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Unser kleines Stimmenhörerjournal

Rundbrief des Netzwerk Stimmenhören e.V.
Inhalt Ausgabe 5 (1/99)
 
 

Impressum

NeSt von innen

Geister und Dämonen

Die Stimme ist weg

Tröstende und beruhigende Stimmen

Zu noons Geschichte

Einladung zur Mitgliederversammlung

Beschlußvorlage zur Satzungsänderung

Unsere Gruppen in Deutschland

Verabschiedung von Professor Romme

Grußadresse an Professor Romme
 
 

Impressum
 
 

UNSER KLEINES STIMMENHÖRERJOURNAL
Rundbrief des Netzwerkes Stimmenhören e.V

Herausgeber:
Netzwerk Stimmenhören e.V.,c/o SEKIS,
Albecht-Achilles-Str. 65, 10709 Berlin

e-mail:  stimmenhoeren@gmx.de
Internet-Homepage:      http://privat.schlund.de/s/stimmenhoeren
 

Redaktion:
Assula, Monika Bessert, Monika Büttner,
Hannelore Klafki, Dieter Schwenk, Spoky

Redaktionsleitung und Koordination:
Hannelore Klafki

Erscheinungsweise:
vierteljährlich

Bezugspreis:
Jahresabo inkl. Zustellung 20 DM
Förderabo 40 DM
Einzelheft 3 DM (plus 1,50 DM Porto)

Für NeSt-Mitglieder ist "Unser kleines
Stimmenhörerjournal" im Mitgliedsbeitrag
enthalten.

Bankverbindung
Postbank Berlin
Kto-Nr.: 8091 01-103
BLZ: 10010010
 

Sämtliche persönlich gekennzeichneten Beiträge
 entsprechen nicht unbedingt der Meinung des
Vorstandes oder der der Redaktion.
 
 
 
 

NeSt von innen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir können hiermit die freudige Mitteilung machen, daß uns das Amtsgericht inzwischen als Verein anerkannt hat. Mit Wirkung zum November 1998 erhielten wir vom Finanzamt für Körperschaften den Freistellungsbescheid bis Ende 2000 - d.h., daß auch unsere Gemeinnützigkeit anerkannt wurde. Allerdings müssen wir auf unserer ersten Mitgliederversammlung dafür eine Satzungsänderung durchführen: zwei Worte sind nicht korrekt gewählt und müssen für das Gericht geändert werden (siehe Beschlußvorlage für die Mitgliederversammlung in diesem Heft).

Unser Konto, das anfangs ein Privatkonto sein mußte, wurde in ein Vereinskonto umgewandelt - auch hier hat alles geklappt (Kto-Nummer im Impressum).

Wir haben, wie auf der Gründungsversammlung beschlossen, die Mitgliedschaft im Dachverband psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V. beantragt, haben aber leider noch keine Antwort bekommen.

Bei unserer öffentlichen Adressenliste sind drei neue Adressen hinzugekommen - somit gibt es inzwischen bundesweit neunzehn Gruppen bzw. AnsprechpartnerInnen in siebzehn Städten zum Thema Stimmenhören.

Unser Beirat ist so gut wie komplett - alle, die wir gefragt hatten, haben zugesagt, im Beirat Mitglied zu werden. Somit sieht der Beirat wie folgt aus: Dr. Thomas Bock (Psychologe, Hamburg), Professor Dr. Hinderk Emrich (Psychiater, Hannover),  Dr. Monika Hoffmann (Psychologin, Berlin),  Walter von Lucadou Parapsychologe, Freiburg), Irene Stratenwerth (Jounalistin, Hamburg), Professor Dr. Marius Romme (Psychiater, Holland). Jetzt fehlt uns nur noch ein(e) Geistliche(r).

Wir haben inzwischen 35 Mitglieder (Stand Februar 99), wobei die stimmenhörenden Menschen in der Mehrzahl sind. Allen Stimmenhörerjournalen liegt eine Beitrittserklärung bei, mit der Bitte, sie an Interessierte weiterzugeben. Wir brauchen dringend neue Mitglieder, denn wir bekommen keine öffentlichen Zuwendungen und finanzieren uns nur durch Mitgliedsbeiträge.

Im letzten Stimmenhörerjournal riefen wir zu einem Wettbewerb bezüglich des künftigen Logos für unser NeSt auf. Herzlichen Dank allen EinsenderInnen für ihre Mühe. Wir sind schon ganz gespannt, ob einer der Entwürfe das große Los (sprich Buch) ziehen wird, oder ob wir uns weiter auf die Suche begeben werden. Alle Einsendungen haben wir als Illustration für das jetzige Journal benutzt, um sie unseren Mitgliedern zur Diskussion stellen zu können. Die Mitgliederversammlung wird darüber entscheiden, ob und wenn ja, welcher Entwurf genommen wird.

Endlich hat sich auch eine kleine Redaktionsgruppe gefunden - die meisten kommen aber leider aus Berlin. Wir sind nach wie vor offen für neue InteressentInnen!

In Hamburg findet, wie in jedem Jahr, vom 6. - 8. Mai das "Forum Rehabilitation - Brennpunkte in der Psychiatrie" statt. In diesem Rahmen wird es auch ein Seminar über Stimmenhören geben. Anschließend wollen wir unsere Mitgliederversammlung abhalten. Ein Raum wird noch gesucht, Thomas Bock wird sich darum kümmern.

Spätestens vierzehn Tage vor dem Termin erhalten alle Mitglieder genaue Kenntnisse über den Ort unserer Mitgliederversammlung. Sie ist öffentlich und Interessierte sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.

Wer genaueres über den Kongreß in Hamburg wissen möchte, kann den Katalog anfordern über:
Forum Rehabilitation 1999, CCH Congress Organisation,
Postfach 302480,  20308 Hamburg, Tel: 040/ 3569-2340.

Das war`s  für heute. Wir hoffen sehr, daß wir uns alle im Mai in Hamburg wiedersehen, wünschen einen schönen Frühling und verbleiben bis zum Juni

mit freundlichem Gruß
für die Redaktion
Hannelore Klafki
 
 

Geister und Dämonen

1968 bin ich nach Schweden gefahren.
Dort rutschte ich auf den Algen einer Insel aus,
und ich schlug mit der linken Kopfseite auf einen Stein.
Ich verlor das Bewußtsein
und sah wieder ein Bild meiner Frau Doris
mit meinem Sohn Achim in Hagen
vor einem Bahnhof.
Als ich wieder erwachte,
hatte ich wahnsinnige Kopfschmerzen;
ich hatte mir eine Gehirnerschütterung zugezogen.
Ich bin mit der Gehirnerschütterung nicht zum Arzt gegangen,
ich habe darauf Haschisch geraucht:
das erstemal in meinem Leben.
Als ich nach Hause kam in Berlin,
war meine Frau mit Achim durchgebrannt,
und ich sollte nicht nach Schweden fahren.
Als es dann zur Scheidung kam 1969,
fing ich an, LSD zu nehmen,
um mich von meiner Eifersucht und dem Liebeskummer
zu entfernen:
in eine andere Bewußtseinsstufe (Ebene).
Ich wurde Hippie mit über dreißig Jahren.
Dann fing ich an,
spirituelle Bücher zu lesen,
und ich bekam ein Ohr für die Musik.
Ich übte ZEN und meditierte.
Und ich ging gern in Diskotheken und tanzte dort.
Wir alle tanzten zur Undergroundmusik.
Eines Tages hörte ich von der Nachbarschaft unter und neben
meiner Wohnung Stimmen.
Es hörte sich an,
als sei da eine Feier.
Eines Tages ging ich dieser Sache auf die Spur
und stellte fest,
daß die Nachbarwohnungen vollkommen ruhig waren:
also hörte ich Geister.
Weiter stellte ich fest,
daß die Bilder,
die ich auf Musik beim Tanzen
mit dem dritten Auge sah,
auch Geister waren,
die sich in Lichtgestalten sichtbar machten.
Eines Nachts ging ich wieder in die Sound-Diskothek,
und ich hörte dort
das erstemal richtige Geister,
die mir sagten,
ich solle LSD nehmen und tanzen.
Dann sagten mir die Geister,
daß ich in drei Diskotheken Geister hören und auch
sehen kann und das dritte Auge bekomme:
das heißt, im "Sound", in der "Tube" und im "Unlimited".
Eines Tages kam ich wieder vom Sound,
wo ich die ganze Nacht getanzt hatte,
nach Hause, legte mich ins Bett und wollte schlafen.
Da hörte ich in meinem rechten Ohr Mädchenstimmen.
Die sagten: "Wir sind die Mädchen!"
Ich bekam Angst und suchte den Notdienst auf (Psychiatrie).
Nach vierzehn Tagen wurde ich nach Hause entlassen.
Es dauerte nicht lange,
da gingen die Dämonen in mein linkes Ohr rein und öffneten es.
Seitdem hörte ich in meinem linken Ohr Mädchenstimmen
in den Wohnungen, in denen ich lebte.
1973 fuhr ich auf Urlaub nach Portugal.
Als ich danach nach Hause kam,
hörte ich Geister mit Frauenstimmen,
die sich "die Bewußtseinsstufen" nannten;
und ich schrieb sie in direkter Schrift
mit dem Kugelschreiber auf, in Reimen,
und sie diktierten mir sogar Gedichte.
Die Mädchen sagten:
"Hat er Kugelschreiber!"
Mit dieser Bewußtseinsstufe fuhr ich
in den Folgejahren dreimal nach Indien
und schrieb währenddessen alles in Tagebüchern auf.
Diese Aufzeichnungen datieren von 1973 bis 1995.
Die Geister erklärten,
daß die Dämonen mich einschalten zu den Bewußtseinsstufen.
Ich verspürte in den Gedärmen etwas
wie Öffnen und Schließen eines Reißverschlusses.
Dabei wurde ich in den Himmel geschaltet.
Währenddessen rauchte ich weiter Haschisch,
und ich konnte auch über Musik mit den Geistern
gut kommunizieren.
Später sagten mir die Geister,
daß es am Rauchen liegt,
daß ich geschaltet werde.
Ich wurde sogar mit Lazerstrahlen am Körper beschossen
und an den Ohren,
und ich fühlte brennende Schmerzen an den Zehen.
Nur durch Übungen, bei denen ich das Ohr knacksen ließ,
kam ich wieder aus diesen Schmerzen.
Selbst durch das Telefon schalteten sie mich ein,
so als wenn sie mich fernsteuern wollten.
So höre ich im linken Ohr Mädchenstimmen,
am rechten Ohr männliche Stimmen,
die immerfort schreien: "Rauch’!" oder auch:
"Rauch’ nicht mehr, sonst kommst du in die Idioten rein!"
Damit meinen sie den Schalter, der mir das Ohr aufschaltet.
Darüber hinaus hörte ich auch noch die Stimmen
auf der Straße und auch in Kaufhäusern,
in der U-Bahn und außen überall.
Die sagten: "Macht ihr Mädchen rein!"
Nun muß ich Lyogen-Depotspritzen und Akinetontabletten
nehmen alle vierzehn Tage in ärztlicher Behandlung,
um aus Schaltungen und Geisterstimmen herauszukommen.

Reinhold
 
 

Die Stimme ist weg

Kurz zu mir: Ich heiße Karin, bin 27 Jahre alt und Krankenschwester. Als meine Krankheit anfing, arbeitete ich in einem Krankenhaus in Mannheim. Schon seit 1989 wohne ich nicht mehr bei meinen Eltern.
Angefangen hat eigentlich alles damit, daß ich im Oktober 1993 einen Zahn gezogen bekommen habe. Es hat sehr stark geblutet. Vor allem hat es nicht mehr aufgehört zu bluten. Daraufhin bekam ich bei mir im Krankenhaus vom Stationsarzt Blut abgenommen. Es stellte sich heraus, daß ich fast keinen Quick (Blutgerinnung) mehr hatte. Das hatte zur Folge, daß ich bei dem kleinsten Stoß eine unstillbare Blutung hätte bekommen können. Ich wurde also sofort im Klinikum Mannheim zur stationären Aufnahme gebracht. Nach sehr vielen Untersuchungen stellte sich heraus, daß es eine Markumar-  intoxikation war, das heißt, ich hatte ein Medikament in mir, daß die Blutgerinnung herabsetzt. Dieses Medikament wird normalerweise bei Patienten angewandt, die eine Thrombose oder ähnliches haben. Ich versicherte den Ärzten in der Klinik, keinerlei Medizin zu mir genommen zu haben. Ich mußte zum Psychiater. Der hat mich tausend Sachen gefragt, aber ich versicherte immer wieder, daß ich nichts genommen habe. Ich sagte ihm, man hat versucht, mich zu vergiften. Nach zirka drei Wochen wurde ich dann entlassen. Ich bin zur Polizei gegangen und habe Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Dieses Verfahren wurde aber nach ein paar Wochen eingestellt.
In meinem Krankenhaus habe ich mich dann versetzen lassen. Bin auf eine andere Station gekommen. Dort wurde ich nach sehr kurzer Zeit, nämlich im Dezember 1993, Stationsvertretung. Aber das ging nicht lange gut.
Im Januar habe ich dann akustische und optische Halluzinationen sowie Verfolgungswahn bekommen, und zwar während der Dienstzeit. Vor allem habe ich die Stimme meines Vaters gehört, der mich immer wieder zum Selbstmord aufrief. Ein Krankenpflegeschüler hat bemerkt, daß etwas mit mir nicht stimmt. Er hat mich dann nach dem Dienst sofort ins ZI gebracht, das ist das Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, also eine Psychiatrie. Von dort haben sie mich mit einem Krankenwagen in die Landesklinik Landeck gebracht, weil in der Klinik ZI kein Bett mehr frei war. Dort blieb ich dann einige Wochen. Es war die Hölle. Ich wurde oft fixiert und habe versucht, mich umzubringen. Dann wurde ich vollgestopft mit Medikamenten. Außerdem stellte sich heraus, daß ich das Markumar im Oktober doch selbst genommen hatte. Denn ich habe Schizophrenie. Also gespaltene Persönlichkeit (das heißt, die eine Hälfte von mir wußte nicht, was die andere tat). Als ich entlassen wurde, brauchte ich keine Medikamente mehr zu nehmen.
Ich habe dann im Krankenhaus gekündigt und bin in ein ambulantes Pflegeunternehmen gegangen. Die Stimme meines Vaters hörte ich immer noch.
Diese Arbeit ging aber auch nicht sehr lange gut. Im Juli 1994 bin ich dann schon wieder in die Klinik gekommen, ins ZI. Ich hatte versucht, mich umzubringen. Wurde daraufhin zwangseingewiesen. Dort bekam ich dann wieder sehr viele Medikamente. Außerdem hat man Elektroschocks durchgeführt (fünfzehnmal). Aber die Stimme blieb.
Als ich dann im Oktober 1994 entlassen wurde, ging ich wieder arbeiten. Habe es aber nicht sehr lange ausgehalten. Im Januar 1995 war es dann wieder soweit. Ich wurde schon wieder zwangseingewiesen. Kam wieder ins ZI. Dort haben sie nichts weiter gemacht, als mich mit Medikamenten vollgestopft und mich immer wieder fixiert. Die Stimme von meinem Vater hörte ich auch noch. Die ganze Zeit, auch als ich arbeiten war. Ich hörte sie Tag und Nacht. Sie ließ sich nicht beeinflussen. Dort lernte ich Andreas kennen. Er wollte mich heiraten. Ich habe ihm gesagt, daß es noch zu früh sei. Ein paar Tage später hatte er Ausgang. Er ist aus dem 17. Stock gesprungen und war sofort tot. Ich habe mir große Vorwürfe gemacht, da ich dachte, es war wegen mir. Alle haben versucht, mir das auszureden. Noch nicht einmal auf die Beerdigung haben sie mich gehen lassen. Bis heute habe ich noch keinen Abschied von ihm nehmen können. Ich bin immer noch nicht darüber hinweg, obwohl es jetzt schon dreieinhalb Jahre her ist.
Im Mai wurde ich dann entlassen. Ich konnte aber nicht gleich wieder arbeiten gehen. So kam es, daß man mir zum Oktober 1995 kündigte. Bis dorthin war ich dann nicht mehr arbeiten. Ich habe Arbeitslosengeld und eine Umschulung beantragt. Die Umschulung habe ich auch bewilligt bekommen. Also fing ich am 1. Oktober 1995 eine Ausbildung zur Lehrerin für Pflegeberufe an. Die Stimme meines Vaters hat mich auch bis dorthin jede Minute begleitet. Im Dezember 1995 bekam ich wieder einen Schub und wurde wieder zwangseingewiesen in die Landesklinik Landeck. So mußte ich die Ausbildung abbrechen.
Aber auch diesmal konnten sie mir in der Klinik nicht helfen. Wieder bekam ich hochdosiert Medikamente. Natürlich hatten, wie bei den anderen Klinikaufenthalten auch, die Schwestern keine Zeit (Lust), sich eingehend mit einem zu befassen. Das Resultat war, daß ich wieder mehrere Male fixiert wurde. Aber trotz der vielen Medikamente war die Stimme immer noch präsent. Auch mit meiner sozialen Situation hatten sie sich nicht befaßt. Ich bekam ja Arbeitslosengeld. Als ich im März 1996 entlassen wurde, wußte ich nicht, wie es weitergehen sollte. Ich hatte zwar Freunde, und auch meine Eltern haben mich psychisch und finanziell unterstützt, aber ich dachte, das kann doch nicht alles gewesen sein. Ich ging dann in die Begegnungsstätte für psychisch Kranke. Außerdem machte ich viel Seidenmalerei, packte meine Querflöte wieder aus, nahm Klavierunterricht und ging in meine zwei Chöre.
Im Juli 1996 bin ich dann zum fünftenmal in die Klinik gekommen. Wieder nach Landeck. Und was machten sie? Schon wieder viele Medikamente und auch Elektroschocks. Diesmal elfmal. In dieser Zeit beantragte meine Mutter Rente für mich. Sie hat alles selbst geregelt und organisiert. Alle Unterlagen zusammengesucht und für mich eingereicht. Ich bekam die Rente bewilligt. Es war eine Zeitrente, befristet bis Oktober 1998. Als ich dann im Oktober 1996 aus der Klinik entlassen wurde, war ich wenigstens finanziell abgesichert. Ich ging meinen Hobbys nach, traf mich mit Freunden und fuhr öfters zu meinen Eltern. Mir ging es fast ein Jahr einigermaßen gut. Jedoch die Stimme meines Vaters ließ mich nicht los.
Als es mir dann im Oktober 1997 wieder anfing schlechter zu gehen, hat ein Bekannter mir von einer Klinik in Buchenbach bei Freiburg erzählt. Es ist eine anthroposophische Klinik. Dort habe ich mich dann angemeldet.
Mein Zustand verschlechterte sich immer mehr. Endlich bekam ich Anfang Dezember 1997 einen Platz. Dort habe ich eine ganz andere Art der Behandlung erfahren. Ich bekam zwar auch Medikamente, und auch ziemlich hoch. Aber das Personal dort nahm sich sehr viel Zeit für die Patienten. Auch wenn sie mal wirklich keine Zeit hatten, ging das Gespräch vor. Man wurde nicht einfach abgefertigt. Als es mir besser ging, durfte ich sogar einen Arbeitsversuch in einem Altenheim starten. Eine Stunde am Tag. Es war nicht sehr anspruchsvoll, aber es hat mir großen Auftrieb gegeben und mir viel Freude bereitet.
In dieser Klinik habe ich auch gelernt, an mir selbst zu arbeiten. Denn trotz aller Therapiemöglichkeiten ist es sehr wichtig, die Krankheit akzeptieren zu lernen und sich auch selbst einzugestehen, was man für Probleme hat. Man muß nicht alles erzählen, aber es sich selbst eingestehen und versuchen, daran zu arbeiten. Im April 1998 wurde ich dann entlassen. Aber die Stimme war immer noch da.
Eine große Veränderung stand jetzt an: Ich bin aus meiner Wohnung ausgezogen und in ein Haus eingezogen, das von einer Stiftung extra für junge Leute mit einer psychischen Behinderung gebaut worden ist. Hier habe ich auch meine eigene Wohnung. Es gibt hier auch einen Gemeinschaftsraum. Jeden Dienstag treffen die Bewohner des Hauses sich. Auch sonst sehen wir uns oft (manchmal auch zu oft) und kochen oder unternehmen etwas gemeinsam.
Die Medikamente, die ich nehmen mußte, hatten sehr viele Nebenwirkungen. Ich hatte zum Beispiel unwillkürliche Zuckungen und habe seit 1994 sechzig Kilogramm zugenommen. Ich war immer müde und schlapp, konnte weder weinen noch lachen (und ich habe früher sehr gerne und sehr viel gelacht). Aber sonst ging es mir gut. Außer, daß mich die Stimme immer noch verfolgte. Aber dies hatte ich inzwischen akzeptiert und gelernt, damit umzugehen. Was nicht heißt, daß sie mich nicht gestört hat.
Ich habe mir überlegt, daß ich wieder arbeiten gehen möchte. Um für mich selbst meine Belastbarkeit zu testen, machte ich im Juli/August 1998 ein Praktikum in einem Alten- und Pflegeheim. Es war sehr gut, und ich habe viel Anerkennung und Lob bekommen.
Anfang Juli 1998 habe ich meine ganzen Medikamente abgesetzt. Und was ist passiert? Mir ging es schlagartig besser. Ich konnte wieder lachen und auch wieder weinen. Alle sagten, ich hätte wieder das Glitzern in den Augen wie früher und mein Gesichtsausdruck sei so toll. Aber keiner wußte, daß ich keine Medikamente mehr nehme. Außerdem habe ich, seit ich keine Tabletten mehr nehme, fünfzehn Kilo abgenommen.
Im August 1998 war dann seit vier Jahren das erste Mal die Stimme weg. Ich habe mich riesig gefreut.
Nun ist es soweit. Ich gehe seit November 1998 wieder arbeiten. Obwohl ich einige Jahre psychisch krank war und die Stimme mich sehr belastet hatte, habe ich eine Stelle in meinem Beruf bekommen. Bei der Einstellung habe ich den Grund meiner früheren Erwerbsunfähigkeit nicht verschwiegen. Ich finde es toll, daß dort keine Vorurteile herrschen und ich trotz meiner Geschichte eingestellt wurde.
Seit August 1997 bin ich im Netzwerk  Stimmenhören, und seit es ein Verein ist, auch im Vorstand. Das Netzwerk hat mir viel geholfen. Ich möchte gerne eine Selbsthilfegruppe gründen in Ludwigshafen, um Menschen zu helfen, die Stimmen hören oder gehört habe. Egal, ob diese Stimmen angenehm oder unangenehm sind. Egal, ob sie dabei psychisch krank sind oder nicht. Denn der Erfahrungsaustausch ist sehr wichtig und hilfreich.
Noch etwas wollte ich Euch sagen: Macht es nicht wie ich! Setzt nicht einfach Eure Medikamente ab, denn es kann auch fatale Folgen haben. Ich hatte Glück. Sprecht zuerst mit dem Arzt und laßt Euch beraten. Wenn Ihr wirklich die Medizin absetzt, dann beobachtet Euch gut. Auch bei dem kleinsten Anzeichen oder der kleinsten Veränderung geht sofort zum Arzt. Denn der kann Euch dann am besten helfen. Auch ich beobachte nach über einem halben Jahr immer noch ganz genau, ob nicht wieder etwas auftritt. Denn ich habe große Angst, wieder in die Klinik zu müssen.
An dieser Stelle wollte ich mich noch bei meinen Eltern bedanken, die nie die Hoffnung aufgegeben haben. Ich danke Euch, ich bewundere Euch, ich liebe Euch. Auch bei allen, die mir in der schweren Zeit beigestanden haben, bedanke ich mich.
So, das war meine Geschichte. Wenn Ihr noch Fragen habt oder mir einfach erzählen wollt, wie es Euch ging oder geht, dann könnt Ihr mir gerne über die Netzwerkadresse schreiben. Ich werde auf jeden Fall antworten.
Karin
 
 

Tröstende und beruhigende Stimmen

Ich heiße Anja, ich bin dreißig Jahre alt. Mein Mann heißt Roland. Wir haben drei Kinder miteinander. Unser ältester Sohn Daniel wurde 1987 geboren. Man stellte bei unserem Daniel, als er drei Jahre alt war, fest, daß er zu achtzig Prozent geistig behindert ist. Am 10. August 1990 kam unser zweiter Sohn zur Welt. Er ging am 23. August 1990 von uns, ist gestorben. Er hieß Benjamin. Unser dritter Sohn, Maikel, kam 1992 zur Welt, er ist kerngesund. Und 1995 kam unser vierter Sohn zur Welt, er heißt David, und er leidet seit Geburt am ganzen Körper an der Hautkrankheit Neurodermitis. Dies ist ein kurzer Einblick in unsere Familie. Unser Leben war zwar mit sehr viel Leid verbunden, aber wir sind trotzdem alle sehr glücklich.
Es ist schon ein halbes Jahr her, daß ich das Buch "Stimmen hören" gelesen habe. Dieses Buch ist sehr interessant für mich gewesen. Aber was mich sehr erschreckte, war, daß die Menschen, die in diesem Buch von sich berichten, mehr negative als positive Stimmen hören. Deshalb möchte ich sehr gerne meine eigene Geschichte erzählen.
Es begann, als wir unseren Sohn Benjamin verloren hatten. Sie können sich sicherlich vorstellen, daß wir eine lange schmerzvolle Zeit durchlebten. Bei mir dauerte es vier, fünf Jahre, bis der Schmerz nachließ. Denn es geschah eines Tages, daß ich plötzlich eine Kinderstimme vernahm. Und diese Kinderstimme sagte zu mir: "Mama, höre bitte auf zu weinen, mir geht es sehr gut, und ich bin in lieber Obhut." Diese Worte wiederholten sich mehrere Male hintereinander. Bis ich dann fragte: "Bist du unser Benjamin?", und er antwortete mir: "Ja, Mama, ich bin’s, euer Benjamin, und mir geht es sehr gut, du brauchst nicht zu weinen, ich lebe doch und bin immer bei euch."
Ich wußte zwar, daß ich alleine in der Wohnung war, aber ich drehte mich um, um zu schauen, ob nicht jemand hinter mir stand. Ich dachte, jetzt fange ich an zu phantasieren oder das bilde ich mir nur ein. Und immer, wenn ich weinte, weil Benjamin von uns gegangen war, kamen diese lieben Worte. Sie beruhigten mich ungemein und machten mich glücklich im Herzen. Dieses Gefühl kann man gar nicht in Worte fassen, es ist einfach unbeschreiblich.
Diese Worte kamen immer und immer wieder, und mir ging durch meinen Kopf, daß ich so gerne mit jemandem darüber reden möchte. Aber ich traute mich nicht, denn sonst stellt man mich für blöd hin oder gar als krank. Aber ich bin nicht krank oder geistig durcheinander, nein überhaupt nicht. Ich schwieg einfach darüber, obwohl das nicht schön ist, zu schweigen, denn man möchte es so gerne erzählen. Aber, wie gesagt, aus Angst sagt man nichts. Bis ich eines Tages mit einer Frau, die als Erzieherin in einem Kindergarten arbeitet, darüber sprach, daß ich die Stimme von unserem Benjamin höre, und erzählte, was Benjamin zu mir sagt. Sie meinte, daß ich es annehmen sollte, denn es ist wahr. Ich war sehr erstaunt, daß sie mir Glauben schenkte, denn sie hört ja keine Stimmen, aber sie hat andere Fähigkeiten, die sie aber nicht nutzt. Wir unterhielten uns über viele Dinge, die wir erlebt haben, und es war wunderschön, endlich einen Menschen gefunden zu haben, mit dem man darüber sprechen konnte. Mein Wunsch ist, es möge noch mehr Menschen geben, mit denen man sprechen kann über solche Dinge. Oder noch besser, daß sich Menschen zusammenfinden, die auch solche und andere Erlebnisse haben und darüber sprechen. Denn es quält einen mit der Zeit, nicht darüber reden zu können. Ich bin der Ansicht, daß es sehr viele Menschen gibt mit Erlebnissen, über die sie sich nicht zu reden trauen aus Angst, für blöd gehalten zu werden.
Jedenfalls nahm ich die Worte dieser Frau ernst. Es fing dann an, daß ich immer mehr Stimmen vernahm. Es waren tröstende und beruhigende Stimmen. Wenn ich Fragen hatte, dann antwortete mir eine liebe Stimme. Wenn ich aufgeregt, nervös, ängstlich und unruhig war, beruhigte mich eine Stimme. Es sind verschiedene Stimmen, mal eine Frauenstimme, mal eine Männerstimme und mal eine Kinderstimme. Ich kann nur Gutes darüber berichten, und ich habe damit keine Probleme, ich finde es sehr schön. Nicht daß ich verrückt werde, nein im Gegenteil, ich habe mich in positivem Sinne verändert und bin sehr glücklich damit. Es ist nicht nur, daß ich Stimmen höre, nein, ich habe noch viele andere Erlebnisse, die ich auch sehr schön finde. Eines muß ich noch dazu sagen. In meiner Kindheit sah ich oft zwei Gesichter, zwei schöne Gesichter, von einem Mann und einer Frau. Für ich war das vollkommen normal, weil ich ja damals noch nicht wußte, daß das nicht jeder Mensch hatte oder hat. Aber als ich einmal erfuhr, daß das nicht jeder Mensch hat, da erschrak ich fürchterlich und bekam vor mir selber Angst, denn ich wußte ja nicht, was das sollte und wieso ich so etwas erlebte. Ich stellte mir Fragen: "Wieso ich?" und "Was hat das zu bedeuten und woher kommt das?" Man sagte mir, daß ich das wegschieben solle, aber gerade das Gegenteil trat ein, meine Wahrnehmungen verstärkten sich.
Meine Meinung ist, daß es sehr viel zwischen Himmel und Erde gibt, was wir Menschen nie richtig herausfinden werden. Ich weiß noch eins: daß vieles mit unserer Energie zu tun hat. Diese Energie umgibt jeden Gegenstand und alle Menschen, man nennt sie auch die Aura. Unsere ganze Erde ist von Energie umgeben. Und was ich noch sagen kann, ist dies, daß, wenn wir Angst haben, diese Angst auf uns zukommt und dann passiert, was wir fürchten (negatives Denken). Und wenn wir positiv denken, kann uns nur Gutes widerfahren. Aber wer denkt heutzutage nur positiv, das gibt es vielleicht, aber ganz, ganz selten. Unser Leben ist von negativen und positiven Gedanken geprägt.
Ich wünsche allen von ganzem Herzen alles Liebe und alles Gute.
Es grüßt ganz lieb die                                                                                 Anja
 
 

Zu "noons Geschichte"
(veröffentlicht im Journal 1/98)

Diagnose: Schizophrenie

Habe ich mich so danebenbenommen, oder was hat meinen Hausarzt dazu getrieben, so schnell diese über alles erhabene "Erkenntnis" in dieser Eile von sich zu geben? Verantwortungsprobleme? Wollte er mich weiterverweisen an einen Facharzt für Psychiatrie? - Ich stand vor der Haustür seiner Praxis und habe mir die Diagnose zum erstenmal angesehen. Gesagt hatte er nichts, in seiner Eile. Sonst hat er sich immer viel Zeit gelassen. Freifahrtschein, Krankschreibung, es ging mir auch wirklich sehr schlecht. Ein Exemplar an die Krankenkasse, ein zweites an den Arbeitgeber. Da stand ich, ein wenig benommen. Ich sehe noch seine ängstlichen Augen, einen schnellen Gruß, "auf Wiedersehen". Ich hatte nicht das Gefühl, daß er mich wiedersehen wollte. Aber es war nur ein momentanes Gefühl, einseitig wohl! Angst und Mitleid. So wirkt es wie Schläge. Kein Wort, was das ist, kein Wort zur Aufmunterung. Raus, schnell raus, bloß keine Schwäche zeigen. Ich hatte ihm erzählt, frei heraus, von meinem Vater, meinem Bruder. Ich frage mich heute: Sind Diagnosen eine ansteckende Krankheit, welche auch zum Tode führen kann?- Der Leser mag sich seine Gedanken machen.
Niemand zu Hause, tief Luft holen, etwas essen auf den Schreck. Das Schlimmste, was mir passieren konnte, war passiert. Diagnose: total verrückt, Wahnsinn, Vollidiot oder was?

Ein Leben lang hatte ich ein negatives Vorbild in dieser Hinsicht. Der ständige Umgang mit dieser für mich so unbegreifbaren Krankheit im engsten Familienkreis, ohne auch nur die geringste Ahnung von den unterschiedlichen Wahrnehmungen anderer Menschen im allgemeinen und den Wahrnehmungen in Verbindung mit einer seelischen Behinderung beziehungsweise Krankheit zu haben, hat in mir ungeahnte verdrängte Ängste schlagartig zum Vorschein kommen lassen. Erschwerend kam hinzu: ich wollte aus vielerlei Gründen niemals so werden wie mein Vater. Er war eine ängstliche, jeden näheren körperlichen Kontakt abwehrende, unabdingbare Autorität. Seine Angst, noch einmal im Leben wieder etwas falsch zu machen, erforderte seine gesamte Aufmerksamkeit. Kein Widerspruch, jede unangenehme Frage wurde mit der Drohung niedergeknüppelt: Ich werde krank, wenn du so weitermachst. - Leider war es so: Er hatte nicht sich, sondern uns in der Gewalt. Lerneffekt: Widerspruch macht krank! Ich habe gesunde Vorbilder gesucht, ich fand sie selten oder wenn, dann reichte es meistens eben doch nicht. Ich hab halt gesucht. Eine lebenslange Frage nach innen: "Warum fühle ich mich nicht so, wie ich sein möchte, oder zumindest, wie ich bin?" Mehr war da nicht - oder war da mehr, mehr als nur eine Anlage zu einer "Sich-selbst-fühl-Problematik"?
Ich habe all das getan, was die Gesellschaft von mir verlangte. Ich fiel nicht auf, war eher zurückgezogen, aber auf meine Weise habe ich mich doch durchgesetzt, trotz meiner kleinen Behinderung. Sie wurde eben nicht erkannt, weder von mir noch von anderen. Jetzt war es plötzlich aus mit meinem Durchsetzungsvermögen.
Stimme von innen: "Bring dich um, es hat ja doch keinen Sinn, so zu leben."
Werde ich jetzt verrückt? Wie lange dauert das Verrückt-Werden? - Ich habe eine riesengroße Eiche umklammert, gestreichelt und getreten. Es war alles so anders. Ich erwartete eine Antwort - sie, die Eiche, gab keine Antwort.
Allein zu Haus.
Es kam dicker. Vorausgeschickt: Mein Vater hat in den fünfziger Jahren versucht, aus dem Leben zu springen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich war damals noch klein, etwa zehn Jahr alt. Die Polizei kam. Mir wurde verboten, darüber zu sprechen. Auf die Frage einer mir nicht bekannten erwachsenen Person antwortete ich doch. Es war damals so, man mußte antworten. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, ein Geheimnis verraten zu haben. Ich habe dieses Thema nie wieder berührt. Nun war es wieder da. Fünfunddreißig Jahre im Verborgenen hat es ausgeharrt, nun war es mit einem ganz anderen Gesicht wieder da. Eine ähnliche Situation wie damals baute sich auf.
"Tu es nicht" - eine Stimme, nur wo kam sie her? Werde oder bin ich schon verrückt?
Dank unseres großen Wasserbettes, in das ich sprang, immer wieder, habe ich mir noch nicht einmal wehgetan. Der Durchbruch war gelungen. Wenn du mich verarschst, tu ich das gleiche.
Viele, viele Male wiederholte sich der Anspruch, daß ich mich besser gleich umbringen solle, so habe es ja auch keinen Zweck. Ich sprang nie wieder ins Bett und schon gar nicht aus dem Fenster. Ich habe mir niemals einen Plan gemacht, wie ich mich am besten umbringen könne, auch werde ich es niemals tun. Punktum. Meine eigene innere Stimme ist in dieser Beziehung noch viel stärker als ich selbst. Das hat sie all den anderen inneren Anfeindungen zum TROTZ sicher und absolut durchgesetzt. Ich hätte niemals mein inneres Selbstvertrauen aus mir selbst ohne diese enorme innere Sicherheit mit einer Stimme oder mehreren Stimmen in dieser Form aufbauen können.

Irgendwann war die Luft raus. Es kam immer wieder etwas anderes. Ich habe gelernt, viele, wirklich sehr viele Anfeindungen von innen her zu überstehen, zu verstehen und auch wieder aus dem Bewußtsein hinauszutun, hinaus und zurück in das "bewußt werden Könnende", also in die Bewußtheit, welche mir bekannt werden kann, die nicht immer ungebeten kommt. Ich nenne es nicht: das Unbewußte und schon gar nicht: das Unterbewußtsein. Sie haben deutlich unterschiedliche Bedeutungen und andere Hintergründe.
Ich habe andere Erlebnisse gehabt, welche mich felsenfest denken ließen: Ich bin der einzige auf der ganzen Welt, der erlebt, was ich erlebe. Heute weiß ich, daß es für eine lange Zeit ein bedeutender Schutz für meine Identität war. Ich machte damals noch keine weiteren Differenzierungen zu all den Identitäten, die es sonst noch so gibt. Ich möchte aber deutlich machen, daß ich keine weiteren Innen-Personen kreiert habe. Es waren bestenfalls Teil-Personen, ich nenne sie auch zum Beispiel schlicht "meinen Komplex des abgelehnten Vaters". Sie können angesprochen und so leichter aufbereitet werden, um sie schließlich ganz und gar wieder zu beruhigen.

Heute weiß ich manches besser, nachdem ich andere, mir früher vollständig unbekannte Wahrnehmungen akzeptiert habe und gelernt habe, damit umzugehen und sie, nachdem sie durch Besseres ersetzt werden, wieder inaktiv unbewußt ablegen kann. Ich gebe meinen bewußten Einfluß wenn immer nur möglich und sinnvoll wieder dahin ab, "an den, der es besser kann".
Es hat an vielen Stellen Neuordnungen gegeben. Ich habe Jahre dazu gebraucht. Ich wollte es immer schneller machen, als es möglich war. Ich muß jeden Tag neu intervenieren, um nicht in psychotische Befindlichkeiten zu kommen. Auch mit depressiven Zuständen ist nicht zu spaßen. Der Umgang mit der Inneren Stimme verlangt von mir äußerste Umsicht und mehr Verantwortungsbewußtein, als ich eigentlich tragen kann. Um diesen labilen Zustand ein wenig zu stabilisieren, suche ich nach simplereren, einfacheren Lösungen. Ich kann handwerklich noch längst nicht das tun, was ich gerne möchte, obwohl ich die Zeit dazu objektiv ja hätte. Heute, im Februar 1999, habe ich die bessere Lösung gefunden und integriert.

Warum die Diagnose Schizophrenie?
Der Arzt wurde gerufen. Es waren Freunde zu Besuch, über Nacht zum Schlafen.
Ich hatte einen zeremoniellen Ritual-Durchbruch im Beisein meiner Frau und der Freunde. So war es mir noch nie passiert. Es hat lange gedauert. Hochnotpeinlich. Ich wußte gar nicht, was los war. Ich sagte am nächsten Morgen zum Arzt: "Nun weiß ich es wieder - ich bin ich selbst!" - siegessicher auch noch. Bin ich zu weit gegangen? Hätte er nicht wissen dürfen, daß ich einen Ausgleich in Form von einer nicht üblichen Wahrnehmung für anders nicht zu bewältigende Anpassungen gefunden habe?
Er ist sonst ein guter Hausarzt. Er hatte für den Augenblick die richtige Entscheidung für seine Vermutung getroffen. Er wußte nicht um meine langjährig gewachsene Empfindlichkeit in bezug auf das WORT - Schizophrenie. Er wußte nicht um meinen besten Ausgleich seit einiger Zeit. Ich HÖRTE etwas, wozu ich keinen Bezug finden konnte, zumindest in weiten Teilen nicht. Schon gar nicht hatte er auch nur eine leise Ahnung von den in mir brachliegenden besten Möglichkeiten, in der schwersten Krise meines Lebens einen Umgangsweg mit sonst nicht zu überwindenden inneren Spannungen zu finden.
Dürfen wir, wir Stimmenhörer, zulassen, daß es heute immer noch todsicher wirkende Tabus in bezug zum eigenen inneren Organisationsprozeß gibt? Das Fragezeichen erübrigt sich doch wohl, oder?

Allerdings weiß ich andererseits, wie schwierig es ist, einen dringend nötigen Reifungsprozeß nachzuholen. War es denn meine Schuld, daß meine damaligen Bezugspersonen nicht in der Lage waren, meine relativ kleine Behinderung zu erkennen? Sollte man in unserer heutigen Gesellschaft nicht langsam mal aufhören mit der Normierung von Anforderungen und fordern, damit aufzuhören, die Nöte der in die Enge getriebenen Kinder aus längst überholten Rangordnungen der mit nichts zu stillenden Gewalt zu ignorieren? Ich könnte mich zornig schreiben, wenn ich schreiben würde, was ich denke, welchen realen gesellschaftlichen Wahn ich erlebt habe. Ich mußte mich zwingen, den Wahn der Zeit wieder weiter mitzumachen, sonst hätte mich mein persönlicher Wahnsinn aufgefressen. Ich bin kein Weltverbesserer; das hat man mir als kleinem Kind schon beigebracht, daß eine Erneuerung in der dilettantischen "Art des tausendjährigen Reiches" sich wohl doch nicht noch einmal wiederholen darf.

Ich mußte für eine therapeutische Begleitung einen Arzt im Ausland aufsuchen, aus mehreren verschiedenen Gründen. Vielleicht schreibe ich auch darum so simpel, ohne das fachsimpelnde Psychogeblödel. Unsere Beziehung war frei von den alles vernichtenden Abhängigkeiten unseres Gesundheitssystems. Wenn ich eine Rechnung für die Gesamtkosten aufmachen würde, unser "Gaga-Centersystem" würde krachen gehen. Aber keine Angst, außer hier an dieser Stelle kein Wort.

Meine Eigendiagnose lautet: manisch depressiv. Über den Körper sagt man in diesen Kreisen nichts. Außerdem habe ich die "Aufnahmeprüfung" für eine psychosomatische Tagesklinik nicht bestanden. Nur damit ich von Fachleuten nicht falsch verstanden werde: Ich bin niemals in der Gesellschaft auffällig geworden. Ich sehe Euch schon: Wo hat er seine Manie? - Sucht nur, Ihr könnt sie nicht finden. Sie ist im Körper versteckt. Ich kann sogar riesige Narben vorzeigen, uralt, aus meinem ersten Lebensjahr stammend.
Ohne Flachs, die Hauptursache geht ins erste Lebensjahr zurück. Das will keiner wahrhaben, ich bringe das Konzept der Psychomystiker und der Neurotechniker durcheinander. Also er ist nicht zu finden, mein wunder Punkt. Euer blinder Fleck hilft euch, meine Denk-Manie nicht finden zu können - es sei denn, wir würden doch noch ein vernünftiges Gespräch führen können. Wären Sie in der Lage, zusammen mit mir meine Behinderung zu berücksichtigen?
Ich kann lange durchhalten, auch bei allerschwierigsten Themen. Nur eins kann ich immer noch nicht so richtig: Ich kann meine Überlastungsgrenze gerade bei diesen Themen sehr schwer einschätzen. Beim ganz normalen Lesen geht es schon wieder.

Fazit: Schizophrenie kann niemals als Krankheitsbezeichnung für diesen Personenkreis dienen, das sollte auch jeder Hausarzt wissen. Denn gerade dieser Patient hat ein Recht auf etwas mehr als eine fehlerhafte Symptombeschreibung, welche die wenigen Möglichkeiten auch noch verbaut. Und nicht so viel Angst vor einem selbstverantwortlichen Patienten, ein einseitiges Gespräch ist immer schlecht! Egal von welcher Seite. Bei der inneren Sprache muß jeder sehen, wie er es hinkriegt. Ob er sie hört, sieht oder fühlt, wen geht das was an? Genau hier ist der Übergang zur menschlich noch möglichen beziehungsweise nicht mehr möglichen inneren Anpassungsfähigkeit. Jeder Mensch ist hier individuell auf sich allein gestellt. Ein wenig Hilfe war mein Traum.
Mein Psychiater hatte eine bessere Diagnose: seelische Krise.

                                                                                       noon
 
 

Einladung
zur odentlichen Mitgliederversammlung des Netzwerkes Stimmenhören e.V. am Freitag, den 8. Mai 1999 um 17:00 Uhr in Hamburg.















Liebe Mitglieder,
im  Auftrag des Vorstandes des  NeSt darf ich Sie zu unserer ersten  ordentlichen Mitgliederversammlung gemäß Paragraph 8 unserer Satzung einladen.
 

Vorläufige Tagesordnung:

1. Begrüßung
2. Wahl der Versammlungsleitung und Protokollführung
3. eventuelle Änderungen/Ergänzungen zur Tagesordnung
4. Rechenschaftsbericht des Vorstandes
4. Satzungsänderung (siehe Beschlußvorlage)
5, Beirat
6. Logo
7. eventuelle internationale Tagung im Dezember 1999 in Berlin
8. Verschiedenes
 

In der Hoffnung auf ein zahlreiches Erscheinen und konstruktive Diskussionen verbleibe ich
mit freundlichem Gruß
für den Vorstand des NeSt
 
 

Hannelore Klafki
 
 


Beschlußvorlage zur Satzungsänderung
Netzwerk Stimmenhören e.V.
Der Vorstand





Beschlußvorlage

in der ordentlichen MVV am 07.05.1999
zur Änderung der Satzung des Netzwerkes Stimmenhören e.V.
 

Vorbemerkung:
In der Anlage zum Freistellungsbescheid vom 17.12.1998 für die Jahre 1998 und 1999 hat das Finanzamt für Körperschaften I es für erforderlich gehalten, daß die Satzung den gesetzlichen Anforderungen angepaßt wird, um auch in Zukunft die Steuervergünstigungen in Anspruch nehmen zu können. Dieser unbedingten Aufforderung kommt der Vorstand hiermit nach und empfiehlt der Mitgliederversammlung die Annahme des folgenden Beschlusses.

Die Mitgliederversammlung beschließt, die Satzung folgendermaßen zu ändern:

§14, Absatz 2:
Bei Auflösung oder Aufhebung des Netzwerkes oder bei Wegfall (des gemeinnützigen Zweckes) steuerbegünstigter Zwecke fällt das Vermögen dem Dachverband psychosozialer Hilfsvereinigungen e. V.  in Bonn zu, der es unmittelbar und ausschließlich (mit ähnlicher Zielsetzung) für gemeinnützige Zwecke zu verwenden hat.

Begründung: Der Begriff „steuerbegünstigte Zwecke“ ist weitreichender und schließt einen vorzeitigen Vermögensanfall aus.
Die bisherigen Textteile sind kursiv und in Klammern, die neuen Textteile sind unterstrichen dargestellt.

Für den Vorstand
Monika Bessert
 
 



Netzwerk Stimmenhören e.V. NeSt

Unsere Gruppen in Deutschland
Liste hier
 
 
 
 

Verabschiedung von Professor Dr. Marius Romme

Am 14. und 15. Januar 1999 fand die Verabschiedung von Professor Dr. Marius Romme von der Universität Maastricht in Form einer internationalen Fachtagung statt. Aus Deutschland waren Thomas Bock aus Hamburg und ich aus Berlin anwesend. An der Fachtagung beteiligten sich Experten und Expertinnen des Stimmenhörens und auch der Psychosen. Die Pionierarbeit von Marius Romme und Sandra Escher bestand darin, stimmenhörende Menschen zu ermutigen, sich als Experten ihrer Erfahrung zu erkennen. Das befähigte sie, in einen selbstbewußten Austausch mit Experten durch Beruf zu treten. Ich konnte mich bei dieser Tagung wieder davon überzeugen, daß Marius Romme und Sandra Escher Recht haben: beide Seiten können einander zuhören und voneinander lernen.

Im Rahmen dieser Tagung kam es zu intensiven fachlichen Vorträgen und anschließenden lebhaften Diskussionen von beiden Expertenseiten und zu sehr emotionalen Begegnungen von Menschen, die in diesem Prozeß - man könnte es schon fast Bewegung nennen - zu Kampfgefährten und Freunden geworden sind.

Obwohl die Tagung zu Ehren der Verabschiedung aus dem Berufsleben von Marius Romme stattfand, wurde sehr deutlich, daß er und auch Sandra Escher weiterhin im Rahmen der internationalen Stimmenhörerbewegung tätig sein werden. So hat Marius Romme den Ehrenvorsitz des zukünftigen Beirats des deutschen Netzwerkes Stimmenhören angenommen.

Die Tagung klang aus mit einem rauschenden Fest für uns Veteranen der Stimmenhörerbewegung.
Monika Hoffmann
 
 
 
 
 

Die folgende Grußadresse hat Monika Hoffmann für unser Nest in Maastricht überbracht.
 

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Thank you for Marius Romme
from the German Network Stimmenhören





 

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