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Unser kleines Stimmenhörerjournal

Inhalt Ausgabe 2 (2/97)

Wir über uns

Deutsches Stimmenhörernetzwerk im Entstehen:
Protokoll vom Workshop in Hamburg

Den Stimmen auf der Spur
Teil 1: Die Psychologie

Berichte von StimmenhörerInnen:
Ein Freund?
Voll erwischt
Sich nicht verlieren

Bericht einer Angehörigen:
Mein Sohn hört Stimmen

Den Stimmen auf der Spur
Teil 2: Die Hirnforschung
 
 

 
 

WIR ÜBER UNS

Pünktlich zu unserem 2. Stimmenhörertreffen erscheint hiermit wieder "Unser kleines Stimmenhörerjournal". Die 1. Ausgabe hatte eine Auflage von ca 200 Stück! Wir waren selber ganz erstaunt und sind gespannt, wieviel wir diesmal herstellen werden.

Viel hat sich ereignet - manchmal hatten wir aber auch das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Die Fluktuation in unserer Gruppe ist groß. Wir haben Leute kennengelernt, die kaum Probleme mit ihren Stimmen haben, aber auch solche, die schlimme Sachen mit sich und anderen gemacht haben und teilweise unter schweren Neuroleptika stehen.

Für 98 sind in Berlin zwei zusätzliche Gruppen geplant
 

* ein monatlicher Frauenstammtisch (jeden 1. Freitag

um 18.00 Uhr) im Cafe Pinelli, Ebersstraße 67 in

Schöneberg

* ein Informationsaustausch auch für andere Interes-

sierte (Angehörige, Profis, Psychiatrie-Erfahrene)

jeden 2. und 4. Donnerstag im Monat um 18.00 Uhr in

den Räumen des Tageszentrums der Pinel-Gesellschaft

Ebersstraße 67 in Schöneberg.
 

Hannelore Klafki ist zusammen mit Günter Rieger aus Kiel und Dr. Thomas Bock aus Hamburg in einer Talk-Show aufgetreten (Schreinemakers), um mitzuteilen, wie das ist, Stimmen zu hören - das Ergebnis war nicht so zufriedenstellend. Alles wurde nur angerissen, und die drei wurden - obwohl sie sich tapfer schlugen - in einem Wahnsinnstempo über den Bildschirm gejagt.

Am 12.April fand im Psychologischen Institut der Uni Hamburg ein erster deutscher Workshop für Stimmenhörer statt (siehe Protokoll in dieser Ausgabe).

In der "GEO Wissen" (September 97) ist ein Intervieuw mit Dr. Thomas Bock und Hannelore Klaki zum Thema erschienen: leider sehr oberflächlich und mit z.T. hinzugedichteten Aussagen (jedenfalls bei Hannelores Teil) - schade.

Ende August gab es wieder ein internationales Treffen in Maastricht, auf dem endlich das schon lange überfällige internationale Stimmenhörer-Netzwerk gegründet wurde (Bericht erscheint in der nächsten Ausgabe).
 

In Deutschland gibt es jetzt 8 Selbsthilfegruppen:

*Berlin, *Braunschweig/Hildesheim, *Duisburg/Köln,

*Kiel, *Ludwigshafen/Heidelberg, *Meppen, *Münster

und *Nürnberg.
 

Die Adressen der jeweiligen AnsprechpartnerInnen können angefordert werden über die vorläufige Geschäftsstellenadresse unseres Netzwerk Stimmenhören

c/o UKE, Thomas Bock, SPA

Martinistraße 52

20246 Hamburg.

Drei StimmenhörerInnen haben wieder für unser Journal geschrieben und diesmal auch eine Angehörige. Außerdem haben wir das Referat von Volkmar Aderhold abgedruckt, das er auf dem Stimmenhörer-Workshop in Hamburg hielt. Wegen seines enormen Umfangs haben wir es zum besseren Verständnis etwas umgestellt und in 2 Teile geteilt. Das vollständige Referat (mit Literaturhinweisen) kann unter obiger Adresse angefordert werden.

Noch einmal an alle: egal ob Stimmenhörer(in), Angehörige(r) oder Profi - wir freuen uns über jeden Beitrag und sind dankbar für Kritik und/oder Anregungen.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen, die uns bei dieser Ausgabe tatkräftig unterstützt haben!

Und jetzt wünschen wir eine anregende Lektüre.

Die HerausgeberInnen
 
 

DEUTSCHES
STIMMENHÖRER - NETZWERK
IM ENTSTEHEN!

Protokoll des 1.Stimmenhörer-Workshops
am 12.04.97 in Hamburg

Am 12.04.97 fand im psychologischen Institut der Universität Hamburg ein erster deutscher Workshop für Stimmenhörer statt. Er folgte dem Vorbild größerer internationaler Veranstaltungen in Maastricht (1995) und Wales (1996). Etwa 100 Stimmenhörer, interessierte Angehörige und Therapeuten trafen sich, um sich über Erklärungsmodelle und Hilfsmöglichkeiten für das Phänomen Stimmenhören auszutauschen. Vier Beiträge eröffneten die Debatte:

- Hannelore Klafki aus Berlin berichtete über ihre Stimmen, die sie in positive und negative unterschied, ihre Funktion als Schutzengel, sowie ihre Erfahrungen mit Psychiatrie und Neuroleptika ("Mein Körper wurde zum Hohlkörper,in dem die Stimmen laut hallten"). Außerdem berichtete sie von ihren Bemühungen, mit den Stimmen zu leben und von ihren Erfahrungen in einer Selbsthilfegruppe.

- Volkmar Aderhold, Psychiater aus Hamburg, stellte verschiedene biologische und psychologische Modelle dar, die bisher alle unzureichend geblieben sind, die vielfältigen subjektiven Erfahrungen abzubilden und zu erklären. Er forderte die Tagungsteilnehmer auf, sich mit der Rolle potentieller Objekte von Forschung nicht zufriedenzugeben, sondern mittels der eigenen Erfahrung Forschungsfragen zu formulieren und Selbsthilfestrategien zu entwickeln.

- Irene Stratenwerth, Journalistin aus Hamburg und Autorin eines Fernsehfilms über Stimmenhören, machte deutlich, daß die Art der öffentlichen Berichterstattung zum Thema das (Selbst)Verständnis der Betroffenen und damit auch ihre Lebensqualität wesentlich mitbestimmt und daß ein Netzwerk wie in Holland oder Großbritannien hier positive Wirkung haben kann.

- Günther Rieger aus Kiel schilderte die positive Bedeutung, aber auch die erheblichen Mühen einer Selbsthilfegruppe.
 

DISKUSSION

Die Diskussion betraf die verschiedenen Möglichkeiten des Verstehens von und des Umgangs mit Stimmen.
 

1) VERSTEHENSANSÄTZE

Die Stimmen nur formal als Symptom einer Krankheit zu behandeln und inhaltlich nicht ernst zu nehmen - die immer noch übliche Haltung der Psychiatrie - wurde einhellig als unzureichend bezeichnet. In wieweit Stimmen als Ausdruck innerer Konflikte oder als sogenannte "spontane paranormale Erfahrungen" (SPE) zu verstehen sind, blieb offen. Sehr unterschiedliche Erklärungsmodelle wurden vertreten. Nach den Forschungen in den Niederlanden ist jedes Modell besser als keins. Bei aller Unterschiedlichkeit wurde eine Aufteilung in hier "spirituelle Erfahrung" und ab dort "Psychose" zurückgewiesen; die Erfahrung des Einzelnen kann von verschiedenen Quellen gespeist sein, vielfältige Bedeutung haben. U.a. wurde vertreten, daß eine Psychose erst dann entsteht, wenn ein freundlicher Umgang mit den Stimmen nicht gelingt.

Offensichtlich ist eine besondere Sensibilität/Dünnhäutigkeit notwendig, um Stimmen hören zu können. Und es scheint auch so zu sein, daß der Charakter der Stimmen auch von den persönlichen und sozialen Bedingungen abhängt und sich mit diesen verändern kann. Beklagt wurde von vielen die Begrenztheit der Sprache, insbesondere der wissenschaftlichen Sprache, durch die bestimmte Erfahrungen wie das Stimmenhören nicht differenziert beschrieben und integriert werden können. Zur Frage der Wahrhaftigkeit formulierte eine Teilnehmerin mit großer Klarheit: "Natürlich sind die Stimmen wahr, sie sind ja da!".

Sind Stimmen immer mit Angst verbunden? Sie können, müssen aber nicht. Außerdem muß Angst nicht falsch, kann notwendiger Selbstschutz sein.
 

2) UMGANG MIT DEN STIMMEN

Verschiedene negative und positive Erfahrungen mit der Psychiatrie wurden ausgetauscht.Im Vordergrund standen aber die Möglichkeiten und Grenzen von Selbsthilfegruppen. Die Erfahrungen von Hannelore Klafki und Günter Rieger machten Mut. In einer Diskussionspause fanden sich Gruppen aus verschiedenen Orten zusammen, die jeweils AnsprechpartnerInnen bestimmten. Außerdem fanden sich sechs Sprecher eines ersten kleinen "Netzwerks der Stimmenhörer".

Volkmar Aderhold und Thomas Bock boten an, bis zur Klärung der Organisation, Serviceleistungen wie Postversand und Vermittlung von Stimmenhörern über die Universität Hamburg zu übernehmen.

Ein zweites Treffen für Stimmenhörer wird auf Einladung von Hannelore Klafki am 25. Oktober 97 in Berlin stattfinden.
 
 

DEN STIMMEN AUF DER SPUR
VON DER PSYCHOLOGIE BIS ZUR HIRNFORSCHUNG

Teil 1: Die Psychologie

Bis heute gibt es erhebliche Unklarheiten beim Definieren des Stimmenhörens, das in der psychiatrischen und neurophysiologischen Wissenschaft und Forschung als eine Form des Halluzinierens aufgefaßt wird. Das Wort kommt aus dem Griechischen und kann übersetzt werden als "das im Geist Umherwandernde". 1572 spricht Lavater von den "ghosts and spirits walking by night".

In allgemeiner Weise wird der Begriff der Halluzinationen folgendermaßen definiert: "Halluzinationen sind für objektiv wirklich gehaltene Sinneseindrücke ohne entsprechenden gleichzeitigen äußeren Sinnesreiz" (Bash 1955), oder Halluzinationen "sind Wahrnehmungen ohne entsprechenden Reiz von außen" (Bleuler, M.1983).

Schaut man jedoch genauer, so ist eine eindeutig abgrenzende Definition der vielfältigen Stimmenhörphänomene gar nicht leicht. So gibt es fließende Übergänge vom Denken zum inneren Sprechen, zum sogenannten Lautwerden der Gedanken, zu Pseudohalluzinationen, die als Sinnestäuschung erkannt werden, zur illusionären Verkennung bis hin zu Halluzinationen im engeren Sinne. Auch unterstellt der Begriff des Reizes in der Definition eine physiologische Theorie der Halluzinationen, die es gar nicht gibt (vergl. Spitzer 1988). Auch besteht keine Übereinstimmung darüber, ob es sich bei diesem Phänomen um Wahrnehmungen der Vorstellungen oder um für Wahrnehmungen gehaltene Vorstellungen oder um eine wahrnehmungsähnliche, jedoch vollkommen andere Erlebnisweise handelt (vergl. Spitzer 1988). Die Frage, was Halluzinationen sind, läßt sich nicht dadurch beantworten, daß man sich für eine der möglichen Definitionen entscheidet. Manchmal mögen Definitionen zweckmäßig sein, wahr werden sie dadurch jedoch noch lange nicht. Genau sind wir nur, wenn wir diese Phänomene beschreiben. Erst das macht ihre Unterschiedlichkeit zu anderem und damit ihre Besonderheit und auch Einzigartigkeit deutlich. Vieles der subjektiven Erfahrungen wird auch dann noch unbeschreibbar bleiben.

Für die Forschung macht dies Probleme, weil sie nicht genau weiß, was sie miteinander vergleicht, weil die Ränder unscharf, die Übergänge fließend und die erklärenden Konzepte so unterschiedlich sind.

Stimmen sind als Halluzinationen mögliche Symptome von definierten psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, den Manien und schweren Depressionen, dem Alkoholdelir und der Verwirrtheit des älteren Menschen und den dissoziativen Zuständen. Als pathognomonisch, d.h., das Vorliegen einer Schizophrenie beweisend, gelten in der Psychiatrie Gedankenlautwerden, Stimmen, die in der dritten Person über den Betroffenen sprechen (dialogisierende Stimmen) und kommentierende Stimmen. Empirisch ließ sich dies jedoch nicht bestätigen (Soodwin u.a. 1971).

Aus epidemiologischen Studien wissen wir, daß Stimmenhören auch außerhalb dieser besonderen Zustände vorkommt. Deshalb ist es niemals hinreichend und beweisend für das Vorliegen einer psychischen Erkrankung. Als vorübergehende Kompensation eines Mangels oder Verlustes sehen Kinder andere Menschen oder Objekte als Begleiter oder hören Trauernde die Stimme ihres verstorbenen Partners. Sensorische Deprivation, Schlafentzug, Nahrungs- und Wasserentzug, Einschlaf- und Aufwachphasen können die Ursache von Halluzinationen in sonst "gesunden" oder besser: unauffälligen Menschen sein. Meist werden solche Halluzinationen jedoch als "nicht wirklich" erlebt und sind als sogenannte Pseudohalluzinationen aufzufassen. Auch wenn Stimmen im Rahmen weiterer psychischer Symptome auftreten, so sind sie auch dann relativ unabhängig von diesen anderen Symptomen, was man mittels sogenannter Faktorenanalyse ermitteln kann.

Auch dies spricht für eine relative Eigenständigkeit dieser Erlebnisform. Allein die Unschärfe und Unklarheit angesichts der bisher mißlungenen Definitions versuche rechtfertigen m.E. die Auseinandersetzung mit der gesamten Breite dieses Phänomens. Das ist gegenwärtig nur in subjektorientierter phänomenologischer Weise möglich.

Auch die psychologischen Theorien sind bisher unbefriedigend geblieben. Allgemein wird von einem Einbruch unbewußter oder vorbewußter Inhalte in das Bewußtsein in Verbindung mit bestimmten Situationen und Bedürfnislagen ausgegangen. Dieses "Material" wird dann in die Außenwelt projiziert. Zugrundeliegende Themen und Inhalte können Schuld- und Schamgefühle sein. Diese erscheinen dann in Form von kritisierenden und zensierenden Stimmen, die als Ausdruck des strafenden Über-Ich nach Freud aufgefaßt werden können. Diese Stimmen werden gleichsam als die Rückkehr in ein frühes entwicklungspsychologisches (kindliches) Stadium der Entwicklung unseres Gewissens aufgefaßt. (Freud selbst hat übrigens - in umgekehrter Weise - "das Über-Ich unter expliziter Bezugnahme auf schizophrene Halluzinationen eingeführt" (Spitzer 1988, Seite 209)). Stimmen können auch wunscherfüllenden Charakter oder das Selbstwertgefühl fördernden Charakter annehmen. Auch sonst verbotene Impulse wie Aggressivität oder Selbstmordimpulse können über gehörte Stimmen ins Bewußtsein eintreten, jedoch in nach außen projizierter Form.

Auf einem anderen theoretischen Hintergrund (der Objektbeziehungstheorie der Psychoanalyse) können Halluzinationen auch als Ausstoßung (Externalisierung) und Projektion von sogenannten bizarren Objekten, die Ausläufer von frühen, in der Kindheit verinnerlichten bösen inneren Objekten sind, aufgefaßt werden. Die projizierende Ausstoßung kann dann auch entlastenden Charakter haben (Bion 1958).

Bis heute gibt es keine allgemein anerkannte umfassende psychologische Theorie zum Phänomen des Stimmenhörens. Es kann sie auch nicht geben, weil es keine allgemein anerkannte Psychologie gibt. Darüber hinaus haben die vorhandenen psychologischen Theorien immer nur Erklärungswert und Gültigkeit für einen Teilbereich der beobachtbaren Stimmenphänomene. Sie sind gleichsam abstrahierende Konstruktionen über die jeweils subjektiv erlebten Stimmenphänomene. Letztlich muß die Konstruktion einer psychologischen Funktion und eines individuellen Sinns aus den jeweils subjektiven Erfahrungen ihren Ausgang nehmen. Auch dies ist Rechtfertigung genug, sich auf die Fülle der phänomenalen Erfahrungen von Stimmenhörern einzulassen, um eine vorschnelle und verkürzende Verallgemeinerung zu vermeiden.

Auf welche Weise können wir also den notwendigen Erkenntniszugewinn und die Erweiterung der autotherapeutischen und therapeutischen Möglichkeiten erreichen? Ich denke, zunächst geht es um den Versuch, die Vielfalt der Stimmenhörphänomene immer genauer zu untersuchen. Hierfür braucht es natürlich die Betroffenen und den Abbau diskriminierender Atmosphäre und die interessierte Bereitschaft der Professionellen, zuzuhören und nachzufragen und wenn irgendwie möglich nicht gleich zu handeln. Problematisch sind Stimmen, die ihre Mitteilung verbieten. Da hätte ich gerne mehr Kenntnis, wie Menschen damit umgegangen sind, wie sie damit leben können und wie sie sich daraus befreien konnten.

Volkmar Aderhold
 
 

EIN FREUND?

Ich höre seit ca 1993 Stimmen. Genau weiß ich nicht, wann es anfing, weil sich die Stimmen hinter anderen Geräuschen versteckten. So sprachen sie mit der Stimme meines jeweiligen Gesprächspartners oder nutzen Geräusche, um Befehle oder Kommentare zu formulieren.

Anfangs glaubte ich an Telepathie, oder daß Gott mit mir redete. Es war teilweise angenehm, wurde aber zunehmend bedrohlicher, weil auch Beschimpfungen und Bedrohungen dazu kamen und - mit zunehmendem Drogenkonsum (Bier und Haschisch) - die Befehle immer verwirrender wurden. Das ging von: "Du wirst umgebracht", "Du hast Aids" bis "Schön Jud" usw. Das war beängstigend und verletzend.

Schließlich ging ich zum HNO-Arzt, der mich sofort in die Nervenklinik-Eschenallee einwies. Ich hatte so etwas wie einen Zusammenbruch und überließ mich völlig den Ärzten. Ich bekam verschiedene Medikamente, die ich zum Teil schlecht vertrug. Die Stimmen waren allerdings weg.

Etwa ein Jahr nahm ich ein Medikament, das ich in der mir entsprechenden Dosis auch vertrug. Dann setzte ich es ab und war weiter stimmenfrei. Erst seit einem halben Jahr habe ich wieder Stimmen. Das kommt sicher aus meiner veränderten Lebensführung.

Ich versuche, mit ihnen zu reden, wie mit einem kleinen Freund. Über den Erfolg kann ich noch nichts sagen. Sie scheinen aber milder.

Auf jeden Fall sollte ich mich nicht unter Druck setzen und Streß vermeiden, denn oft kommen die Stimmen in Phasen der Unzufriedenheit und des übersteigerten Anspruchs an die Wirklichkeit.

Ralf
 
 

VOLL ERWISCHT

Ich bin Ilona - Stimmenhörerin. Was ist denn das Stimmenhören für die Frau Ilona?

Die Frau Ilona, so könnte man sagen, ist von schlechten Geistern heimgesucht worden. Sie gehört zu Frauen, die mit unreinen Geistern verkehren. Es gibt noch eine andere Variante: diese Stimmen sind von Gott.

Wie Sie wollen, liebe Leser, was Ihnen besser gefällt: unreiner Geist oder Liebe von Gott. Tja, da rätselt die Frau Ilona auch.

Aber keines ist jedenfalls bewiesen. Es handelt sich nur um Tatsachen, die mit unserer allgemeinen Welt nichts mehr zu tun haben.

"Der Himmel ist offen" - der Himmel hat sich geöffnet und die Frau Ilona sagt Ihnen, liebe Leser, daß sie als Mensch bestens erblickt ist. Deshalb ist es besser, sich klein zu machen.

Ein kleines Leben, auch gesehen, voll erwischt. Also ich kann Ihnen sagen, liebe Leser, das ist verrückt.

Ilona
 
 

SICH NICHT VERLIEREN

Bei mir begann alles einige Zeit nach dem Tod meiner Eltern, die kurz hintereinander starben. Ich befand mich in meinem Studium in der sehr stressigen Endphase. Plötzlich hörte ich in einer Art Chor, wo im Vordergrund die Stimme meiner Taufpatin war, das Wort "Holla" (was ich zunächst wie eine Bestätigung und Anerkennung auffaßte).

Ich dachte, "na nu, was ist denn das, was wollen die von mir?". Irgendwann kamen dann andere Stimmen dazu - z.B. die einer ehemaligen Kollegin - bis sie jeden Tag da waren. Ich fühlte mich sehr belästigt, fragte mich, was das soll und wußte nicht, wie ich das werten sollte.

Anfangs war ich schon ziemlich bestürzt, hatte Angst und sehr gemischte Gefühle. Doch dann setzte eine Art Gewöhnungsprozeß ein. Je nach Stimmung maß ich dem ganzen mehr oder weniger Bedeutung bei. Manchmal brachte ich die Stimmen mit dem Fernseher oder Radio in Verbindung - was sehr unangenehm war.

Lange Zeit habe ich nicht darüber geredet und alles in mich reingefressen. Da ich in meiner Ausbildung aber gelernt hatte, wer Stimmen hört, ist angeblich schizophren, habe ich immer versucht, die Stimmen zu mir in Beziehung zu setzen. Das hat mir sehr geholfen und ich weiß, daß meine Stimmen nicht real, sondern nur in meinem Kopf sind.

Seitdem höre ich mal mehr, mal weniger und auch mal gar keine Stimmen. Wenn sie auftauchen, setze ich mich hin, beschäftige mich damit, was sie mir sagen und achte darauf, daß sie einen Bezug zu mir haben. Ich empfinde sie dadurch nicht als von außen kommend und abgespalten. Sie gehören zu mir und sind ein Teil von mir.

Ich habe erst in unserer Stimmenhörergruppe angefangen, über mein Stimmenhören zu reden. Jedesmal, wenn wir uns treffen, fragen wir uns gegenseitig, wie es uns mit den Stimmen in der letzten Zeit ergangen ist. Seit einigen Monaten schon kann ich sagen: "ich habe keine Stimmen gehört". Vielleicht liegt das auch daran, daß ich jetzt ungezwungen darüber reden kann und mir rückblickend noch mehr Gedanken über den Sinn meiner Stimmen gemacht habe?
 
 

Vanessa
 
 

MEIN SOHN HÖRT STIMMEN

Ich bin Mutter eines heute 29jährigen Sohnes. Mein Sohn mußte 1987 nach zwei Jahren starken Cannabismißbrauchs zum ersten Mal in die Psychiatrie. Vorangegangen war eine sich ein Jahr hinziehende zunehmende Verwahrlosung, die zuletzt auch zur fast völligen Nahrungsverweigerung führte. Versuche, über diverse Beratungsstellen Hilfe zu bekommen (z.B. Drogen- und Erziehungsberatung, Sozialpsychiatrischer Dienst, Psychologen, Psychiater, Telefonseelsorge, Krisentelefone und was es sonst noch gibt), waren alle fehlgeschlagen.

Am Ende leitete mein Mann eine Zwangseinweisung ein, um unseren Sohn nicht vor unseren Augen verhungern zu lassen. Schon bei der Einweisung stand für die Ärzte die Diagnose Schizophrenie fest, die mein Sohn aber nie von ihnen erfuhr und ich auch nur in unverständlichen Ärztelatein mitgeteilt bekam.

Nach diesem ersten Klinikaufenthalt ging es meinem Sohn jahrelang einigermaßen gut; er war zwar häufig müde, ging aber wieder zur Schule, machte das Abitur und begann zu studieren. 1993 kam er wieder in eine tiefe Krise, die zu erneutem Klinikaufenthalt führte.

In diesem Jahr bemerkte ich zum erstenmal, daß mein Sohn Stimmen hört. Ich war sehr erschrocken, als ich seinen angstvollen, erstarrten Ausdruck sah. Ich hatte ganz deutlich das Gefühl, daß er etwas hörte, was ich aber nicht hören konnte. Ich getraute mich nicht, ihn darauf anzusprechen, dachte, jetzt wird es noch schlim mer, und versuchte, ihn abzulenken. Heute weiß ich, daß es sowohl für ihn als auch für mich sicher besser gewesen wäre, mit ihm über das zu reden, was er hört. Damals sah ich jedoch nur, daß er verstört und handlungsunfähig war, und sein Zustand machte mich selbst auch immer ratloser, ängstlicher und unsicherer.

Leider können wir beide uns auch heute nicht sehr gut über seine Stimmen unterhalten. Aber wenn er doch mal davon spricht, ist das für mich nicht mehr so beunruhigend wie früher. Denn inzwischen habe ich andere Stimmenhörer kennengelernt und weiß, daß Stimmenhören gar nicht automatisch neue Krise, neuen Klinikaufenthalt bedeutet. Der Kontakt und die Gespräche mit anderen Stimmenhörern machen mir auch Hoffnung, daß mein Sohn und ich im Laufe der Zeit doch einmal besser mit seinen Stimmen und unseren Problemen umgehen können. Deshalb kann ich eigentlich nur jedem Angehörigen raten, sich auch mit anderen Psychiatrie-Erfahrenen auszutauschen und nicht nur mit denen aus der eigenen Familie.

Ich persönlich habe erst in einer sogenannten Trialoggruppe, die - angelehnt an die Psychose-Seminare - aus Psychiatrie-Erfahrenen, Profis und Angehörigen bestand gelernt, unbefangener mit Menschen in Grenzsituationen umzugehen, nicht mehr gleich die Katastrophe kommen zu sehen und vor allem nicht in Hofnungslosigkeit zu verfallen. Gespräche mit Psychologen und Ärzten haben mir nicht dabei geholfen, viel theoretische Information beispielsweise über Medikamente, Statistiken, mögliche Ursachen schon gar nicht; in einer Angehörigengruppe hatte ich den Eindruck, mich nutzlos in einem Kreis eigner Traurigkeit, Rat- und Hilflosigkeit und Schuldgefühle zu drehen. Ich bekämpfe diese Gefühle, die bei mir nicht weggehen, wenn ich sie zulasse. Ich möchte die Kraft, die sie mich kosten, für bessere Dinge nutzen. Deshalb bevorzuge ich für mich praktisches Engagement, in dem ich z. B. das Stimmenhörertreffen am 25. Oktober mit vorbereite und künftig die Einrichtung von Zufluchtsorten und Notschlafplätzen für Stimmenhörer aktiv mit unterstützen will.

Monika Thiele
 
 

DEN STIMMEN AUF DER SPUR
VON DER PSYCHOLOGIE BIS ZUR HIRNFORSCHUNG

Teil 2: Die Hirnforschung

Naturwissenschaftliche physiologische Theorien über das Stimmenhören gibt es seit mehr als 100 Jahren. Interessanterweise gab es sie schon, bevor man wirklich physiologische Korrelate von Halluzinationen kannte (vergl. Spitzer 1988). Es herrschte ein physiologischer Reduktionismus, d.h., man glaubte, mit diesen Theorien vollständig erklärt zu haben, was Menschen subjektiv erleben. Heute wissen wir, daß dies nicht Wahrheiten, sondern, wie Jaspers sagte, "Hirnmythologien" waren. Hier einige davon: Stimmen als

* Krampf eines sensiblen Nerven

* als zentrifugale Erregungssteigerung

* es werden sogar zentrifugale Sinnesnerven

postuliert

* als in der Netzhaut abgelagerte Vorstellungen bei

optischen Halluzinationen

(vergl. Spitzer 1988, Seite 33).

Es wurden einfach für psychopathologische Sachverhalte anatomische Strukturen oder physiologische Vorgänge postuliert, die es gar nicht gab. Ob das als Lüge, Irrtum, Täuschung, Mythos oder Wahn aufzufassen ist, überlasse ich dem Leser. Heute gibt es ebenfalls miteinander konkurrierende Modelle:

* Halluzinationen als Erregungsphänomen (Goldstein)

* als Enthemmungsphänomen (West)

* als Störung des Verhältnisses von Wahrnehmen und

und Bewegen, d.h. von Wahrnehmung und Motorik

(Fisher)

* als Rückgriff auf eine menschheitsgeschichtlich

zurückliegende Erlebnisform als einen sogenannten

psychischen Atavismus (Jaynes)

* als gestörtes Zusammenspiel von linker und rechter

Hemisphäre (Siegel)

* als Entkoppelung primärer Wahrnehmungszentren (d.

h. des Hörzentrums beim Stimmenhören) von höheren

* verarbeitenden Assoziationszentren (Marazzi)

Neue Untersuchungsmethoden wie PET (Positron Emission Tomographie), die die regionale Durchblutung durch Messung von intravenös verabreichten radioaktiven Substanzen messen, haben neue Befunde und erklärende Hypothesen erzeugt.

Aktuell gibt es 2 konkurrierende Theorien:

A: So wurde bei schizophrenen Menschen während des Halluzinierensdurch Messung mit PET ein erhöhter Glukoseumsatz in der Hörrinde und im Temporallappen gemessen (Buchsbaum u.a. 1982). Diese wiederum stehen mit dem Mandelkern und dem Hyppocampus (einen Teil des limbischen Systems, u.a. mit Gedächtnisfunktion) in Verbindung (Halgren u.a. 1987). So gehen diese Forscher davon aus, daß es auf diesem Weg zur Aktivierung "akustischer Erinnerungen" kommt.

B: Andere Forschungsgruppen fanden eine stärkere Durchblutung des motorischen Sprachzentrums und weiterer sprachverarbeitender Großhirnareale und eine Unterdurchblutung weiterer sprachverarbeitender Areale bei schizophrenen Menschen im Zustand des Halluzinierens.

Aus den 50er Jahren wissen wir bereits, daß es beim Stimmenhören oft zu meßbaren Stimmbandbewegungen (Messung mit dem EMG) und mit dem Mikrophon registrierbarer Subvokalisation (unhörbares Sprechen) kommt (Gould 1948 u. 1949). Roberts u.a. (1952) konnten befristete spezifische Subvokalisation nur während der Zeiten des Stimmenhörens jedoch in ihren Forschungen nicht bestätigen.

Die erklärende Hypothese besagt, daß das Stimmenhören mit einer erhöhten Aktivität des motorischen Sprachzentrums und eines Teils der Hörrinde einhergeht, wobei es gleichzeitig zu einer Unterfunktion der Hörrindenareale kommt, die eine Steuerung und Bewertung des "inneren Sprechens" vornehmen. Dadurch werden diese gesprochenen Gedanken als fremd erlebt und als von anderen gesprochen gehört.

Viele Fragen werden durch diese letzte Hypothese aufgeworfen:

Könnte es auch sein, daß das registrierte unhörbare Sprechen bereits eine Reaktion auf die gehörte(n) Stimme(n) ist? Wie sind die Befunde der Stimmenhörer zu erklären, bei denen das motorische Sprachzentrum nicht in besonderer Weise aktiviert wird? Wie ist das Hören anderer bekannter und unbekannter Stimmen zu erklären? Kann man subvokal auch Stimmen imitieren? Wie sind vollkommen ich-fremde und der Person nicht bekannte Sprachinhalte zu erklären? Warum sind die gehörten Inhalte dem Menschen oft so fremd und können so schwer als seine eigenen Gedanken (wieder)erkannt werden, wenn sie doch nur Folge seines eigenen inneren Sprechens sind? Das sonst gesprochene Wort kann man doch auch als sien eigenes erkennen. Handelt es sich bei diesen mit der Aktivierung des motorischen Sprachzentrums einhergehenden "Halluzinationen" psychopathologisch eventuell um Gedankenlautwerden? Wie erklärt man das Hören von Musik oder Klängen? Läßt sich eine Unterscheidung, ob die eigene Stimme beteiligt ist, darüber vornehmen, daß die/der Betroffene die eigene Stimme blockiert durch weites Öffnen des Mundes, durch Summen oder durch aktives Sprechen?

Weitere methodische Probleme treten auf, weil sich die Befunde oft nur schwer vergleichen lassen, denn es werden unterschiedliche Personengruppen untersucht: Stimmenhörer mit und ohne Medikation, Stimmenhörer kurz nach dem erstmaligen Auftreten der Symptomatik oder nach langjähriger Erfahrung.
 

Eine weitere Einschränkung ist ebenfalls zu berücksichtigen: alle somatischen Befunde sind immer nur Korrelate zu psychischen Erscheinungen. Es sind Beobachtungen in zwei ganz unterschiedlichen phänomenalen Bereichen (Maturana). Der somatische Bereich ist dem psychischen nicht kausal übergeordnet. Nur unser materialistisches Vorurteil gibt ihm diese scheinbare Überlegenheit. Aber mit keiner noch so feinen physikalischen Messung läßt sich der Umschlagpunkt von Physischem in Psychisches feststellen, der sogenannte psychophysische Übergang. Auch gibt es Möglichkeiten, durch extreme Veränderungen der Umwelt (sensorische Deprivation, tage- und nächtelanges Kajakfahren, extreme Belastung und Bedrohung etc) in sonst "unauffälligen" Menschen Stimmenhören zu erzeugen. Hier ist der Körper als reagierendes Medium offensichtlich. Auch eine frühe Extremerfahrung (z.B. Inzest) als Kind verändert Menschen so, daß sie noch Jahrzehnte später Stimmen hören, die in mehr oder weniger vermitteltem Zusammenhang zu dieser Extremerfahrung stehen. Auch hier ist der Körper als Reagierender offensichtlich. Somatische Befunde machen also noch lange keine Somatogenese, d.h. eine Verursachung durch den Körper.

Wie lassen sich nun die geschilderten Befunde bewerten: M. Spitzer, einer der erfahrensten deutschen Halluzinationsforscher, kommt zu folgender Schlußfolgerung: "Es wurden eine Reihe physiologischer Korrelate gefunden, ohne daß diese zu einer allgemeinen akzeptierten physiologischen Halluzinationstheorie geführt hätten" (Spitzer 1988, Seite 98). All diese Methoden sind "letztlich kaum mehr.....als vage Analogien, die eine jeweils gerade in Mode befindliche Metapher zur Charakterisierung der Veränderungen des Wahrnehmens und Erlebens Schizophrener heranziehen" (Spitzer, 1988 Seite 69). Ist darin eigentlich eine Parallele zu den Stimmenhörern zu sehen, die sich andere Mythen über das Gehirn und über die Welt um sie herum machen? Den einen Mythos nennen wir Wissenschaft, den anderen jedoch Wahn.

Auch heute formt das Erkenntnisinteresse des Wissenschaftlers und der Zeitgeist seine Wahrnehmung und seine Methoden und erst recht seine Interpretationen.

Am Ende sehen wir das, was wir zu sehen wünschen und hoffen. Und morgen wird das zur Mythologie, was sich heute als Wissenschaft darstellt.

Volkmar Aderhold

 

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