimmenhörenden Menschen in der Mehrzahl sind. Allen
Stimmenhörerjournalen liegt eine Beitrittserklärung bei, mit
der Bitte, sie an Interessierte weiterzugeben. Wir brauchen dringend
neue Mitglieder, denn wir bekommen keine öffentlichen Zuwendungen
und finanzieren uns nur durch Mitgliedsbeiträge.
Im letzten Stimmenhörerjournal riefen wir zu einem
Wettbewerb bezüglich des künftigen Logos für unser NeSt
auf. Herzlichen Dank allen EinsenderInnen für ihre Mühe. Wir
sind schon ganz gespannt, ob einer der Entwürfe das große
Los (sprich Buch) ziehen wird, oder ob wir uns weiter auf die Suche
begeben werden. Alle Einsendungen haben wir als Illustration für
das jetzige Journal benutzt, um sie unseren Mitgliedern zur Diskussion
stellen zu können. Die Mitgliederversammlung wird darüber
entscheiden, ob und wenn ja, welcher Entwurf genommen wird.
Endlich hat sich auch eine kleine Redaktionsgruppe gefunden
- die meisten kommen aber leider aus Berlin. Wir sind nach wie vor offen
für neue InteressentInnen!
In Hamburg findet, wie in jedem Jahr, vom 6. - 8. Mai
das "Forum Rehabilitation - Brennpunkte in der Psychiatrie" statt. In
diesem Rahmen wird es auch ein Seminar über Stimmenhören geben.
Anschließend wollen wir unsere Mitgliederversammlung abhalten.
Ein Raum wird noch gesucht, Thomas Bock wird sich darum kümmern.
Spätestens vierzehn Tage vor dem Termin erhalten
alle Mitglieder genaue Kenntnisse über den Ort unserer Mitgliederversammlung.
Sie ist öffentlich und Interessierte sind herzlich eingeladen,
daran teilzunehmen.
Wer genaueres über den Kongreß in Hamburg wissen
möchte, kann den Katalog anfordern über:
Forum Rehabilitation 1999, CCH Congress Organisation,
Postfach 302480, 20308 Hamburg, Tel: 040/ 3569-2340.
Das war`s für heute. Wir hoffen sehr, daß
wir uns alle im Mai in Hamburg wiedersehen, wünschen einen schönen
Frühling und verbleiben bis zum Juni
mit freundlichem Gruß
für die Redaktion
Hannelore Klafki
Geister und Dämonen
1968 bin ich nach Schweden gefahren.
Dort rutschte ich auf den Algen einer Insel aus,
und ich schlug mit der linken Kopfseite auf einen Stein.
Ich verlor das Bewußtsein
und sah wieder ein Bild meiner Frau Doris
mit meinem Sohn Achim in Hagen
vor einem Bahnhof.
Als ich wieder erwachte,
hatte ich wahnsinnige Kopfschmerzen;
ich hatte mir eine Gehirnerschütterung zugezogen.
Ich bin mit der Gehirnerschütterung nicht zum Arzt gegangen,
ich habe darauf Haschisch geraucht:
das erstemal in meinem Leben.
Als ich nach Hause kam in Berlin,
war meine Frau mit Achim durchgebrannt,
und ich sollte nicht nach Schweden fahren.
Als es dann zur Scheidung kam 1969,
fing ich an, LSD zu nehmen,
um mich von meiner Eifersucht und dem Liebeskummer
zu entfernen:
in eine andere Bewußtseinsstufe (Ebene).
Ich wurde Hippie mit über dreißig Jahren.
Dann fing ich an,
spirituelle Bücher zu lesen,
und ich bekam ein Ohr für die Musik.
Ich übte ZEN und meditierte.
Und ich ging gern in Diskotheken und tanzte dort.
Wir alle tanzten zur Undergroundmusik.
Eines Tages hörte ich von der Nachbarschaft unter und neben
meiner Wohnung Stimmen.
Es hörte sich an,
als sei da eine Feier.
Eines Tages ging ich dieser Sache auf die Spur
und stellte fest,
daß die Nachbarwohnungen vollkommen ruhig waren:
also hörte ich Geister.
Weiter stellte ich fest,
daß die Bilder,
die ich auf Musik beim Tanzen
mit dem dritten Auge sah,
auch Geister waren,
die sich in Lichtgestalten sichtbar machten.
Eines Nachts ging ich wieder in die Sound-Diskothek,
und ich hörte dort
das erstemal richtige Geister,
die mir sagten,
ich solle LSD nehmen und tanzen.
Dann sagten mir die Geister,
daß ich in drei Diskotheken Geister hören und auch
sehen kann und das dritte Auge bekomme:
das heißt, im "Sound", in der "Tube" und im "Unlimited".
Eines Tages kam ich wieder vom Sound,
wo ich die ganze Nacht getanzt hatte,
nach Hause, legte mich ins Bett und wollte schlafen.
Da hörte ich in meinem rechten Ohr Mädchenstimmen.
Die sagten: "Wir sind die Mädchen!"
Ich bekam Angst und suchte den Notdienst auf (Psychiatrie).
Nach vierzehn Tagen wurde ich nach Hause entlassen.
Es dauerte nicht lange,
da gingen die Dämonen in mein linkes Ohr rein und öffneten
es.
Seitdem hörte ich in meinem linken Ohr Mädchenstimmen
in den Wohnungen, in denen ich lebte.
1973 fuhr ich auf Urlaub nach Portugal.
Als ich danach nach Hause kam,
hörte ich Geister mit Frauenstimmen,
die sich "die Bewußtseinsstufen" nannten;
und ich schrieb sie in direkter Schrift
mit dem Kugelschreiber auf, in Reimen,
und sie diktierten mir sogar Gedichte.
Die Mädchen sagten:
"Hat er Kugelschreiber!"
Mit dieser Bewußtseinsstufe fuhr ich
in den Folgejahren dreimal nach Indien
und schrieb währenddessen alles in Tagebüchern auf.
Diese Aufzeichnungen datieren von 1973 bis 1995.
Die Geister erklärten,
daß die Dämonen mich einschalten zu den Bewußtseinsstufen.
Ich verspürte in den Gedärmen etwas
wie Öffnen und Schließen eines Reißverschlusses.
Dabei wurde ich in den Himmel geschaltet.
Währenddessen rauchte ich weiter Haschisch,
und ich konnte auch über Musik mit den Geistern
gut kommunizieren.
Später sagten mir die Geister,
daß es am Rauchen liegt,
daß ich geschaltet werde.
Ich wurde sogar mit Lazerstrahlen am Körper beschossen
und an den Ohren,
und ich fühlte brennende Schmerzen an den Zehen.
Nur durch Übungen, bei denen ich das Ohr knacksen ließ,
kam ich wieder aus diesen Schmerzen.
Selbst durch das Telefon schalteten sie mich ein,
so als wenn sie mich fernsteuern wollten.
So höre ich im linken Ohr Mädchenstimmen,
am rechten Ohr männliche Stimmen,
die immerfort schreien: "Rauch’!" oder auch:
"Rauch’ nicht mehr, sonst kommst du in die Idioten rein!"
Damit meinen sie den Schalter, der mir das Ohr aufschaltet.
Darüber hinaus hörte ich auch noch die Stimmen
auf der Straße und auch in Kaufhäusern,
in der U-Bahn und außen überall.
Die sagten: "Macht ihr Mädchen rein!"
Nun muß ich Lyogen-Depotspritzen und Akinetontabletten
nehmen alle vierzehn Tage in ärztlicher Behandlung,
um aus Schaltungen und Geisterstimmen herauszukommen.
Reinhold
Die Stimme ist weg
Kurz zu mir: Ich heiße Karin, bin 27 Jahre alt und
Krankenschwester. Als meine Krankheit anfing, arbeitete ich in einem
Krankenhaus in Mannheim. Schon seit 1989 wohne ich nicht mehr bei meinen
Eltern.
Angefangen hat eigentlich alles damit, daß ich im Oktober 1993
einen Zahn gezogen bekommen habe. Es hat sehr stark geblutet. Vor allem
hat es nicht mehr aufgehört zu bluten. Daraufhin bekam ich bei
mir im Krankenhaus vom Stationsarzt Blut abgenommen. Es stellte sich
heraus, daß ich fast keinen Quick (Blutgerinnung) mehr hatte.
Das hatte zur Folge, daß ich bei dem kleinsten Stoß eine
unstillbare Blutung hätte bekommen können. Ich wurde also
sofort im Klinikum Mannheim zur stationären Aufnahme gebracht.
Nach sehr vielen Untersuchungen stellte sich heraus, daß es eine
Markumar- intoxikation war, das heißt, ich hatte ein Medikament
in mir, daß die Blutgerinnung herabsetzt. Dieses Medikament wird
normalerweise bei Patienten angewandt, die eine Thrombose oder ähnliches
haben. Ich versicherte den Ärzten in der Klinik, keinerlei Medizin
zu mir genommen zu haben. Ich mußte zum Psychiater. Der hat mich
tausend Sachen gefragt, aber ich versicherte immer wieder, daß
ich nichts genommen habe. Ich sagte ihm, man hat versucht, mich zu vergiften.
Nach zirka drei Wochen wurde ich dann entlassen. Ich bin zur Polizei
gegangen und habe Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Dieses Verfahren
wurde aber nach ein paar Wochen eingestellt.
In meinem Krankenhaus habe ich mich dann versetzen lassen. Bin auf eine
andere Station gekommen. Dort wurde ich nach sehr kurzer Zeit, nämlich
im Dezember 1993, Stationsvertretung. Aber das ging nicht lange gut.
Im Januar habe ich dann akustische und optische Halluzinationen sowie
Verfolgungswahn bekommen, und zwar während der Dienstzeit. Vor
allem habe ich die Stimme meines Vaters gehört, der mich immer
wieder zum Selbstmord aufrief. Ein Krankenpflegeschüler hat bemerkt,
daß etwas mit mir nicht stimmt. Er hat mich dann nach dem Dienst
sofort ins ZI gebracht, das ist das Zentralinstitut für seelische
Gesundheit in Mannheim, also eine Psychiatrie. Von dort haben sie mich
mit einem Krankenwagen in die Landesklinik Landeck gebracht, weil in
der Klinik ZI kein Bett mehr frei war. Dort blieb ich dann einige Wochen.
Es war die Hölle. Ich wurde oft fixiert und habe versucht, mich
umzubringen. Dann wurde ich vollgestopft mit Medikamenten. Außerdem
stellte sich heraus, daß ich das Markumar im Oktober doch selbst
genommen hatte. Denn ich habe Schizophrenie. Also gespaltene Persönlichkeit
(das heißt, die eine Hälfte von mir wußte nicht, was
die andere tat). Als ich entlassen wurde, brauchte ich keine Medikamente
mehr zu nehmen.
Ich habe dann im Krankenhaus gekündigt und bin in ein ambulantes
Pflegeunternehmen gegangen. Die Stimme meines Vaters hörte ich
immer noch.
Diese Arbeit ging aber auch nicht sehr lange gut. Im Juli 1994 bin ich
dann schon wieder in die Klinik gekommen, ins ZI. Ich hatte versucht,
mich umzubringen. Wurde daraufhin zwangseingewiesen. Dort bekam ich
dann wieder sehr viele Medikamente. Außerdem hat man Elektroschocks
durchgeführt (fünfzehnmal). Aber die Stimme blieb.
Als ich dann im Oktober 1994 entlassen wurde, ging ich wieder arbeiten.
Habe es aber nicht sehr lange ausgehalten. Im Januar 1995 war es dann
wieder soweit. Ich wurde schon wieder zwangseingewiesen. Kam wieder
ins ZI. Dort haben sie nichts weiter gemacht, als mich mit Medikamenten
vollgestopft und mich immer wieder fixiert. Die Stimme von meinem Vater
hörte ich auch noch. Die ganze Zeit, auch als ich arbeiten war.
Ich hörte sie Tag und Nacht. Sie ließ sich nicht beeinflussen.
Dort lernte ich Andreas kennen. Er wollte mich heiraten. Ich habe ihm
gesagt, daß es noch zu früh sei. Ein paar Tage später
hatte er Ausgang. Er ist aus dem 17. Stock gesprungen und war sofort
tot. Ich habe mir große Vorwürfe gemacht, da ich dachte,
es war wegen mir. Alle haben versucht, mir das auszureden. Noch nicht
einmal auf die Beerdigung haben sie mich gehen lassen. Bis heute habe
ich noch keinen Abschied von ihm nehmen können. Ich bin immer noch
nicht darüber hinweg, obwohl es jetzt schon dreieinhalb Jahre her
ist.
Im Mai wurde ich dann entlassen. Ich konnte aber nicht gleich wieder
arbeiten gehen. So kam es, daß man mir zum Oktober 1995 kündigte.
Bis dorthin war ich dann nicht mehr arbeiten. Ich habe Arbeitslosengeld
und eine Umschulung beantragt. Die Umschulung habe ich auch bewilligt
bekommen. Also fing ich am 1. Oktober 1995 eine Ausbildung zur Lehrerin
für Pflegeberufe an. Die Stimme meines Vaters hat mich auch bis
dorthin jede Minute begleitet. Im Dezember 1995 bekam ich wieder einen
Schub und wurde wieder zwangseingewiesen in die Landesklinik Landeck.
So mußte ich die Ausbildung abbrechen.
Aber auch diesmal konnten sie mir in der Klinik nicht helfen. Wieder
bekam ich hochdosiert Medikamente. Natürlich hatten, wie bei den
anderen Klinikaufenthalten auch, die Schwestern keine Zeit (Lust), sich
eingehend mit einem zu befassen. Das Resultat war, daß ich wieder
mehrere Male fixiert wurde. Aber trotz der vielen Medikamente war die
Stimme immer noch präsent. Auch mit meiner sozialen Situation hatten
sie sich nicht befaßt. Ich bekam ja Arbeitslosengeld. Als ich
im März 1996 entlassen wurde, wußte ich nicht, wie es weitergehen
sollte. Ich hatte zwar Freunde, und auch meine Eltern haben mich psychisch
und finanziell unterstützt, aber ich dachte, das kann doch nicht
alles gewesen sein. Ich ging dann in die Begegnungsstätte für
psychisch Kranke. Außerdem machte ich viel Seidenmalerei, packte
meine Querflöte wieder aus, nahm Klavierunterricht und ging in
meine zwei Chöre.
Im Juli 1996 bin ich dann zum fünftenmal in die Klinik gekommen.
Wieder nach Landeck. Und was machten sie? Schon wieder viele Medikamente
und auch Elektroschocks. Diesmal elfmal. In dieser Zeit beantragte meine
Mutter Rente für mich. Sie hat alles selbst geregelt und organisiert.
Alle Unterlagen zusammengesucht und für mich eingereicht. Ich bekam
die Rente bewilligt. Es war eine Zeitrente, befristet bis Oktober 1998.
Als ich dann im Oktober 1996 aus der Klinik entlassen wurde, war ich
wenigstens finanziell abgesichert. Ich ging meinen Hobbys nach, traf
mich mit Freunden und fuhr öfters zu meinen Eltern. Mir ging es
fast ein Jahr einigermaßen gut. Jedoch die Stimme meines Vaters
ließ mich nicht los.
Als es mir dann im Oktober 1997 wieder anfing schlechter zu gehen, hat
ein Bekannter mir von einer Klinik in Buchenbach bei Freiburg erzählt.
Es ist eine anthroposophische Klinik. Dort habe ich mich dann angemeldet.
Mein Zustand verschlechterte sich immer mehr. Endlich bekam ich Anfang
Dezember 1997 einen Platz. Dort habe ich eine ganz andere Art der Behandlung
erfahren. Ich bekam zwar auch Medikamente, und auch ziemlich hoch. Aber
das Personal dort nahm sich sehr viel Zeit für die Patienten. Auch
wenn sie mal wirklich keine Zeit hatten, ging das Gespräch vor.
Man wurde nicht einfach abgefertigt. Als es mir besser ging, durfte
ich sogar einen Arbeitsversuch in einem Altenheim starten. Eine Stunde
am Tag. Es war nicht sehr anspruchsvoll, aber es hat mir großen
Auftrieb gegeben und mir viel Freude bereitet.
In dieser Klinik habe ich auch gelernt, an mir selbst zu arbeiten. Denn
trotz aller Therapiemöglichkeiten ist es sehr wichtig, die Krankheit
akzeptieren zu lernen und sich auch selbst einzugestehen, was man für
Probleme hat. Man muß nicht alles erzählen, aber es sich
selbst eingestehen und versuchen, daran zu arbeiten. Im April 1998 wurde
ich dann entlassen. Aber die Stimme war immer noch da.
Eine große Veränderung stand jetzt an: Ich bin aus meiner
Wohnung ausgezogen und in ein Haus eingezogen, das von einer Stiftung
extra für junge Leute mit einer psychischen Behinderung gebaut
worden ist. Hier habe ich auch meine eigene Wohnung. Es gibt hier auch
einen Gemeinschaftsraum. Jeden Dienstag treffen die Bewohner des Hauses
sich. Auch sonst sehen wir uns oft (manchmal auch zu oft) und kochen
oder unternehmen etwas gemeinsam.
Die Medikamente, die ich nehmen mußte, hatten sehr viele Nebenwirkungen.
Ich hatte zum Beispiel unwillkürliche Zuckungen und habe seit 1994
sechzig Kilogramm zugenommen. Ich war immer müde und schlapp, konnte
weder weinen noch lachen (und ich habe früher sehr gerne und sehr
viel gelacht). Aber sonst ging es mir gut. Außer, daß mich
die Stimme immer noch verfolgte. Aber dies hatte ich inzwischen akzeptiert
und gelernt, damit umzugehen. Was nicht heißt, daß sie mich
nicht gestört hat.
Ich habe mir überlegt, daß ich wieder arbeiten gehen möchte.
Um für mich selbst meine Belastbarkeit zu testen, machte ich im
Juli/August 1998 ein Praktikum in einem Alten- und Pflegeheim. Es war
sehr gut, und ich habe viel Anerkennung und Lob bekommen.
Anfang Juli 1998 habe ich meine ganzen Medikamente abgesetzt. Und was
ist passiert? Mir ging es schlagartig besser. Ich konnte wieder lachen
und auch wieder weinen. Alle sagten, ich hätte wieder das Glitzern
in den Augen wie früher und mein Gesichtsausdruck sei so toll.
Aber keiner wußte, daß ich keine Medikamente mehr nehme.
Außerdem habe ich, seit ich keine Tabletten mehr nehme, fünfzehn
Kilo abgenommen.
Im August 1998 war dann seit vier Jahren das erste Mal die Stimme weg.
Ich habe mich riesig gefreut.
Nun ist es soweit. Ich gehe seit November 1998 wieder arbeiten. Obwohl
ich einige Jahre psychisch krank war und die Stimme mich sehr belastet
hatte, habe ich eine Stelle in meinem Beruf bekommen. Bei der Einstellung
habe ich den Grund meiner früheren Erwerbsunfähigkeit nicht
verschwiegen. Ich finde es toll, daß dort keine Vorurteile herrschen
und ich trotz meiner Geschichte eingestellt wurde.
Seit August 1997 bin ich im Netzwerk Stimmenhören, und seit
es ein Verein ist, auch im Vorstand. Das Netzwerk hat mir viel geholfen.
Ich möchte gerne eine Selbsthilfegruppe gründen in Ludwigshafen,
um Menschen zu helfen, die Stimmen hören oder gehört habe.
Egal, ob diese Stimmen angenehm oder unangenehm sind. Egal, ob sie dabei
psychisch krank sind oder nicht. Denn der Erfahrungsaustausch ist sehr
wichtig und hilfreich.
Noch etwas wollte ich Euch sagen: Macht es nicht wie ich! Setzt nicht
einfach Eure Medikamente ab, denn es kann auch fatale Folgen haben.
Ich hatte Glück. Sprecht zuerst mit dem Arzt und laßt Euch
beraten. Wenn Ihr wirklich die Medizin absetzt, dann beobachtet Euch
gut. Auch bei dem kleinsten Anzeichen oder der kleinsten Veränderung
geht sofort zum Arzt. Denn der kann Euch dann am besten helfen. Auch
ich beobachte nach über einem halben Jahr immer noch ganz genau,
ob nicht wieder etwas auftritt. Denn ich habe große Angst, wieder
in die Klinik zu müssen.
An dieser Stelle wollte ich mich noch bei meinen Eltern bedanken, die
nie die Hoffnung aufgegeben haben. Ich danke Euch, ich bewundere Euch,
ich liebe Euch. Auch bei allen, die mir in der schweren Zeit beigestanden
haben, bedanke ich mich.
So, das war meine Geschichte. Wenn Ihr noch Fragen habt oder mir einfach
erzählen wollt, wie es Euch ging oder geht, dann könnt Ihr
mir gerne über die Netzwerkadresse schreiben. Ich werde auf jeden
Fall antworten.
Karin
Tröstende und beruhigende Stimmen
Ich heiße Anja, ich bin dreißig Jahre alt.
Mein Mann heißt Roland. Wir haben drei Kinder miteinander. Unser
ältester Sohn Daniel wurde 1987 geboren. Man stellte bei unserem
Daniel, als er drei Jahre alt war, fest, daß er zu achtzig Prozent
geistig behindert ist. Am 10. August 1990 kam unser zweiter Sohn zur
Welt. Er ging am 23. August 1990 von uns, ist gestorben. Er hieß
Benjamin. Unser dritter Sohn, Maikel, kam 1992 zur Welt, er ist kerngesund.
Und 1995 kam unser vierter Sohn zur Welt, er heißt David, und
er leidet seit Geburt am ganzen Körper an der Hautkrankheit Neurodermitis.
Dies ist ein kurzer Einblick in unsere Familie. Unser Leben war zwar
mit sehr viel Leid verbunden, aber wir sind trotzdem alle sehr glücklich.
Es ist schon ein halbes Jahr her, daß ich das Buch "Stimmen hören"
gelesen habe. Dieses Buch ist sehr interessant für mich gewesen.
Aber was mich sehr erschreckte, war, daß die Menschen, die in
diesem Buch von sich berichten, mehr negative als positive Stimmen hören.
Deshalb möchte ich sehr gerne meine eigene Geschichte erzählen.
Es begann, als wir unseren Sohn Benjamin verloren hatten. Sie können
sich sicherlich vorstellen, daß wir eine lange schmerzvolle Zeit
durchlebten. Bei mir dauerte es vier, fünf Jahre, bis der Schmerz
nachließ. Denn es geschah eines Tages, daß ich plötzlich
eine Kinderstimme vernahm. Und diese Kinderstimme sagte zu mir: "Mama,
höre bitte auf zu weinen, mir geht es sehr gut, und ich bin in
lieber Obhut." Diese Worte wiederholten sich mehrere Male hintereinander.
Bis ich dann fragte: "Bist du unser Benjamin?", und er antwortete mir:
"Ja, Mama, ich bin’s, euer Benjamin, und mir geht es sehr gut, du brauchst
nicht zu weinen, ich lebe doch und bin immer bei euch."
Ich wußte zwar, daß ich alleine in der Wohnung war, aber
ich drehte mich um, um zu schauen, ob nicht jemand hinter mir stand.
Ich dachte, jetzt fange ich an zu phantasieren oder das bilde ich mir
nur ein. Und immer, wenn ich weinte, weil Benjamin von uns gegangen
war, kamen diese lieben Worte. Sie beruhigten mich ungemein und machten
mich glücklich im Herzen. Dieses Gefühl kann man gar nicht
in Worte fassen, es ist einfach unbeschreiblich.
Diese Worte kamen immer und immer wieder, und mir ging durch meinen
Kopf, daß ich so gerne mit jemandem darüber reden möchte.
Aber ich traute mich nicht, denn sonst stellt man mich für blöd
hin oder gar als krank. Aber ich bin nicht krank oder geistig durcheinander,
nein überhaupt nicht. Ich schwieg einfach darüber, obwohl
das nicht schön ist, zu schweigen, denn man möchte es so gerne
erzählen. Aber, wie gesagt, aus Angst sagt man nichts. Bis ich
eines Tages mit einer Frau, die als Erzieherin in einem Kindergarten
arbeitet, darüber sprach, daß ich die Stimme von unserem
Benjamin höre, und erzählte, was Benjamin zu mir sagt. Sie
meinte, daß ich es annehmen sollte, denn es ist wahr. Ich war
sehr erstaunt, daß sie mir Glauben schenkte, denn sie hört
ja keine Stimmen, aber sie hat andere Fähigkeiten, die sie aber
nicht nutzt. Wir unterhielten uns über viele Dinge, die wir erlebt
haben, und es war wunderschön, endlich einen Menschen gefunden
zu haben, mit dem man darüber sprechen konnte. Mein Wunsch ist,
es möge noch mehr Menschen geben, mit denen man sprechen kann über
solche Dinge. Oder noch besser, daß sich Menschen zusammenfinden,
die auch solche und andere Erlebnisse haben und darüber sprechen.
Denn es quält einen mit der Zeit, nicht darüber reden zu können.
Ich bin der Ansicht, daß es sehr viele Menschen gibt mit Erlebnissen,
über die sie sich nicht zu reden trauen aus Angst, für blöd
gehalten zu werden.
Jedenfalls nahm ich die Worte dieser Frau ernst. Es fing dann an, daß
ich immer mehr Stimmen vernahm. Es waren tröstende und beruhigende
Stimmen. Wenn ich Fragen hatte, dann antwortete mir eine liebe Stimme.
Wenn ich aufgeregt, nervös, ängstlich und unruhig war, beruhigte
mich eine Stimme. Es sind verschiedene Stimmen, mal eine Frauenstimme,
mal eine Männerstimme und mal eine Kinderstimme. Ich kann nur Gutes
darüber berichten, und ich habe damit keine Probleme, ich finde
es sehr schön. Nicht daß ich verrückt werde, nein im
Gegenteil, ich habe mich in positivem Sinne verändert und bin sehr
glücklich damit. Es ist nicht nur, daß ich Stimmen höre,
nein, ich habe noch viele andere Erlebnisse, die ich auch sehr schön
finde. Eines muß ich noch dazu sagen. In meiner Kindheit sah ich
oft zwei Gesichter, zwei schöne Gesichter, von einem Mann und einer
Frau. Für ich war das vollkommen normal, weil ich ja damals noch
nicht wußte, daß das nicht jeder Mensch hatte oder hat.
Aber als ich einmal erfuhr, daß das nicht jeder Mensch hat, da
erschrak ich fürchterlich und bekam vor mir selber Angst, denn
ich wußte ja nicht, was das sollte und wieso ich so etwas erlebte.
Ich stellte mir Fragen: "Wieso ich?" und "Was hat das zu bedeuten und
woher kommt das?" Man sagte mir, daß ich das wegschieben solle,
aber gerade das Gegenteil trat ein, meine Wahrnehmungen verstärkten
sich.
Meine Meinung ist, daß es sehr viel zwischen Himmel und Erde gibt,
was wir Menschen nie richtig herausfinden werden. Ich weiß noch
eins: daß vieles mit unserer Energie zu tun hat. Diese Energie
umgibt jeden Gegenstand und alle Menschen, man nennt sie auch die Aura.
Unsere ganze Erde ist von Energie umgeben. Und was ich noch sagen kann,
ist dies, daß, wenn wir Angst haben, diese Angst auf uns zukommt
und dann passiert, was wir fürchten (negatives Denken). Und wenn
wir positiv denken, kann uns nur Gutes widerfahren. Aber wer denkt heutzutage
nur positiv, das gibt es vielleicht, aber ganz, ganz selten. Unser Leben
ist von negativen und positiven Gedanken geprägt.
Ich wünsche allen von ganzem Herzen alles Liebe und alles Gute.
Es grüßt ganz lieb die
Anja
Zu "noons Geschichte"
(veröffentlicht im Journal 1/98)
Diagnose: Schizophrenie
Habe ich mich so danebenbenommen, oder was hat meinen
Hausarzt dazu getrieben, so schnell diese über alles erhabene "Erkenntnis"
in dieser Eile von sich zu geben? Verantwortungsprobleme? Wollte er
mich weiterverweisen an einen Facharzt für Psychiatrie? - Ich stand
vor der Haustür seiner Praxis und habe mir die Diagnose zum erstenmal
angesehen. Gesagt hatte er nichts, in seiner Eile. Sonst hat er sich
immer viel Zeit gelassen. Freifahrtschein, Krankschreibung, es ging
mir auch wirklich sehr schlecht. Ein Exemplar an die Krankenkasse, ein
zweites an den Arbeitgeber. Da stand ich, ein wenig benommen. Ich sehe
noch seine ängstlichen Augen, einen schnellen Gruß, "auf
Wiedersehen". Ich hatte nicht das Gefühl, daß er mich wiedersehen
wollte. Aber es war nur ein momentanes Gefühl, einseitig wohl!
Angst und Mitleid. So wirkt es wie Schläge. Kein Wort, was das
ist, kein Wort zur Aufmunterung. Raus, schnell raus, bloß keine
Schwäche zeigen. Ich hatte ihm erzählt, frei heraus, von meinem
Vater, meinem Bruder. Ich frage mich heute: Sind Diagnosen eine ansteckende
Krankheit, welche auch zum Tode führen kann?- Der Leser mag sich
seine Gedanken machen.
Niemand zu Hause, tief Luft holen, etwas essen auf den Schreck. Das
Schlimmste, was mir passieren konnte, war passiert. Diagnose: total
verrückt, Wahnsinn, Vollidiot oder was?
Ein Leben lang hatte ich ein negatives Vorbild in dieser
Hinsicht. Der ständige Umgang mit dieser für mich so unbegreifbaren
Krankheit im engsten Familienkreis, ohne auch nur die geringste Ahnung
von den unterschiedlichen Wahrnehmungen anderer Menschen im allgemeinen
und den Wahrnehmungen in Verbindung mit einer seelischen Behinderung
beziehungsweise Krankheit zu haben, hat in mir ungeahnte verdrängte
Ängste schlagartig zum Vorschein kommen lassen. Erschwerend kam
hinzu: ich wollte aus vielerlei Gründen niemals so werden wie mein
Vater. Er war eine ängstliche, jeden näheren körperlichen
Kontakt abwehrende, unabdingbare Autorität. Seine Angst, noch einmal
im Leben wieder etwas falsch zu machen, erforderte seine gesamte Aufmerksamkeit.
Kein Widerspruch, jede unangenehme Frage wurde mit der Drohung niedergeknüppelt:
Ich werde krank, wenn du so weitermachst. - Leider war es so: Er hatte
nicht sich, sondern uns in der Gewalt. Lerneffekt: Widerspruch macht
krank! Ich habe gesunde Vorbilder gesucht, ich fand sie selten oder
wenn, dann reichte es meistens eben doch nicht. Ich hab halt gesucht.
Eine lebenslange Frage nach innen: "Warum fühle ich mich nicht
so, wie ich sein möchte, oder zumindest, wie ich bin?" Mehr war
da nicht - oder war da mehr, mehr als nur eine Anlage zu einer "Sich-selbst-fühl-Problematik"?
Ich habe all das getan, was die Gesellschaft von mir verlangte. Ich
fiel nicht auf, war eher zurückgezogen, aber auf meine Weise habe
ich mich doch durchgesetzt, trotz meiner kleinen Behinderung. Sie wurde
eben nicht erkannt, weder von mir noch von anderen. Jetzt war es plötzlich
aus mit meinem Durchsetzungsvermögen.
Stimme von innen: "Bring dich um, es hat ja doch keinen Sinn, so zu
leben."
Werde ich jetzt verrückt? Wie lange dauert das Verrückt-Werden?
- Ich habe eine riesengroße Eiche umklammert, gestreichelt und
getreten. Es war alles so anders. Ich erwartete eine Antwort - sie,
die Eiche, gab keine Antwort.
Allein zu Haus.
Es kam dicker. Vorausgeschickt: Mein Vater hat in den fünfziger
Jahren versucht, aus dem Leben zu springen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich war damals noch klein, etwa zehn Jahr alt. Die Polizei kam. Mir
wurde verboten, darüber zu sprechen. Auf die Frage einer mir nicht
bekannten erwachsenen Person antwortete ich doch. Es war damals so,
man mußte antworten. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, ein Geheimnis
verraten zu haben. Ich habe dieses Thema nie wieder berührt. Nun
war es wieder da. Fünfunddreißig Jahre im Verborgenen hat
es ausgeharrt, nun war es mit einem ganz anderen Gesicht wieder da.
Eine ähnliche Situation wie damals baute sich auf.
"Tu es nicht" - eine Stimme, nur wo kam sie her? Werde oder bin ich
schon verrückt?
Dank unseres großen Wasserbettes, in das ich sprang, immer wieder,
habe ich mir noch nicht einmal wehgetan. Der Durchbruch war gelungen.
Wenn du mich verarschst, tu ich das gleiche.
Viele, viele Male wiederholte sich der Anspruch, daß ich mich
besser gleich umbringen solle, so habe es ja auch keinen Zweck. Ich
sprang nie wieder ins Bett und schon gar nicht aus dem Fenster. Ich
habe mir niemals einen Plan gemacht, wie ich mich am besten umbringen
könne, auch werde ich es niemals tun. Punktum. Meine eigene innere
Stimme ist in dieser Beziehung noch viel stärker als ich selbst.
Das hat sie all den anderen inneren Anfeindungen zum TROTZ sicher und
absolut durchgesetzt. Ich hätte niemals mein inneres Selbstvertrauen
aus mir selbst ohne diese enorme innere Sicherheit mit einer Stimme
oder mehreren Stimmen in dieser Form aufbauen können.
Irgendwann war die Luft raus. Es kam immer wieder etwas
anderes. Ich habe gelernt, viele, wirklich sehr viele Anfeindungen von
innen her zu überstehen, zu verstehen und auch wieder aus dem Bewußtsein
hinauszutun, hinaus und zurück in das "bewußt werden Könnende",
also in die Bewußtheit, welche mir bekannt werden kann, die nicht
immer ungebeten kommt. Ich nenne es nicht: das Unbewußte und schon
gar nicht: das Unterbewußtsein. Sie haben deutlich unterschiedliche
Bedeutungen und andere Hintergründe.
Ich habe andere Erlebnisse gehabt, welche mich felsenfest denken ließen:
Ich bin der einzige auf der ganzen Welt, der erlebt, was ich erlebe.
Heute weiß ich, daß es für eine lange Zeit ein bedeutender
Schutz für meine Identität war. Ich machte damals noch keine
weiteren Differenzierungen zu all den Identitäten, die es sonst
noch so gibt. Ich möchte aber deutlich machen, daß ich keine
weiteren Innen-Personen kreiert habe. Es waren bestenfalls Teil-Personen,
ich nenne sie auch zum Beispiel schlicht "meinen Komplex des abgelehnten
Vaters". Sie können angesprochen und so leichter aufbereitet werden,
um sie schließlich ganz und gar wieder zu beruhigen.
Heute weiß ich manches besser, nachdem ich andere,
mir früher vollständig unbekannte Wahrnehmungen akzeptiert
habe und gelernt habe, damit umzugehen und sie, nachdem sie durch Besseres
ersetzt werden, wieder inaktiv unbewußt ablegen kann. Ich gebe
meinen bewußten Einfluß wenn immer nur möglich und
sinnvoll wieder dahin ab, "an den, der es besser kann".
Es hat an vielen Stellen Neuordnungen gegeben. Ich habe Jahre dazu gebraucht.
Ich wollte es immer schneller machen, als es möglich war. Ich muß
jeden Tag neu intervenieren, um nicht in psychotische Befindlichkeiten
zu kommen. Auch mit depressiven Zuständen ist nicht zu spaßen.
Der Umgang mit der Inneren Stimme verlangt von mir äußerste
Umsicht und mehr Verantwortungsbewußtein, als ich eigentlich tragen
kann. Um diesen labilen Zustand ein wenig zu stabilisieren, suche ich
nach simplereren, einfacheren Lösungen. Ich kann handwerklich noch
längst nicht das tun, was ich gerne möchte, obwohl ich die
Zeit dazu objektiv ja hätte. Heute, im Februar 1999, habe ich die
bessere Lösung gefunden und integriert.
Warum die Diagnose Schizophrenie?
Der Arzt wurde gerufen. Es waren Freunde zu Besuch, über Nacht
zum Schlafen.
Ich hatte einen zeremoniellen Ritual-Durchbruch im Beisein meiner Frau
und der Freunde. So war es mir noch nie passiert. Es hat lange gedauert.
Hochnotpeinlich. Ich wußte gar nicht, was los war. Ich sagte am
nächsten Morgen zum Arzt: "Nun weiß ich es wieder - ich bin
ich selbst!" - siegessicher auch noch. Bin ich zu weit gegangen? Hätte
er nicht wissen dürfen, daß ich einen Ausgleich in Form von
einer nicht üblichen Wahrnehmung für anders nicht zu bewältigende
Anpassungen gefunden habe?
Er ist sonst ein guter Hausarzt. Er hatte für den Augenblick die
richtige Entscheidung für seine Vermutung getroffen. Er wußte
nicht um meine langjährig gewachsene Empfindlichkeit in bezug auf
das WORT - Schizophrenie. Er wußte nicht um meinen besten Ausgleich
seit einiger Zeit. Ich HÖRTE etwas, wozu ich keinen Bezug finden
konnte, zumindest in weiten Teilen nicht. Schon gar nicht hatte er auch
nur eine leise Ahnung von den in mir brachliegenden besten Möglichkeiten,
in der schwersten Krise meines Lebens einen Umgangsweg mit sonst nicht
zu überwindenden inneren Spannungen zu finden.
Dürfen wir, wir Stimmenhörer, zulassen, daß es heute
immer noch todsicher wirkende Tabus in bezug zum eigenen inneren Organisationsprozeß
gibt? Das Fragezeichen erübrigt sich doch wohl, oder?
Allerdings weiß ich andererseits, wie schwierig
es ist, einen dringend nötigen Reifungsprozeß nachzuholen.
War es denn meine Schuld, daß meine damaligen Bezugspersonen nicht
in der Lage waren, meine relativ kleine Behinderung zu erkennen? Sollte
man in unserer heutigen Gesellschaft nicht langsam mal aufhören
mit der Normierung von Anforderungen und fordern, damit aufzuhören,
die Nöte der in die Enge getriebenen Kinder aus längst überholten
Rangordnungen der mit nichts zu stillenden Gewalt zu ignorieren? Ich
könnte mich zornig schreiben, wenn ich schreiben würde, was
ich denke, welchen realen gesellschaftlichen Wahn ich erlebt habe. Ich
mußte mich zwingen, den Wahn der Zeit wieder weiter mitzumachen,
sonst hätte mich mein persönlicher Wahnsinn aufgefressen.
Ich bin kein Weltverbesserer; das hat man mir als kleinem Kind schon
beigebracht, daß eine Erneuerung in der dilettantischen "Art des
tausendjährigen Reiches" sich wohl doch nicht noch einmal wiederholen
darf.
Ich mußte für eine therapeutische Begleitung
einen Arzt im Ausland aufsuchen, aus mehreren verschiedenen Gründen.
Vielleicht schreibe ich auch darum so simpel, ohne das fachsimpelnde
Psychogeblödel. Unsere Beziehung war frei von den alles vernichtenden
Abhängigkeiten unseres Gesundheitssystems. Wenn ich eine Rechnung
für die Gesamtkosten aufmachen würde, unser "Gaga-Centersystem"
würde krachen gehen. Aber keine Angst, außer hier an dieser
Stelle kein Wort.
Meine Eigendiagnose lautet: manisch depressiv. Über
den Körper sagt man in diesen Kreisen nichts. Außerdem habe
ich die "Aufnahmeprüfung" für eine psychosomatische Tagesklinik
nicht bestanden. Nur damit ich von Fachleuten nicht falsch verstanden
werde: Ich bin niemals in der Gesellschaft auffällig geworden.
Ich sehe Euch schon: Wo hat er seine Manie? - Sucht nur, Ihr könnt
sie nicht finden. Sie ist im Körper versteckt. Ich kann sogar riesige
Narben vorzeigen, uralt, aus meinem ersten Lebensjahr stammend.
Ohne Flachs, die Hauptursache geht ins erste Lebensjahr zurück.
Das will keiner wahrhaben, ich bringe das Konzept der Psychomystiker
und der Neurotechniker durcheinander. Also er ist nicht zu finden, mein
wunder Punkt. Euer blinder Fleck hilft euch, meine Denk-Manie nicht
finden zu können - es sei denn, wir würden doch noch ein vernünftiges
Gespräch führen können. Wären Sie in der Lage, zusammen
mit mir meine Behinderung zu berücksichtigen?
Ich kann lange durchhalten, auch bei allerschwierigsten Themen. Nur
eins kann ich immer noch nicht so richtig: Ich kann meine Überlastungsgrenze
gerade bei diesen Themen sehr schwer einschätzen. Beim ganz normalen
Lesen geht es schon wieder.
Fazit: Schizophrenie kann niemals als Krankheitsbezeichnung
für diesen Personenkreis dienen, das sollte auch jeder Hausarzt
wissen. Denn gerade dieser Patient hat ein Recht auf etwas mehr als
eine fehlerhafte Symptombeschreibung, welche die wenigen Möglichkeiten
auch noch verbaut. Und nicht so viel Angst vor einem selbstverantwortlichen
Patienten, ein einseitiges Gespräch ist immer schlecht! Egal von
welcher Seite. Bei der inneren Sprache muß jeder sehen, wie er
es hinkriegt. Ob er sie hört, sieht oder fühlt, wen geht das
was an? Genau hier ist der Übergang zur menschlich noch möglichen
beziehungsweise nicht mehr möglichen inneren Anpassungsfähigkeit.
Jeder Mensch ist hier individuell auf sich allein gestellt. Ein wenig
Hilfe war mein Traum.
Mein Psychiater hatte eine bessere Diagnose: seelische Krise.
noon
Einladung
zur odentlichen Mitgliederversammlung des Netzwerkes Stimmenhören
e.V. am Freitag, den 8. Mai 1999 um 17:00 Uhr in Hamburg.
Liebe Mitglieder,
im Auftrag des Vorstandes des NeSt darf ich Sie zu unserer
ersten ordentlichen Mitgliederversammlung gemäß Paragraph
8 unserer Satzung einladen.
Vorläufige Tagesordnung:
1. Begrüßung
2. Wahl der Versammlungsleitung und Protokollführung
3. eventuelle Änderungen/Ergänzungen zur Tagesordnung
4. Rechenschaftsbericht des Vorstandes
4. Satzungsänderung (siehe Beschlußvorlage)
5, Beirat
6. Logo
7. eventuelle internationale Tagung im Dezember 1999 in Berlin
8. Verschiedenes
In der Hoffnung auf ein zahlreiches Erscheinen und konstruktive
Diskussionen verbleibe ich
mit freundlichem Gruß
für den Vorstand des NeSt
Hannelore Klafki
Beschlußvorlage zur Satzungsänderung
Netzwerk Stimmenhören e.V.
Der Vorstand
Beschlußvorlage
in der ordentlichen MVV am 07.05.1999
zur Änderung der Satzung des Netzwerkes Stimmenhören e.V.
Vorbemerkung:
In der Anlage zum Freistellungsbescheid vom 17.12.1998 für die
Jahre 1998 und 1999 hat das Finanzamt für Körperschaften I
es für erforderlich gehalten, daß die Satzung den gesetzlichen
Anforderungen angepaßt wird, um auch in Zukunft die Steuervergünstigungen
in Anspruch nehmen zu können. Dieser unbedingten Aufforderung kommt
der Vorstand hiermit nach und empfiehlt der Mitgliederversammlung die
Annahme des folgenden Beschlusses.
Die Mitgliederversammlung beschließt, die Satzung
folgendermaßen zu ändern:
§14, Absatz 2:
Bei Auflösung oder Aufhebung des Netzwerkes oder bei Wegfall (des
gemeinnützigen Zweckes) steuerbegünstigter Zwecke fällt
das Vermögen dem Dachverband psychosozialer Hilfsvereinigungen
e. V. in Bonn zu, der es unmittelbar und ausschließlich
(mit ähnlicher Zielsetzung) für gemeinnützige Zwecke
zu verwenden hat.
Begründung: Der Begriff „steuerbegünstigte Zwecke“
ist weitreichender und schließt einen vorzeitigen Vermögensanfall
aus.
Die bisherigen Textteile sind kursiv und in Klammern, die neuen Textteile
sind unterstrichen dargestellt.
Für den Vorstand
Monika Bessert
Netzwerk Stimmenhören e.V. NeSt
Unsere Gruppen in Deutschland
Liste hier
Verabschiedung von Professor Dr. Marius Romme
Am 14. und 15. Januar 1999 fand die Verabschiedung von
Professor Dr. Marius Romme von der Universität Maastricht in Form
einer internationalen Fachtagung statt. Aus Deutschland waren Thomas
Bock aus Hamburg und ich aus Berlin anwesend. An der Fachtagung beteiligten
sich Experten und Expertinnen des Stimmenhörens und auch der Psychosen.
Die Pionierarbeit von Marius Romme und Sandra Escher bestand darin,
stimmenhörende Menschen zu ermutigen, sich als Experten ihrer Erfahrung
zu erkennen. Das befähigte sie, in einen selbstbewußten Austausch
mit Experten durch Beruf zu treten. Ich konnte mich bei dieser Tagung
wieder davon überzeugen, daß Marius Romme und Sandra Escher
Recht haben: beide Seiten können einander zuhören und voneinander
lernen.
Im Rahmen dieser Tagung kam es zu intensiven fachlichen
Vorträgen und anschließenden lebhaften Diskussionen von beiden
Expertenseiten und zu sehr emotionalen Begegnungen von Menschen, die
in diesem Prozeß - man könnte es schon fast Bewegung nennen
- zu Kampfgefährten und Freunden geworden sind.
Obwohl die Tagung zu Ehren der Verabschiedung aus dem
Berufsleben von Marius Romme stattfand, wurde sehr deutlich, daß
er und auch Sandra Escher weiterhin im Rahmen der internationalen Stimmenhörerbewegung
tätig sein werden. So hat Marius Romme den Ehrenvorsitz des zukünftigen
Beirats des deutschen Netzwerkes Stimmenhören angenommen.
Die Tagung klang aus mit einem rauschenden Fest für
uns Veteranen der Stimmenhörerbewegung.
Monika Hoffmann
Die folgende Grußadresse hat Monika Hoffmann für
unser Nest in Maastricht überbracht.
.
Thank you for Marius Romme
from the German Network Stimmenhören