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Unser kleines Stimmenhörerjournal

Inhalt Ausgabe 4/2000
Rundbrief Netzwerk Stimmenhören e.V.
4. Jahrgang
Dezember 2000
 

Vorwort
Wahrnehmung/Stimme und Sprache
Stimmenhören und schlechtes Gewissen
Meine Bewältigungsstrategien
Jessicas Rat und Tips
Ich bin Du
Der Dämon
Hellhören

Mein Schicksal
Selbsthilfebewegung u. Psychiatrie
Die Frankfurter Psychiatriewoche
Neues von Polyfonia aus Finnland
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Sämtliche persönlich gekennzeichneten Beiträge entsprechen nicht unbedingt der Meinung des Vorstands oder der Redaktion
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge zu kürzen

Erscheinungsweise
vierteljährlich, zum Ende des Quartals

Bezugspreis
Jahresabo incl. Zustellung 20 DM
Förderabo 40 DM
Einzelheft 3 DM (plus 1,50 DM Porto)
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nun hatten wir doch noch nach langer Zeit wieder einmal weiße Weihnachten und der Winter kam pünktlich in unser Land. Pünktlich zum Jahreswechsel erscheint ebenfalls die letzte Ausgabe 2000 unseres Journals, dann werden auch wir uns ausruhen, denn ein arbeitsames Jahr liegt hinter uns.

Auch für 2001 haben wir uns eine Menge vorgenommen, vor allem damit unser Netzwerk noch bekannter wird. Das wichtigste zuerst: In Berlin wird es am 23. und 24. November wieder eine Tagung im Rathaus Neukölln geben. Tagungstitel ist diesmal:
LEBEN UND ARBEITEN MIT STIMMEN
Folgende Themenkreise sollen diskutiert werden:
· Stimmenhören und Alltag,
· Arbeit an den Stimmen,
· Erwerbsarbeit und Stimmenhören,
· Ausbildung/Studium und Stimmenhören,
· Kreativität und Stimmenhören.
Es hat sich schon eine Vorbereitungsgruppe gegründet, die gern noch weitere Vorschläge annimmt.

Wir haben eine neue Kontaktadresse in Cottbus und bedanken uns bei Frau Ju-Nipkau, die sich dafür zur Verfügung gestellt hat. Somit gibt es jetzt bundesweit 12 Selbsthilfegruppen und 10 Kontaktpersonen in insgesamt 18 Städten. Bei der Gelegenheit: die Mitgliederzahl des Netzwerks ist inzwischen auf 90 angewachsen.

Auf der letzten öffentlichen Redaktionssitzung wurde beschlossen, auch themengebundene Journale so weit dies möglich ist herauszugeben. Das Thema für Journal 1/2001 soll die Beziehungen zwischen Psychiatrie/Psychotherapie und Stimmen hörenden  Menschen umfassen.  Vielleicht kann  der Beitrag von  Ulrich Hagen (s.S. 21) eine Diskussionsgrundlage dafür sein. Wir wünschen uns, dass viele Beiträge bei der Redaktion eingehen, gleichzeitig bitten wir, weitere Journalthemen vorzuschlagen. Unsere nächste öffentliche Redaktionssitzung wird am 19. Februar 2001 um 18.00 Uhr in den Räumen des Netzwerks im S-Bahnhof Schöneberg stattfinden.

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An dieser Stelle möchten wir noch einmal darauf hinweisen, dass unser Journal nur mit Leben gefüllt werden kann, wenn auch Reaktionen auf die einzelnen Beiträge kommen. Leider kommt doch sehr wenig Echo und die Schreiberinnen und Schreiber sind manchmal schon enttäuscht. Wir wünschen uns mehr Briefe, in denen Sie uns mitteilen, wenn Sie mit einem Beitrag einverstanden sind, oder aber selbstverständlich auch, wenn Sie etwas überhaupt nicht nachvollziehen können. Denken Sie immer daran: unser kleines Stimmenhörerjournal soll Forum für alle sein!

In 2001 wird es diesmal drei Fortbildungen zum Thema Stimmenhören geben. Veranstalter ist wieder die DGSP und diesmal auch die Wannsee-Akademie in Berlin. Termin, Ort und Anmeldeadressen können über die Netzwerk-Adresse angefordert werden. Langfristig gesehen will das Netzwerk auch eigene Schulungen anbieten vielleicht die erste sogar schon in 2001.

Im Januar wird es im Deutschlandradio Berlin ein Feature geben: Als ich merkte, da war gar keiner von Roswitha Weck. Der Mitschnitt kann ab Februar bestellt werden.

Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern ein gutes Neues Jahr, viel (Seelen)Kraft und jetzt eine hoffentlich wieder anregende Lektüre

Freundliche Grüße
für die Redaktion
Hannelore Klafki
 
 

Ich verabschiede mich an dieser Stelle, denn ab 2001 wird Andreas Gehrke die Koordination von unserem Journal übernehmen. Er wird in Zukunft für die Redaktion schreiben. Ich bleibe vorerst noch in der Redaktionsgruppe, werde dadurch aber in Zukunft mehr Zeit und Kraft für andere Aufgaben innerhalb des Netzwerkes haben.
Ganz herzliche Grüße
Hannelore Klafki
 
 

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Wahrnehmung
von Imke Skierlo

für wahr nehmen
oder als Hirngespinst?

Was ist eine Halluzination?

Antworten?
Abblocken?
Aussprechen?

In den Wind reden?
Reagieren
oder agieren?

Niemand nimmt wahr
was Du hörst.

Sprichst Du es aus
wer nimmt es dann für Wahr?
 
 

Stimme und Sprache von Imke Skierlo

Sprache und Wort
Wort und Klang
Klang und Wohllaut
Wohllaut und Krach
Krach und Schmerz
Schmerz und Angst

Angst
          und Neuroleptika. . .

Ist das die einzige
Antwort der Wissenschaft?
                                          Imke Skierlo
 
 

Stimmenhören und schlechtes Gewissen

Zum ersten Mal hörte ich Stimmen während meiner zweiten Psychose. Mit den Psychosen war zum ersten Mal in meinem Leben die Situation aufgetreten, dass ich rassistische und antisemitische Gedanken hatte. Bisher in der linken Szene mehr oder weniger aktiv und antirassistisch und projüdisch eingestellt, fetzte mich dieses Faktum ziemlich vom Hocker. Da parallel oder beziehungsweise ein bisschen vorausgehend auch zum ersten Mal die Telepathie, das heißt die nicht willentliche Übertragung meiner Gedanken an andere, einsetzte, potenzierte sich mein schlechtes Gewissen so sehr, dass ich zeitweise kaum noch lebensfähig war.

Unter anderem wies ich mich das erste Mal in die Psychiatrie ein, ein Unterfangen, das zu nichts anderem führte als zu der medikamentösen Unterdrückung meiner gesamten Person in erheblichem Ausmaß, gepaart mit so sinnigen Fragen wie Haben Sie immer noch diese telepathischen Ideen? Dass sich dadurch nichts positiv verändern kann, muss ich, glaube ich, nicht erklären.

Dass die zweite Psychose bereits ein halbes Jahr später folgte, verwundert in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Ich war, auf der Flucht vor der Psychiatrie, bei einer Therapeutenfamilie in einem kleinen Dorf am Waldrand untergekommen. Dort lebte ich meine Psychose, bis sie ein Ausmaß erreichte, dass ohne die Psychiatrie, das heißt medikamentöse Unterdrückung, überhaupt nichts mehr ging. Mit der Hündin der Familie ging ich oft in den Wald. Hierbei passierten mir die ersten Antwortstimmen. Sie waren vernichtend. So erlebte ich, aus den Bäumen telepathisch angeschrien zu werden: Faschistin, Rassistin, Antisemitin!, was natürlich in keiner Situation meines Lebens je auch nur im entferntesten den Tatsachen entsprochen hat. Ich war sehr in Mitleidenschaft gezogen durch die Stimmen, konnte das aber meiner Therapeutin in dieser Familie nicht klarmachen.  Überhaupt wirkte die  Therapie eher  psychoseverschärfend.

Nach der zweiten Psychose lebte ich ein halbes Jahr auf Haldol-Depotspritze - mit das schrecklichste halbe Jahr meines Lebens, denn ich war durch die Depotspritze so ausgebremst, dass ich weder lesen noch sonstwie mein Leben sinnvoll gestalten konnte.
Durch eine positiv verlaufende Therapie und das vorherige Absetzen der Neuroleptika war ich im Jahr darauf in erheblich besserem Zustand. Die einzigen Stimmen, die ich hörte, sagten meistens Dinge wie Sie sind hochintelligent, etwas, was ich in der Phase vorher wirklich gerne gehört hätte, viel lieber als die abwertenden Zuschreibungen der Psychiatrie. Passenderweise hatte ich in dieser positiven Phase auch kaum rassistische und antisemitische Gedanken.

Leider endete diese positive Phase damit, dass meine Mitbewohnerin mich Rausschmiss. Nach zweimonatigem mich-Durchschlafen bei Freunden und vergeblicher Wohnungssuche ging, ich dem Selbstmord nahe aufgrund der Obdachlosigkeit (natürlich gab es noch Pflichten aus dem Mietvertrag, aber die Frau hätte mir die Hölle heiß gemacht), wieder in die Psychiatrie. Ich weiß nicht wie, aber die rassistischen und antisemitischen Gedanken haben dann irgendwann wieder eingesetzt. Dazu kamen die telepathischen Stimmen, die mich für den Inhalt meiner Gedanken angriffen. Sie sagten zum Beispiel, ich sei  die würdige Enkelin meiner Großeltern. Ganz abgesehen davon, dass sie diese nicht kannten, trieben mich die Gedankenstimmen ziemlich zur Verzweiflung, denn sie verstärkten die rassistischen und antisemitischen Gedanken noch und trieben mich in die Enge. Ich denke, ohne dass ich es durchschaute, machten mich die vielen Anklagen und auch Beleidigungen wütend und ich führte die Stimmen auf Juden, Schwarze und Antifaschisten zurück. Deren Kritik an meinen Gedanken gab ich im Grunde recht, was zur Folge hatte, dass ich mich gegen diese Stimmen nicht wehrte. Im Gegenteil hatte ich starke Schuld- und Schamgefühle. Ich fühlte mich schrecklich in dieser Zeit. Mein Selbsthass war teilweise extrem. Nur durch Selbsthass konnte ich so weit kommen, denen Recht zu geben, die mich beschimpften, beleidigten und anklagten. Verschärfend war ja, dass es Stimmen waren, die ich meinem eigenen politischen Spektrum beziehungsweise den Gruppen, mit denen ich mich vorher solidarisiert hatte (Schwarze, Juden/Jüdinnen, AusländerInnen), zurechnete. Im Grunde fühlte ich mich schrecklich drangsaliert und wehrte mich nicht.

Eine Freundin sagte mir empört, meine Stimmen hätten nicht Recht, wenn sie mich angriffen, egal, was ich dachte. Und: wer sei schon politisch korrekt? Das und meine endlich gut verlaufende Therapie brachte mich dazu, mit der Zeit mehr Selbstliebe zu entwickeln. Ich warb bei meinen Stimmen jetzt eher für Verständnis dafür, dass ich mich schlecht fühlte, wobei mir leider solche Gedanken passierten. Auch wenn dieses ständige Mich-erklären-Müssen manchmal auch müde machte.
Eine Wende erfolgte bei der Jahrestagung des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener vor zwei Jahren. Ich hatte Angst gehabt hinzufahren, weil ich mich vor antisemitischen und rassistischen Gedanken fürchtete und glaubte, vor allem von Menschen aus dem antipsychiatrischen Spektrum, das heißt Menschen, die nicht an die Existenz psychischer Krankheit glauben, dafür angegriffen zu werden. Das Gegenteil war der Fall. Mir wurde telepathisch erklärt, dass niemand glaube, dass ich wirklich so sei. Es wurde mir schlicht nicht abgenommen. Dies bestärkte mich unwahrscheinlich und ich fuhr, von positiven, aufbauenden Stimmen begleitet, wieder nach Hause. Das war ein zentraler Moment in meinem Erleben. Von da an ging es mir besser und der Selbsthass wurde gestoppt.

Ich habe seitdem wesentlich weniger angreifende und beleidigende Stimmen, auch wenn sie noch vorkommen. Wenn sie kommen, dann wehre ich mich. Manchmal erkläre ich anklagenden Stimmen auch meine Situation: dass es mir nicht gut geht, dass ich Rassismus und Antisemitismus auch ablehne, aber leider trotzdem manchmal diese Gedanken habe usw. Meistens haben sie dann ein Einsehen und dieses Teufelskreisartige: beschimpft werden und daraufhin erst recht diese Gedanken haben, setzt nicht mehr ein. Vor allem treffen mich diese Stimmen nicht mehr so, seit ich ihren Anklagen und Beleidigungen nicht mehr Recht gebe. Auch wenn es mich nicht ganz kalt lässt, wenn mich eine Stimme, die ich einem Schwarzen zuordne, als Rassistin bezeichnet. Ich nehme diese Zuschreibung aber nicht mehr an.

Dies ist ein Aufruf: Bitte gebt keiner Stimme Recht, die euch jemals beschimpft! Auch wenn eure Gedanken noch so abwegig und widerlich sein mögen. Wer euch schlecht behandelt, hat nie Recht! Tut, was ihr könnt, um euch selbst zu lieben. Und lasst euch von niemandem daran hindern, auch und schon gar nicht im Namen der politischen Korrektheit.

Die Stärke, die ich dadurch gewonnen habe, hilft mir jetzt dabei, die Gedanken zu überwinden. Und es ist schön zu wissen: die Selbsthilfebewegung hat mir dabei sehr geholfen.
Liane

Meine Bewältigungsstrategien im Umgang mit  Stimmen

Ich bin seit 1997 Stimmenhörerin. Nach einer langen, qualvollen Zeit kann ich seit zirka einem halben Jahr ganz gut damit umgehen. Ich habe nach sehr langer Zeit erst begriffen, dass ich nicht die Nachbarn im Haus höre, sondern eine besondere Wahrnehmung habe. Ich hatte auf Grund dessen mich schon in Wahnvorstellungen reingesteigert.

Als erstes darf man sich, wenn man erkannt hat, dass man Stimmenhörer ist, nicht hängen lassen oder resignieren und mit seinem Schicksal hadern (was ich auch anfangs tat). Meine Bewältigungsstrategie war vor allem das Akzeptieren, dass ich Stimmen höre und dieses nun in meinen Alltag integrieren muss, da ich auch noch berufstätig bin und Familie habe.

Das Wichtigste ist, in Kontakt zu den Stimmen zu treten. Es kann keiner von außen, zum Beispiel Angehörige oder Ärzte, direkt helfen, sondern nur indirekt durch Zuhören, Zureden und medikamentöse Behandlung. Die negativen Stimmen sind das Hauptproblem, diese muss man in die Schranken weisen. Sie aber nicht bekämpfen und ignorieren, da sie sehr hartnäckig sind. Man muss auch den negativen Stimmen zuhören und ihnen gegenüber seine Meinung vertreten und mit ihnen diskutieren. Denn nicht immer haben sie Unrecht. Es ist aber auch wichtig, positive Stimmen zu haben und zu gewinnen, da sie bei der Auseinandersetzung mit den negativen Stimmen hilfreich sind. Bei mir war es so, dass die negativen Stimmen zur Einsicht gekommen sind, dass sie Fehler gemacht und mir geschadet haben. Ich bin auch persönlich unter anderem durch die positiven wie negativen Stimmen zu der Einsicht gekommen, dass ich mich ändern muss.

Auf keinen Fall aber sollte man sein Leben und Handeln von den Stimmen abhängig machen. Man muss seinen eigenen Weg aus persönlichen Krisen finden, und wenn man sich keinen Rat weiß, auch mit Menschen darüber reden. Stimmen können Ratgeber sein, aber das Leben muss man selber meistern. Teilweise habe ich versucht, den Ernst aus dem Stimmenhören zu nehmen und manches, was ich höre, mit Humor zu nehmen. Ich habe auch schon über meine Stimmen gelacht. Zu meiner Beruhigung sage ich mir: Es gibt Menschen, die haben Tinnitus, ein ständiges Pfeifen im Ohr; ich habe den Vorteil, dass ich mit meinem Geräusch in Kontakt treten kann und auch um Ruhe bitte.

Ich bin nicht gerade glücklich, dass ich Stimmenhörerin geworden bin, ich versuche aber, damit zu leben. Die Angst vor einer erneuten Psychose kann einem niemand nehmen. Man sollte aber optimistisch bleiben - eventuell bleibt sie ja auch aus.
Elke
 
 

JESSICAS  RAT

Seit geraumer Zeit ist Jessica stimmenhörend. Zum Glück hat sie schnell gelernt, zwischen der wohlklingenden, hilfreichen Stimme von Amadeus Redlich und der Ekelstimme von Timor Phobus Schädlich zu unterscheiden. (s. Stimmenhörerjournal 1/2000, S. 22 - 24)
In einer Tageszeitung liest Jessica, daß ein Netzwerk Stimmenhören gebildet worden ist. Frohgemut nimmt sie an den Zusammenkünften einer Selbsthilfegruppe teil und erhält dort viele Denkanstöße. Aber oh Schreck, oh Graus! Als einzige in der Runde erlebt sie das Stimmenhören überwiegend positiv. Von Experten von Beruf und aus Erfahrung wird dieses uralte Phänomen nach wie vor fast ausschließlich mit Krankheit in Verbindung gebracht. Wie viele Stimmenhörende ist Jessica ein Sensibelchen und reagiert darauf zeitweilig mit Herzrasen, Rückenschmerzen, Schweißausbrüchen und möchte manchmal am liebsten davonlaufen. Aber diese Wehwechen sind nichts im Vergleich zu dem, was andere Stimmenhörende erleiden. Also bleibt sie, um aus eigenem Erleben Kontrapunkte zu setzen und immer wieder zu sagen: Stimmenhören kann eine sehr beglückende Erfahrung sein. Wenn es gut funktioniert, ist es eine Quelle der Inspiration und der Erkenntnis. Als besondere Form menschlicher Wahrnehmung steigert dieses Phänomen die Kreativität, bietet Lebenshilfe, läßt die Persönlichkeit reifen und unterstützt bei der Sinnfindung.
Wieder allein in ihrem stillen Kämmerlein, macht sich Jessica darüber Gedanken, warum so viele Menschen, die wie sie auf dem spirituellen Weg ihren geistigen Horizont erweitern, sich der Ekelstimmen nicht erwehren können.

JESSICAS TIPS

Vorbemerkung: Wer etwas Grandioses erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Es sind ganz einfache Dinge, die mir geholfen haben. Ob meine Erfahrungen anderen Stimmenhörenden von Nutzen sind, kann ich nicht beurteilen. Bislang bin ich mit diesen Methoden sehr gut zurecht gekommen, betrachte sie jedoch nicht als der Weisheit letzten Schluß. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, bestimmte Begriffe und Zusammenhänge ausführlich zu erläutern. Wer mehr darüber wissen möchte, möge sich bitte in anderen Publikationen darüber informieren.
Das A und O ist nach meinem Dafürhalten die Stimmprobe. Wenn ich eine innere Stimme höre, fordere ich sie höflich, aber bestimmt auf, betont langsam und deutlich zu sprechen. Nur wenn sie sanft und freundlich klingt, gehe ich auf Empfang. Zuerst frage ich nach dem Namen und vereinbare mit ihr bestimmte Begrüßungs- und Abschiedsformeln. Alles Weitere wird von Fall zu Fall geregelt. Die sanften Stimmen ordnen Esoteriker Schutzgeistern (lateinisch: Genius, Mehrzahl: Genien) zu. Die Geisthelfer beantworten nicht alle Fragen und räumen auch nicht sämtliche Hindernisse aus dem Weg. Damit geben sie ihren Schützlingen zu verstehen: Gebrauche deinen freien Willen. Der Satz: Du bist stärker als die Stimmen gilt nach meiner Erfahrung nicht für die sanften Stimmen. Wenn dem so wäre, müßten wir unsere Geisthelfer nicht zu Rate ziehen. Als Teil einer höheren Intelligenz sind sie der unseren haushoch überlegen, aber sie mißbrauchen diese Überlegenheit nicht. Der Kontakt mit den sanften Stimmen will gelernt sein, denn sie sprechen nicht immer im Klartext, sondern häufig in Gleichnissen und Rätseln. Damit es nicht zu Mißverständnissen kommt, müssen Stimmenhörende manchmal ganz schön um die Ecke denken. Eine gute Schule hierür ist die Traumdeutung, denn auch Traumbotschaften sind häufig gleichnishaft verschlüsselt. Berühmte Stimmenhörende wie Sokrates, die biblischen Propheten, Jeanne d´Arc, Hildegard von Bingen, Goethe und Gandhi ließen sich übrigens nicht von irgendwelchen, sondern von ihren hilfreichen Stimmen leiten.
Wenn eine innere Stimme rauh, unangenehm und beim Langsamsprechen wie eine mit falscher Geschwindigkeit abgespielte Schallplatte klingt, befolge ich von Anfang an den Rat, welchen mir meine Eltern als kleines Kind gegeben haben: Sprich nicht mit Fremden! Von den Ekelstimmen lasse ich mich nicht in lange Gespräche verwickeln, sondern antworte meistens einsilbig mit Go! oder No! Ich behandle sie wie unerwünschte Gäste. Auf keinen Fall würde ich versuchen, die Ekelstimmen in mein Leben zu integrieren. Ekelstimmen lassen sich nicht besänftigen. Je weniger sich Stimmenhörende von ihren Drohungen, Beschimpfungen und unflätigen Bemerkungen einschüchtern lassen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die ungebetenen Gäste eines schönen Tages auf Nimmerwiederhören verschwinden. Dann sind Stimmenhörende wirklich stärker als die Ekelstimmen und wieder Herren im eigenen Haus. Gelingt dies aus eigener Kraft nicht, dann nicht lange zögern und geeignete therapeutische Hilfe suchen sowie Kontakt zum Netzwerk Stimmenhören aufnehmen.
Mit Ekelstimmen machen sich nach meinem jetzigen Erkenntnisstand Foppgeister und erdgebundene Geister (Seelen von Verstorbenen, welche den Weg ins Jenseits nicht finden) bemerkbar. Über Probleme mit erdgebundenen Seelen hat die US-amerikanische Psychotherapeutin Edith Fiore ein sehr lesenswertes Buch geschrieben.
Der beste Schutz vor Quälgeistern ist eine intakte Aura - ein für die meisten Menschen unsichtbares Energiefeld, das unseren physischen Körper wie ein mehr oder weniger dichter Schutzmantel umgibt. Die Aura ist als Ausstrahlung eines Menschen spürbar. Illegale Drogen, Alkoholsucht, negatives Denken und Verhalten sowie Krankheiten schwächen sie. Eine gesunde, maßvolle Lebensführung trägt wesentlich zur Entfaltung der Aura bei. Es ist nicht weiter schlimm, ab und an über die Stränge zu schlagen. Aber es darf nicht zur Gewohnheit werden.
Mit bestimmten Methoden (Chakrenmeditation) reinige ich die Aura regelmäßig. Sehr wirksam gegen Quälgeister sind nach meiner Erfahrung außerdem bestimmte Beschwörungsformeln (s. Bücher von Penny McLean) und Gebete (entsprechend der jeweiligen Religionszugehörigkeit oder selbst erdachte Kraftworte) sowie der heilige Laut OM.
Wer zur Entspannung gern meditiert und von diesen Dingen nichts wissen will, möge sich vorstellen, während der Meditation in eine Kugel aus weißem Licht gehüllt zu sein. Auch wer sie nicht hört, kann darüber hinaus die sanften Stimmen um Hilfe vor schädlichen Geistenergien bitten. Schutzsteine wie Olivin (Peridot, Chrysolith), Koralle, Onyx, Saphir, schwarzer Turmalin, Coelestin sowie Karneol zusammen mit Rubin können ebenfalls gegen Quälgeister helfen.
So weit mein Minimalprogramm. Da keine zwei Menschen das Stimmenhören gleich erleben, stehen darüber hinaus noch viele andere Möglichkeiten offen.
Wer meditiert, pendelt oder Kontakte zu Schutzgeistern sucht, öffnet die geistigen Kanäle zur anderen Welt. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen läßt sich besonders in der Anfangsphase nicht immer verhindern, von niederen Geistwesen belästigt zu werden. Auch ich kann manches Lied davon singen, aber ich habe den Stier instinktiv sofort bei den Hörnern gepackt und mich davon nicht beirren lassen. Nach einigen Monaten ließen die Ekelstimmen wesentlich seltener von sich hören. Ganz und gar ist zeitlebens niemand davor sicher.
Folgende Gründe haben mich höchstwahrscheinlich vor psychischen Abstürzen bewahrt: Erstens war ich darauf vorbereitet, durch bestimmte geistige Übungen stimmenhörend zu werden. Zweitens kannte ich von Anfang die Gefahren und fühlte mich den Ekelstimmen nicht hilflos ausgeliefert. Drittens betrachte ich dieses Phänomen kritisch-distanziert aus dem Blickwinkel einer Wissenschaftlerin als Selbstexperiment. Viertens tolerieren Verwandte und Freunde meine Eigenart. Fünftens habe ich einfach riesiges Glück gehabt. Damit das Glück mir treu bleibt, werde ich die o.g. Grundregeln auch weiterhin beherzigen.
Zum Schluß eine kleine Auswahl von Büchern, die gute Dienste leisten können, auch wenn sie schon etwas älteren Datums sind: Publikationen der stimmenhörenden Autorin Penny McLean - Kontakte mit deinem Schutzgeist; Zeugnisse von Schutzgeistern;  Garfield / Grant: Geisthelfer; Shalila Sharamon / Bodo J. Baginski:  Das Chakra-Handbuch;  Nevill Drury: Lexikon esoterischen Wissens. Edith Fiore: Besessenheit und Heilung. Befreiung der Seele.
-akoe-

Ich bin Du
Fürchte Dich nicht
von Imke Skierlo

"Wenn es so etwas, wie die Sünde gäbe,
dann diese:
Daß ihr euch aufgrund der Erfahrung anderer erlaubt,
das zu werden, was ihr seid."

(aus: Neale Donald Walsh:
      Gespräche mit Gott. Bd. 1)
 


 
 
 

 

Der Dämon

Er sitzt in meinem Ohr. Nimmt die Gestalt von Freunden und Feinden an. Er ist die Kraft, die mich wie einen Motor vorantreibt, in meiner Trägheit. Alles, was mich erschreckt, bündelt er in Geheimnisse, die mich herumscheuchen, um etwas zu suchen, was ich niemals verstehe.

Ich sehne mich nach Harmonie. Manchmal erfüllt sich diese Sehnsucht im Hören eines Musikstücks. Aber wer ist dieser Dämon, den ich zu erklären versuche? Ist er mein tiefstes Selbst? Mein Unterbewusstes? Und wer bin ich überhaupt?

Dieser Text, zum Beispiel, entspringt dem kreativen Impuls meines Dämons. I am he as you are he as you are me and we are all together. Ich glaube, I am the walrus, der surrealistische Song von John Lennon, handelt von seinem Dämon.

Mein Dämon äußert sich als innere Stimmen, die meine empfindlichsten Stellen angreifen und meine tiefsten Ängste in mein Bewusstsein heraufholen.

Sokrates sprach von einem Dämon, von einer inneren Stimme, die ihn stets von allem abhalten wollte, was er gerade vorhatte, und Rainer Maria Rilke hörte innere Stimmen, die er als Gedichte niederschrieb. Wenn nicht Angst und der Verlust des Urvertrauens die Ursachen für meine inneren Stimmen wären, würde ich nicht von einem Dämon sprechen.

 Wer schenkt mir Liebe
 für nichts?
 Wer schenkt mir Menschlichkeit
 und ein warmes Lächeln?

 Es ist der, der sich auch verloren hatte
 in seinen Impulsen.
 Der sich befreien wollte.

Aber wer ist sich dessen bewusst? Nur der, der sich seines Dämons bewusst wird? Oder der Dämon, der sich von mir bändigen lassen will, als Teil meines Egos, das ich aufblähen kann, um zu meinem Dämon zu gelangen, damit ich noch mal versuchen kann auszubrechen aus diesem beschissenen Spiel, in dem von einem erwartet wird, dass man ein normales Leben führt, dass man etwas leistet, dass man sich anpasst?
 
 

Hellhören

In mir brodelt es
entsteht Neues
ich verliere meinen Halt
falle und falle
ohne jemals anzukommen

der Vulkan bricht aus
unbewusste Reue
lässt die Blume wachsen
bitte keinen Ärger
Liebe soll es sein

ich fühle mich so klein
und Himbeermarmelade
im Hintergrund
Stimmen und Musik
 

Jossif Tougiannidis
 
 

Mein Schicksal

Mein Schicksal ist sicher etwas seltsam. Ich hatte nie eine psychische Störung in meinem früheren Leben. Ich wurde von einigen Schicksalsschlägen heimgesucht und litt zeitweise unter leichten Depressionen, führte aber ein völlig normales Leben, bis eines Tages diese Stimmen in mein Leben einbrachen und mich zunächst verängstigten. Zuerst nahmen sie durchaus Bezug zu Handlungen, die ich tat, und bewerteten sie negativ. Nach einiger Zeit aber legten sie sich auf einen Satz fest, der heißt: Ja, spinnt denn die?! oder Spinnt die?!, das kann variieren. Kurz darauf gestellten sich noch andere dazu, deren Satz ist: Hör auf!

 Das muss ich mir nun seit drei Jahren anhören:

Ich habe versucht, Kontakt aufzunehmen und einen Dialog herbeizuführen, wie in Büchern oft beschrieben. Das ging nicht. Ein Arzt nannte es eine Psychose und wollte mich gleich mit Psychopharmaka vollpumpen. Das lehnte ich ab. Ein anderer meinte, ich solle einfach aufhören, mir die Stimmen einzubilden. Ich brach die Psychotherapie bei dem ab, weil ich mich nicht ernst genommen fühlte.

Inzwischen ist eine minimale Besserung eingetreten, sodass ich wieder etwas arbeiten kann. Ich habe Verantwortung für ein Kind. Es reißt oft an meinen Nerven und ich nehme inzwischen Antidepressiva. Da ich mit keinem Menschen darüber reden kann, leide ich oft Qualen. Auch an eine neue Beziehung wage ich kaum zu glauben, denn was sollte ich einem eventuellen Partner sagen, warum ich oft gereizt bin und Depressionen habe. Etwa, dass ich Stimmen höre?
SandraI
 
 

Über die Beziehung unserer Selbsthilfebewegung zur Psychiatrie und Psychologie

Die Selbsthilfebewegung bei uns Stimmen hörenden Menschen ist gemessen an Jahren an den Fingern einer Hand, höchstens zweien abzuzählen. Wir sind also noch jung im Verhältnis zur Psychiatrie in Kliniken und Praxen, die eine jahrhundertelange Tradition besitzt. Wir sind auch noch jung in Beziehung zur Psychotherapie, die erstmals vor knapp hundert Jahren durch C.G. Jung in die klinische psychiatrische Praxis eingeführt wurde. Jetzt bestehen zum Wohl der Patienten und Klienten psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten in und neben psychiatrischen Praxen. Es hat also eine ganze Reihe von Jahren gedauert, bis der psychologische Ansatz einen gleichberechtigten Platz neben der Psychiatrie erhalten hat. Natürlich ist die Behandlung der Seele, der Psyche, genau so wichtig wie die Möglichkeit, körperliche und biologische Prozesse richtig steuern zu können.

Es haben sich also zwei wesentliche Säulen herausgebildet, in denen Experten in der Behandlung von Nervenkrankheiten allgemein, aber auch vom Stimmenhören, dem von der Anlage her nichts Krankhaftes anzulasten ist, tätig sind.

Nun scheint dieses Kräftegleichgewicht wiederum in Frage zu stehen, denn die Experten aus Erfahrung, also die Psychiatriebetroffenen selbst, stehen an der Pforte zur hohen Medizin und melden ihren Anspruch auf Mitbestimmung an. Es scheint sich also eine dritte Säule zu etablieren, die die Interessen der Experten aus Erfahrung vertritt. Übrigens ist die Selbsthilfebewegung eine alle Medizinbereiche umfassende Bewegung geworden.

Anfangs ist schon erwähnt worden, dass wir mit unserer Selbsthilfebewegung erst vor wenigen Jahren begonnen haben, uns aktiv einzumischen. Das Netzwerk Stimmenhören ist eine Form davon. Vordenker und Organisatoren wie zum Beispiel Marius Romme, Ron Coleman, Hannelore Klafki, Ursula Plog und Thomas Bock - um nur einige zu nennen - zeigen uns, dass die Zeit gekommen ist, einen starken Sektor der Interessenvertretung Betroffener zu bilden. Dies ist nicht nur Ausdruck, uns unter den Stimmen hörenden Menschen zu verständigen und uns mit Rat und Tat zur Seite zu stehen; es ist auch Ausdruck der Unzufriedenheit mit der derzeitigen psychiatrischen Praxis, insbesondere mit den Nervenkliniken.
Die Erfahrungen vieler StimmenhörerInnen mit der Psychiatrie sind oftmals verheerend. Angefangen von Zwangseinweisungen und Zwangsmedikamentierungen bis hin zu Dosierungsvorschriften bei Neuroleptika, Behandlungsmethoden und der Zuwendung des Personals bei Erkrankungen der menschlichen Seele; alles das sind Problemfelder, die neu überdacht und größtenteils verändert werden müssten. Trotzdem ist die Psychiatrie wichtig für beispielsweise das Auffangen krankhafter Auswüchse beim Stimmenhören. Ich selbst hätte möglicherweise psychotische Schübe kaum überlebt, wenn mir nicht damals in der Nervenklinik Neuroleptika verabreicht worden wären.

Wir sollten also fair über die Bedingungen in den psychiatrischen Krankenhäusern und Praxen urteilen. Da gibt es zum Beispiel die Lehrmeinung, sich nicht auf inhaltliche Probleme beim Stimmenhören einzulassen. Welche Möglichkeit besitzt ein Stations- oder Assistenzarzt, neben der Lehrmeinung für andere Gedankengänge offen zu sein? Sie, die Ärzte, Schwestern und Pfleger, sind in den allermeisten Fällen abhängig vom Wohlwollen ihrer Ober- und Chefärzte. Das System in psychiatrischen Kliniken ist nicht nur oftmals repressiv gegenüber missliebigen Patienten, sondern in gleicher Weise repressiv gegenüber eigenen Mitarbeitern zur Aufrechterhaltung vorgeschriebener Behandlungsmethoden. Die Frage, was sie als einzelne Personen in der Psychiatrie tun können - insbesondere gegen Lehrmeinungen -, ist sehr diffizil und wir sollten nicht jene verurteilen, die sich auch an unsinnige Vorschriften halten müssen. Doch eine wesentliche Frage sollten wir immer wieder stellen: Wann redet ihr endlich mit uns und nicht nur über uns?!

Zum anderen glauben Nervenärzte oftmals, sie deckten mit ihrer Behandlung das vollständige Spektrum der Stimmen hörenden Menschen ab. In Wahrheit bekommen sie nur einen kleinen Teil von ihnen zu Gesicht, tun aber so, als wäre das Stimmenhören generell als pathologisch zu stigmatisieren. Das Stimmenhören ist aus sich heraus nicht krankhaft, wird aber in unserer gegenwärtigen Kulturlandschaft meistens als Schizophrenie verunglimpft. Aus eben diesen Gründen - es sind nicht die einzigen - sollten wir als Experten aus Erfahrung das Gespräch mit allen in der Psychiatrie Tätigen, eigentlich mit der gesamten Gesellschaft suchen.

Leider haben wir bisher nur sehr wenige Angehörige der Psychiatrie erreichen können. Es ist aber wichtig, gemeinsam gegen veraltete Prinzipien in Behandlung und Betreuung von Erkrankten vorzugehen. Es ist erforderlich, sich gegenseitig verstehen zu lernen. Es ist erforderlich, gegenseitig Argumente zum Nutzen aller auszutauschen.

Eine etwas andere Situation können wir in der Zusammenarbeit mit Psychologen konstatieren. Eine Reihe von Psychotherapeuten nutzt zum Beispiel das Angebot, gemeinsam mit Angehörigen und Stimmen hörenden Menschen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die Psychologen und Therapeuten signalisieren uns, dass die Erfahrungen sehr wertvoll für sie sind.

Wir fordern deshalb von allen professionellen Mitarbeitern in der psychiatrischen Praxis, äußerste Anstrengungen zu unternehmen, bei uns Patienten und Klienten die Menschenwürde zu respektieren und gemeinsam mit uns Möglichkeiten zur effektiven Behandlung auszuloten. Denn auch wir können viel zu den Zielen der medizinischen Betreuung beitragen.

Wesentlich erscheint uns aber, nie die aufrichtige Hilfe unter uns Stimmen hörenden Menschen außer Acht zu lassen. Nur wenn wir innerlich als Organisation gefestigt sind sowie die Wege und Ziele stimmig sind, können wir uns als wahre Interessenvertretung etablieren. Wir erhalten dadurch das erforderliche Gewicht in der Zusammenarbeit mit Psychiatrie und Psychotherapie. Ich denke, auch das nötige Maß an Ausdauer sollte unsere gemeinsame Bewegung auszeichnen.
Ulrich Hagen
 
 


Die Psychiatriewoche in Frankfurt

Wie im letzen Journal angekündigt, will ich hier über unser Auftreten auf der Psychiatriewoche in Frankfurt berichten. Am Samstag, den 16. September gestalteten wir eine Arbeitsgruppe zum Thema: Ist Stimmenhören eine besondere Wahrnehmungsform?. Der kleine, aber gemütliche Raum im psychosozialen Zentrum Gallus füllte sich schnell und war fast zu klein, denn es kamen ca 50 interessierte Menschen. Außerdem war das hessische Fernsehen dabei, um einen Beitrag für die Psychiatriewoche und unsere Selbsthilfegruppe zu drehen. Das war aufregend! Karin Römer selbst im Netzwerk Stimmenhören aktiv kam aus Mannheim nach Frankfurt, um uns zu unterstützen.

Zur Einleitung hielt ich einen Vortrag, in dem ich zum einen allgemein auf das Stimmenhören einging, zum anderen aber auch von mir erzählte. Es mag für die Anwesenden vielleicht etwas befremdend gewesen sein, dass ich mit Texten aus Märchen und der Bibel arbeitete. Aber bei der Darstellung meiner persönlichen Situation konnte ich so einen gewissen Abstand zu meiner Biografie herstellen und dennoch gleichzeitig teilhaben am Weltgeschehen um mich herum.

Ich höre seit meiner frühesten Kindheit Stimmen und sah damals auch Geister. Dass ich Stimmen höre, hat mir keine Angst gemacht. Jeden Sonntag las mein Vater aus der Bibel vor, so z.B. auch die Geschichte von Samuel (Sam. 3, 1-9; siehe Journal 3/2000). Samuel hörte also die Stimme Gottes und wenn dies in der Bibel so beschrieben ist, kann es doch nichts schlechtes sein.

Ganz so einfach war es aber bei uns in der Familie nicht, denn mein Vater hatte eine schizophrene Schwester. Viele seiner Reaktionen und Unruhezustände hatten damit zu tun. Er verbot uns, mit anderen darüber zu sprechen, was ich gut begreifen konnte, aber andererseits oft als belastend empfand. Es wäre vielleicht doch gut gewesen, wenn man sich als Kind auch mal irgendwo hätte aussprechen können. Vielleicht wären dann in mir einige Gedanken etwas anders und weniger belastend gewesen.

Hauptaussage meines Vortrags war, man kann mit dem Phänomen leben. Es ist nicht in jedem Fall eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik notwendig. Dies konnten auch einige Mitglieder unserer Selbsthilfegruppe bestätigen und damit begann die Diskussion. Wir erzählten, dass wir seit Januar 2000 als eigenständige Selbsthilfegruppe arbeiten. Die Anzahl der Gruppenmitglieder ist langsam aber stetig gewachsen, z.Zt. sind wir 12 Mitglieder. die auch mit Adresse und Telefonnummer untereinander bekannt sind.

Die zentralen Fragen während der Diskussion waren natürlich die nach den Bewältigungsstrategien und den damit gemachten eigenen Erfahrungen. Hierbei gab es einen regen Austausch und die Bestätigung der Erkenntnis, dass das Stimmenhören sehr individuell ausgeprägt ist und somit auch die Strategien letztendlich von jeder und jedem selbst erarbeitet werden müssen.

Zum Abschluss informierten wir natürlich auch über unser bundesweite Netzwerk Stimmenhören mit Sitz in Berlin
Anneke Born
 
 

Neues von Polyfonia aus Finnland

Ich wurde gebeten, etwas darüber zu schreiben, was wir hier in letzter Zeit getan haben und wie unsere Zukunftspläne aussehen. Als erstes möchte ich Sie wissen lassen, dass wir vor kurzem einen Preis vom Nationalen Forschungszentrum für Gesundheit und Wohlfahrt in Finnland für innovative Arbeit im Gesundheitsbereich bekommen haben. Über diese Art der Anerkennung freuen wir uns sehr.

Wir haben Selbsthilfegruppen in vier Städten Finnlands gegründet, die von Stimmen hörenden Menschen organisiert werden, und es gibt Gruppen in sechs Städten, die von Professionellen geleitet werden. In Zukunft wollen wir auch in anderen Städten auftreten, um die Menschen darüber zu informieren, was wir machen, und um hoffentlich noch weitere Gruppen zu bilden. Wir halten zudem Vorlesungen zum Thema Stimmenhören im ganzen Land, weil wir festgestellt haben, dass die Menschen noch viel zu wenig davon wissen, aber gleichzeitig das Interesse für neue Informationen vorhanden ist. Ich schätze, dass das nicht nur in Finnland so ist, sondern auf der ganzen Welt.

Wir haben auch schon Schweden besucht und eine gute Zusammenarbeit mit den schwedischen Initiativen in Gang gebracht, die hoffentlich noch lange bestehen wird.
In Helsinki haben wir begonnen, Professionelle, wie zum Beispiel Ärzte, einzuladen, die uns und unseren Angehörigen Vorträge zu diesem interessanten Thema halten. Diese Vorträge haben eine große Anzahl von Besuchern angezogen.

Das finnische Stimmenhörer-Netzwerk ist jetzt auch im Internet zu finden, was vor allem den jüngeren Interessenten den Zugang zum Thema erleichtern kann.

Unsere Zukunftspläne sehen folgendermaßen aus: Hoffentlich werden wir in der näheren Zukunft dazu in der Lage sein, am internationalen Intervoice-Treffen teilzunehmen, und hoffentlich werden wir auch mit den Schweden ein Treffen organisieren können. Und meine ehrliche Hoffnung ist, dass wir hier in Finnland ein großes Seminar mit internationalen Rednern arrangieren werden. Nicht zu vergessen, wollen wir natürlich generell den Menschen mehr Informationen über dieses Thema zukommen lassen.
 
 

Das NeSt bietet:
Formular zum Online-Beitritt

Kommunikation
In Selbsthilfegruppen, trialogisch besetzten und therapeutisch begleiteten Gruppen besteht die Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs und der aktiven Mitarbeit.

Unser kleines Stimmenhörerjournal
Mitgliederrundbrief des NeSt, informiert u.a. über Aktivitäten der Stimmenhörer-Bewegung im In und Ausland, enthält Erfahrungsberichte, erscheint vierteljährlich und kann - unabhängig von der Mitgliedschaft - abonniert werden.

Fortbildungsseminare
Wir bieten zu unserem Thema ein- und zweitägige Seminare an, möglich ist aber auch der Besuch verschiedener Einrichtungen für eine zwei- bis dreistündige Kurzfortbildung. Damit möchten wir Verständnis wecken und einen neuen Zugang zum Stimmenhören vermitteln.

Koordination und Kooperation
Wir arbeiten mit anderen Verbänden zusammen, um die Diskussion zum Phänomen Stimmenhören auch dort voranzutreiben, indem wir u.a. auf ihren Veranstaltungen Vorträge halten und Arbeitsgruppen gestalten.

Veranstaltungen
Zu unserem Thema haben wir schon mehrere Tagungen durchgeführt und bieten diese auch weiter an.

Internet
Auf unserer Homepage im Internet finden Sie u.a. die bisher erschienenen Stimmenhörerjournale, sowie nationale und internationale Kontaktpersonen

 

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