Unser kleines Stimmenhörerjournal
Inhalt Ausgabe 2/2000
Rundbrief Netzwerk Stimmenhören e.V.
4. Jahrgang
Vorwort
Impressum
Schöpferinnen unseres eigenen
Lebens
GESPENSTISCH....
Stimmenhören im Wandel :
Vortrag des Angehörigen Ben Niederstadt
Günter Walter Rieger (Nachruf)
Was kann es noch sein?
Stimmenhörende Menschen aus Kunst,
Gesellschaft und Religion
Geräusche
Zur Autonomie eines Psychoseerfahrenen
Leserbrief
Anfragen
Literaturhinweise
Bundesweite
Kontaktpersonen/Gruppen
Mitglied werden
im NeSt
Beitrittserklärung
Online-Beitrittserklärung
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Früh kam der Sommer in unser Land, fast zu spät erreicht das
neue Journal für diese Zeit unsere Mitgliedern.
Wir hatten wieder einmal viel zu tun wollten wir doch,
dass unser Arbeitstreffen und die Mitgliederversammlung gelungene Veranstaltungen
werden. Die Arbeit hat sich gelohnt: in einer konstruktiven Stimmung
wurden weiterführende Ideen und neue Anregungen vorgebracht. In
der gleichen Stimmung kamen wir danach zu unserer Mitgliederversammlung
zusammen. Ein wichtiger Tagesordnungspunkt war die Wahl des neuen Vostands.
Hier die Namen des neuen Vorstands in alphabetischer Reihenfolge:
Monika Bessert (Berlin), Anneke Born (Frankfurt am M.), Andreas Gehrke
(Berlin), Silvia Güntzel (Berlin), Hannelore Klafki (Berlin), Frank
Puchert (Berlin), Karin Römer (Mannheim).
Das Protokoll der Mitgliederversammlung, der Aktivitätenbericht
und der Bericht über die Finanzbewegungen von 1999 kann von interessierten
Mitgliedern über unser Büro in Berlin angefordert werden.
Ein bisschen spät, dafür jedoch in voller Länge
kommt diesmal auch endlich der Beitrag des Angehörigen für
unseren Kongress Stimmenhören im Wandel (s. S. 10).
Wir müssen eine traurige Nachricht verbreiten: Günter
Walter Rieger ist tot. Der Nachruf ist ab Seite 15 zu lesen.
Endlich ist im Psychiatrieverlag das Arbeitsbuch Stimmenhören
bewältigen und verstehen in der Reihe Psychosoziale Arbeitshilfen
erschienen. Der Titel ist unserer Meinung nach ein bisschen hochgeschraubt
(im englischen heißt es einfach Working with Voices). Es ist aber
ein gelungenes Buch geworden, dass wir wärmstens empfehlen können.
In Berlin haben wir dazu eine geschlossene Arbeitsgruppe gegründet.
Noch nie haben wir so intensiv über unsere Stimmen reden können
wie hier.
Die Rezension zum Buch und vielleicht schon einige Ergebnisse aus dieser
Gruppe erscheinen im nächsten Journal.
Wieder haben wir uns sehr über die Beiträge
für unser Journal gefreut und bedanken uns sehr dafür. Wir
möchten an dieser Stelle noch einmal um Verständnis bitten,
dass nicht immer alle Beiträge abgedruckt werden können. So
mussten wir auch diesmal aus Platzgründen einigen Leuten mitteilen,
dass ihr Beitrag oder Gedicht erst im nächsten Journal abgedruckt
werden kann.
Wir wünschen allen Mitgliedern und FreundInnen einen
wunderschönen Sommer und eine angenehme Lektüre.
Herzliche Grüße
für die Redaktion
Hannelore Klafki
Impressum
UNSER KLEINES STIMMENHÖRERJOURNAL
Rundbrief des Netzwerks Stimmenhören e.V. (NeSt)
Herausgeber
Netzwerk Stimmenhören e.V. c/o Pinel
Ebersstraße 67, 10827 Berlin
Tel/Fax: 030-78718068 (freitags von 16 bis 19 Uhr)
e-mail: stimmenhoeren @gmx.de
Internet-Homepage: www. stimmenhoeren.de
Redaktion dieser Ausgabe
Monika Bessert, Michaela Dühring, Andreas Gehrke,
Gisela Haufe, Hannelore Klafki, Imke Skierlo, Spoky
Koordination
Hannelore Klafki
Erscheinungsweise
vierteljährlich, zum Ende des Quartals
Bezugspreis
Jahresabo incl. Zustellung 20 DM
Förderabo 40 DM
Einzelheft 3 DM (plus 1,50 DM Porto)
Für NeSt-Mitglieder ist Unser kleines Stimmenhörerjournal
im Mitgliedsbeitrag enthalten
Bankverbindung
Postbank Berlin BLZ 10010010 Kto-Nr. 809101-103
Sämtliche persönlich gekennzeichneten Beiträge
entsprechen nicht unbedingt der Meinung des Vorstands oder der Redaktion
Schöpferinnen unseres eigenen Lebens
1. Wir werden ständig geübter, was das Identifizieren unserer
lästigen Stimmen angeht. Je häufiger wir das tun, desto deutlicher
wird, dass bestimmte Stimmen die aus dem Zusammenleben kommen, eine
Herausforderung an die herrschenden Normen und Werte stellen.
2. Wir entwickeln Möglichkeiten, von den Stimmen
Abstand zu nehmen. Das hilft uns, unsere Selbstbeurteilung einigermaßen
zu beruhigen, und dadurch wird es möglich, dass wir unsere Aufmerksamkeit
auf das Analysieren der quälenden Stimmen richten können.
Durch diese Arbeit fangen wir an zu begreifen, wie schwierig diese Stimmen
es mit unserem Verhalten in der Vergangenheit und unserem Weg in die
Zukunft haben.
3. Dass diese beurteilenden und manchmal feindlichen Stimmen
Unsicherheiten darstellen, ist eine ganz wichtige Bewusstwerdung. Es
bringt uns in Kontakt mit der Tatsache, dass die Stimmen keine Veränderungen
mögen und dass es ihr Wunsch ist, dass wir unser Leben auf ihr
eigenes Gebiet einschränken.
4. Wir begreifen, warum sie versuchen, uns in Panik zu
versetzen, wenn wir uns wieder den Herausforderungen des Lebens stellen.
Wir begreifen auch, warum sie versuchen, unsere Fähigkeiten und
Kenntnisse zu verschleiern, die wir für unseren Lebensablauf nötig
haben. Wenn wir diese Fähigkeiten öffentlich zugeben, können
die Stimmen dadurch mächtig verzweifeln.
5. Wir bemerken, dass die Stimmen anfangen Terrain zu
verlieren, und wir passen auf, wann sie die Hoffnung aufgegeben haben,
es zurückerobern zu wollen. Den Stimmen wird bewusst, dass unsere
Arbeit sich wie kräuselnde Wellen auf dem Wasser ausbreitet. Sie
sind sich dessen bewusst, dass Menschen in anderen Teilen der Welt dieses
gewahr werden und durch unser miteinander Bekanntwerden bereichert werden.
6. Es sieht so aus, als hätten die Stimmen auf die
Bildung von Netzwerken keine Antwort. Das bedeutet sehr viel. Wenn wir
zusammenarbeiten, können wir sehr viel gezielter vorgehen. Dadurch
werden wir besser in der Lage sein, wieder mit beiden Füßen
auf der Erde zu stehen. So können wir die Kontrolle über unser
Leben zurückgewinnen und unsere persönliche Würde erfahren,
worauf wir ein Recht haben.
7. Diese Art von Entwicklungen macht uns frei und vereinfacht
es uns, die Verfügungen von anderen Menschen über unser Leben
an den Nagel zu hängen. Es macht es einfacher für uns, Frieden
mit unserem Leben zu haben und die Schritte zu tun, die wir unternehmen
müssen, um uns selbst zu formen. Auf diese Art und Weise haben
wir über unsere eigene Identität wieder mehr zu bestimmen.
Wir werden Gestalterinnen unseres eigenen Lebens.
Power to Our Journeys
Power to Our Journeys ist der Name einer australischen
Selbsthilfegruppe für stimmenhörende Frauen. Sie haben einen
Artikel geschrieben, um ihre Erfahrungen mit den Stimmen und die Entwicklung,
die sie durch die Teilnahme an der Selbsthilfegruppe gemacht haben,
anderen weiterzugeben.
Schöpferinnen unseres eigenen Lebens ist Teil des
Artikels 3 Authors of Our Own Life. Der Artikel erschien mit Unterstützung
von Michael White in American Family Therapie Akademy Newsletter, Sommer
1996, Seite 11-16.
Korrespondenz Adresse:
Power to Our Journeys c/o Dulwich Centre,
345 Carrrington St., Adelaide, So. Australian 5000
entdeckt in der holländischen Broschüre Gesprächsgruppen
für Menschen, die Stimmen hören (übersetzt von Onno Mülder)
Gespenstisch von Imke Skierlo
Gespenstisch,
gesponnen,
verwoben,
versponnen
mit der Gegenwart,
der Realität,
nachvollziehbar,
wirklich real.
Ich höre,
worauf mein Blick fällt,
vorgelesen,
kommentiert,
in den Dreck gezogen,
lieblos,
hasserfüllt -
meine eigenen Gedanken
von fremden Stimmen gesprochen,
persifliert -
im Kopf.
Keine Möglichkeit,
eine Tür zu schließen,
ein Fenster,
kein Knopf zum Abstellen,
keine Sekunde am Tag
ohne diese heimtückische Folter,
keine Möglichkeit,
sich zurückzuziehen -
außer in den Schlaf.
( Imke Skierlo)
Vortrag des Angehörigen
Ben Niederstadt beim Kongress Stimmenhören im Wandel
MEINE SEHR VEREHRTEN DAMEN UND HERREN! LIEBE FREUNDINNEN
UND FREUNDE! LIEBE ANGEHÖRIGE!
Der Auftrag, meine Freundschaft mit einer Stimmen hörenden Person
darzustellen, konnte nur von außen kommen. Denn das mußte
bedeuten, viele mir liebgewordene Mythen in einer kritischen Revision
zu zerstören. Zu sehr war dieses Phänomenon schon in unser
beider tägliches Leben eingegangen.
Eines meiner Themen soll ja sein, ob wir die Zeichen des
Stimmenhörens früh genug wahrnehmen können oder nicht.
Hier möchte ich gleich sagen, auch angesichts der hoffentlich zahlreich
genug anwesenden Damen und Herren von der Presse, daß das Stimmenhören
keine Krankheit ist. Es kann von einer Krankheit begleitet sein, es
muß aber nicht. Ich habe Leute kennengelernt, die schon seit Jahren
Stimmen hören und damit durchaus keine Probleme haben; eher schon
die Umgebung. Wenn das Stimmenhören in der von mir erzählten
Geschichte mit einer Psychose verbunden ist, so gilt das trotzdem nur
soweit, als ich es in diesem Zusammenhang zum ersten Mal erlebt habe.
Vorher hatte ich darüber lediglich gelesen, nämlich in Georg
Büchners armen Woyzeck, dem die Stimmen befehlen, die Zickwölfin
totzustechen, d.h. seine Braut zu ermorden. Aus all diesen Gründen
möchte ich den Irrgarten der Psychologie, zumal als Laie, bewußt
nicht durchlaufen.
Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte; diese liegt einige
Jahre zurück. Sehe ich mich an, hatte ich die besseren Voraussetzungen,
verrückt zu werden. Es mag der Erwähnung wert sein, daß
mein Freund und ich uns im Lichthof der Technischen Universität
kennenlernten. Ein Ort, der mich nichts Ungewöhnliches vermuten
ließ. Wir waren beide auf ein und dasselbe Mädchen scharf,
so dachte ich. Es handelte sich demnach um eine ganz normale Konkurrenzsituatuion.
Da sie aber keinem von uns beiden in mehr als freundschaftlicher Weise
zugeneigt war, blieben wir auf einander angewiesen. Dabei stellte sich
heraus, daß mein neuer Freund sich nicht im mindesten für
jene junge Dame interessierte. Ein verständliches Verhalten, da
Schönheit relativ ist. Wie auch immer, alles schien in bester Ordnung,
obwohl mich sein großes Schlafbedürfnis irritierte, besser
gesagt, es verhagelte mir die Petersilie. Eigentlich hätte es mich
mißtrauisch machen müssen, daß er ganze Nachmittage
der schönsten Ferienzeit verschlief wir befanden uns abwechselnd
in Budapest oder in Wien und einfach nicht wachzukriegen war: eine Kanone
hättest du vergeblich neben ihm abgefeuert. Daß die Ursache
dafür die Einnahme von Psychopharmaka war, ging mir erst viel später,
beim Fortschreiten der Crisis überhaupt, ein.
Ungefähr ein Jahr nach unserem ersten Aufeinandertreffen
geriet mein Freund in eine Liebesaffäre, die ihm umso hoffnungsloser
schien, als sie es in Wirklichkeit gar nicht war; im Gegenteil, ich
beneidete ihn sogar. Jedenfalls war nun der noch fehlende Katalysator
vorhanden, um die Krankheit ausbrechen zu lassen. Und daß da etwas
nicht stimmte, mußte nun selbst dem unaufmerksamsten Beobachter
auffallen: Er kam nicht zu Verabredungen, wohl weil er das Gefühl
für Raum und Zeit völlig verloren hatte, vernachlässigte
sich in jeder Weise. Ich war ratlos. Eines Tages dann war er plötzlich
verschwunden. Von B. ereilte mich die Nachricht, er befände sich
in der geschlossenen Abteilung dortselbst. Mein unglücklicher Freund
glaubte sich von den Lastwagenfahrern aller Autobahnen aller Länder
gejagt, als hätten sie sich gegen ihn verschworen. Für ihn
war ausgemacht, daß dahinter die religiöse Vereinigung steckte,
der er über zehn Jahre zuvor abtrünnig geworden war. Damals,
so denke ich heute, dachte er wohl, daß die ihn vernichten wollten,
weil er ihre Geheimnisse verraten könnte. Auch, so glaube ich,
hielt er Radiowellen und Stimmen aus dem Telephon für Überträger
obskurer Botschaften speziell von dieser Sekte. So wollte er sich selbst
das Leben nehmen, und beschloß von einem eingerüsteten Hochhaus
der Innenstadt herunterzuspringen. Glücklicherweise war der direkte
Nachbar des Grundstücks die Polizei und das rettete ihm wahrscheinlich
das Leben. Wie er überhaupt nach B. kam, weiß ich bis heute
nicht. Ich weiß nur, daß er mit dem Auto fuhr. Das für
sich alleine genommen ist schon unfaßbar.
Diese Zeit war von gegenseitigen Ängsten überschattet.
Mein Freund traute der Macht seiner Gedanken eine Kraft zu, die mich
nach seinem Belieben zu ihm zitieren konnte. Gleichzeitig schauderte
es ihm aber auch vor dieser Gabe. Er wünschte sich meine Nähe,
fürchtete sie aber zugleich. Ich glaubte mich aber in der
unangreifbaren Position und war dort besonders leicht anzugreifen. Gefährlich
wurde es für mich deshalb, weil er seinen Gedanken damals auch
eloquent Ausdruck verleihen konnte. Sobald ich diese irrationale Welt
erst einmal für mich entdeckt hatte, übte sie sogleich eine
eigentümliche Faszination auf mich aus. Ich habe stets dem gut
geschriebenen und gesprochenen Wort den Vortritt vor (fast) allem anderen
gegeben und war daher besonders anfällig für diese Phantasien.
Es läßt sich mit der Märchenstunde für Kinder vergleichen,
wo die Rollen klar verteilt sind: er war der Gebende und ich der Empfangende.
Genauso wie nicht nur Kinder dem Märchenonkel während des
Erzählens alles glauben, wenn es nur überzeugend erzählt
ist, erging es mit mir auch. Es war zwecklos, daß ich mir auf
der Straße oder noch beim Verlassen der Wohnung sagte, daß
alles, was er mir erzählte, wirkliche Märchengeschichten seien;
beim nächsten Treffen war ich wieder da und hing an seiner Angel
und glaubte, was er wollte. Ich habe versucht, mit mir und anderen zu
experimentieren, um so das Optimum aus dem Leben herauszuholen. Dieses
Experiment entzog sich meiner Kontrolle. Ich kam gegen die Atmosphäre
im Zimmer einfach nicht an. Die Neugier war verflogen und es folgten
Angst und Schrecken. Ein schlimmes Jahr hatte mich nahezu an den Rand
des Abgrundes gebracht. Nicht, daß ich einfach verrückt geworden
wäre, schlimmer, mir schwanden die Kräfte, zu studieren und
gleichzeitig Geld zu verdienen. Mehr noch, ich befand mich bereits im
freien Fall. Und da ja war niemand, um mich aufzufangen.
Zwei Anekdoten sind mir unvergeßlich geblieben.
Einmal, als ich ihn besuchte und in sein Zimmer eintrat, lag er rücklings
auf dem Bett hingestreckt, bewegungslos; die tief in ihren Höhlen
liegenden Augen starrten zur Decke. Steif, wie er war, glich er einer
Mumie, der nur die Bandage fehlte. Ich bekam es mit der Angst zu tun,
konnte meinerseits ebenso gebannt hinschauen. Mein Freund, der was weiß
ich von welchen Einflüsterungen auch immer gepeinigt war, merkte
meine Anwesenheit mit Verzögerung, ließ seine Augäpfel
sodann in meine Richtung rollen, was noch unheimlicher war. Was ist
denn? Die Frage kam wie aus einem Grab. An den weiteren Verlauf dieser
Szene entsinne ich mich nicht mehr Das andere Mal hatte ich mich
von ihm in tiefer Nacht nach Hause bringen lassen, obgleich es eine
Qual war, ihn zu hören und zu sehen. (Die Distanz zwischen den
Wohnungen war relativ groß.) Er bestand darauf, bei mir zu übernachten.
Meine damalige Behausung war nicht gerade luxuriös eingerichtet,
was seine Verlassenheit desto deutlicher macht. In seiner Vorstellung
wurde die bereits angedeutete Telekinese auch von anderen, gegen ihn,
benutzt, um ihm zu schaden, so z.B. um ihm seine eigenen Gedanken herauszuziehen
und sie danach kreativ zu vermarkten. Vor diesem Hintergrund wird die
Angst vor dem Alleinsein, das ihn fremden Mächten noch wehrloser
ausliefern würde, verständlich. Von Freimaurerpanik gepackt
bat er, bettelte; schließlich ging ich zum Schein auf sein Flehen
ein, schützte aber vor, noch etwas im Zimmer arrangieren zu wollen,
so daß er nachkommen müsse. Glücklich hineingelangt,
reagierte ich jedoch nicht auf sein Klingeln, Klopfen und Rufen und
stellte mich taub. Anderntags wollte ich eine Reise zu meiner Liebsten
antreten und mir nicht die Nacht davor um die Ohren hauen. Außerdem
hatte ich Angst vor dem, was er bei mir anstellen könnte. Zur Strafe
konnte ich dann die halbe Nacht nicht schlafen. Wie ich von ihm nachher
hörte, hatte er ein Taxi nach Hause genommen, was mich wenigstens
halbwegs beruhigte. Dessen ungeachtet verfolgte mich das schlechte Gewissen,
nicht ganz ehrlich gewesen zu sein, ziemlich lange. Kurz danach bekam
er seine Therapie, die ihn zwar letztendlich von den Stimmen und der
Psychose befreite, aber ihm auch einen Teil seiner Kreativität
raubte, wie ich empfand. Wenn ich an die gute alte Zeit unser Sprachspiele
zurückdenke, in der wir wie durch ein unsichtbares Band miteinander
verbunden waren, das nun wohl für immer zerrissen ist, wird mir
fast ein wenig feierlich und wehmütig zu mute. Aber möglicherweise
täuscht mich die Erinnerung und etwas anderes ist richtig: Ich
war jünger und übermütiger.
In der Gruppe, die diese Tagung vorbereitete, kurz genannt
NeSt, hieß es, ich habe ja mein Leben durch die Erfahrung mit
meinem Freund bereichert. Wirklich? Möchte ich diese Erfahrung
nicht missen? Entweder ist das nicht so einfach zu beantworten
oder ich bin kein so guter Mensch. So manches Mal hätte ich doch
gerne die verlorene Zeit wieder, von der mir kaum etwas geblieben ist.
Soll ich die Professionellen (Psychologen) beneiden, die auch in Selbsthilfegruppen
aus der Routine nicht herauskommen können oder wollen und das noch
für ihre Arbeit gutschreiben. Nein, das will ich gewiß noch
weniger. Ich möchte zum Schluß die am Anfang gestellte Frage
wiederaufnehmen: Ist Früherkennung des Stimmenhörens durch
Angehörige möglich? Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich
möchte doch lieber mit Nein! antworten. Trotz der Signale habe
ich erst durch meinen Freund selbst zweifelsfrei von seinem Zustand
erfahren. Nichtbetroffene können sich das einfach nicht vorstellen.
Seit 1996 habe ich, verursacht durch einen Hörsturz,
einen Tinnitus. Leute ohne diese quälenden Geräusche mögen
sich bitte an ihren letzten Termin beim Ohrenarzt erinnern, bei welcher
Gelegenheit dieser Hochfrequenztöne, das sind solche, die noch
über dem Bereich der gewöhnlichen Konversation von Micky Mäusen
liegen , in das Ohr schickt. Nur eben vierundzwanzig Stunden lang und
das nervt schon ganz beträchtlich. Deshalb glaube ich, beim Problem
meines Freundes doch, wenn auch ganz vorsichtig, mitreden zu dürfen.
Dennoch bleibe ich damit allein. Ähnlich ist es bei ihm: Wenn es
wieder losgehen sollte, würde ich das nicht bemerken, besonders
wenn es sich in neuen Formen äußern würde. Gleichfalls
könnte ich bei einer mir nicht näher bekannten Person, auch
wenn bei ihr dieselben Symptome wie bei ihm auftreten würden, nicht
auf den Grund schließen.
Letztendlich können wir Angehörigen nur durch
Erfahrung gewachsene Sensibilität und Nervenstärke zeigen:
Zuhören und immer wieder aufmuntern, vor allem, sich zu helfen
und helfen zu lassen.
Ben Niederstadt (Berlin, Dezember 19999)
Günter Walter Rieger ist tot.
Er starb im Frühjahr 2000.
Wir trauern um einen Menschen, der sich als einer der
ersten öffentlich zu seinem Stimmenhören bekannte.
Er war Gründer der ersten Selbsthilfegruppe in Kiel
und maßgeblich an den Vorbereitungen für die
Gründung unseres Netzwerks beteiligt.
Tschüs Günter. Wir werden dich nicht vergessen
Nachfolgend drucken wir den Text des Zeitungsartikels
aus den Kieler Nachrichten vom 13.12.1997 von Klaus Sieg
Stimmen hatte Günter Rieger immer schon gehört,
auch in der Kindheit. Es war meistens nur eine Stimme zur Zeit, die
aber konnte wechseln. Überwiegend sprach eine Männerstimme
zu ihm, manchmal auch eine Frauenstimme. Der Charakter der Stimmen änderte
sich.
In meiner Kindheit waren sie meine guten Begleiter, erzählt Rieger,
sie haben mir die Welt erklärt. Das sei für ihn sehr wichtig
gewesen. Er war der Jüngste von zahlreichen Geschwistern in einem
sehr autoritär geführten Elternhaus, fast täglich hatte
es Prügel gegeben. Die Stimmen dagegen waren fürsorglich zu
mir, sie haben mich geschützt und in meinen Vorhaben ermutigt!,
sagt der 47-jährige Industriekaufmann. Der Wechsel kam kurz vor
seinem Auszug. Die Entscheidung, in Berlin zu studieren, habe er nicht
freiwillig getroffen, sagt Rieger. Die Stimmen seien diktatorisch geworden,
wogegen er sich nicht habe wehren können. Ich fühlte mich
wie in einem wandelnden Gefängnis erinnert er sich an die Gehirnwäschephase.
Zwischenzeitlich war für Günter Rieger kein normales Leben
mehr möglich, er zog in ein betreutes Wohnheim. Erst seit einer
längeren Therapie vor acht Jahren, in der er erstmals über
die Stimmen sprach, hört er nun keine Stimmen mehr. Obwohl sein
Zustand sich stabilisiert hat, bleibt die Angst, dass die Stimmen wiederkommen
können.
Um seine eigene Geschichte als Stimmenhörer aufzuarbeiten und von
den Erfahrungen anderer zu lernen, trifft sich Günter Rieger regelmäßig
mit anderen Stimmenhörern im Kieler Fenster, einer Einrichtung
für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten. In dem Haus kann
er mit anderen Betroffenen selbstverantwortlich zusammenkommen, ohne
Psychologen oder Sozialarbeiter. Auch die StimmenhörerSelbsthilfegruppe
trifft sich seit zwei Jahren ohne professionelle Anleitung, in erster
Linie, um Erfahrungen auszutauschen. Raus aus der Isolation - ein wichtiger
Schritt, den die meisten Stimmenhörer viel zu selten wagen. Häufig
fangen sie an, sich ihrem Umfeld mitzuteilen, wenn sich ihr Zustand
derartig verschlimmert hat, das sie psychiatrische Hilfe in Anspruch
nehmen müssen. Auch Günter Rieger konnte erst im Nachhinein,
als die Stimmen weg waren, offen über sein Stimmenhören sprechen.
Ich dachte, ich sei der Einzige, der so etwas hat, erzählt.
Dabei gibt es viele Stimmenhörer. Nach niederländischen Untersuchungen
wird ihr Anteil auf drei bis fünf Prozent in der Bevölkerung
geschätzt. Vor allem in England und in den Niederlanden kann man
einen neuen Umgang mit diesem Phänomen beobachten. Angefangen hatte
es mit einer Fernsehsendung, in der der Maastrichter Sozialpsychiater
Marius Romme Stimmenhörer aufgefordert hatte, mit ihm Kontakt aufzunehmen.
Es meldeten sich 450 Betroffene. Und immerhin 150 von ihnen gaben an,
Strategien für einen erträglichen Umgang mit den Stimmen gefunden
zu haben - oft ohne psychiatrische Hilfe. Viele wiesen den Stimmen einen
positiven Charakter zu und konnten den Kontakt mit ihnen strukturieren.
Sie fühlten sich stärker als die Stimmen, konnten sie ignorieren
und ihnen Grenzen setzen oder ihnen nur dann zuhören, wenn sie
etwas Konstruktives zu sagen hatten. Einige betrachteten die Stimmen
als innere Helfer, die sie eher stärkten als schwächten.
Dieses Potential an Bewältigungsstrategien soll genutzt werden,
um anderen Stimmenhörern zu helfen. In England und in den Niederlanden
bildeten sich Selbsthilfegruppen und Netzwerke. Und auch in Deutschland
schließen sich Stimmenhörer zusammen. Auf einem Workshop
im Oktober trafen sich in Berlin Stimmenhörer, Angehörige
und Therapeuten aus dem ganzen Bundesgebiet, um Erklärungsmodelle
und Hilfsmöglichkeiten auszutauschen. Darüber hinaus haben
sich auch in Deutschland die Selbsthilfegruppen zu einem Netzwerk zusammengeschlossen.
Das Hören von Stimmen wird bisher in der klinischen Psychiatrie
meistens als akustische Halluzination und als Symptom von Zuständen
wie Schizophrenie, Manie, Depression oder Psychose betrachtet und mit
Neuroleptika behandelt, um Wahnvorstellungen und Halluzinationen zu
vermindern. Doch nicht jeder Patient spricht auf diese Therapie an.
Und vor allem hat man lange übersehen, dass es durchaus Menschen
gibt, die mit den Stimmen leben können.
Dass die Stimmen weg müssen, ist leider nach wie vor die Grundhaltung
in der Psychiatrie, sagt Thomas Bock, Leiter der sozialpsychiatrischen
Ambulanz im Hamburger Universitätskrankenhaus (UKE). Bock plädiert
dafür, die Stimmen zu hinterfragen und Interesse für sie zu
entwickeln. Man sollte sich über sie unterhalten wie über
Nachbarn, da gebe es ja auch gute und böse. Wenn ich die
Stimmen nicht ernst nehme, verschenke ich einen Zugang zu diesem Menschen,
sagt Bock, der seit neun Monaten eine Hamburger Gruppe von Stimmenhörern
betreut.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Stimmenhören ein Phänomen
ist, das nicht immer mit einem psychischen Defekt gleichgesetzt wurde.
Für die alten Griechen war Stimmenhören ein Dialog mit den
Göttern. Und Jeanne dArc fühlte sich durch Stimmen berufen,
die Engländer aus Frankreich zu vertreiben - was sie zur Nationalheldin
machte. Franz von Assisi befahlen die Stimmen, das zerstörte Haus
Gottes wieder aufzubauen. Robert Louis Stevenson, Autor von Dr. Jekyll
and Mr. Hyde, unterhielt sich mit kleinen Wesen, die er Brownies nannte.
Ist Stimmenhören also krankhaft, weil es nicht geduldet wird? Eine
zu einfache Erklärung. Hirnforscher in England haben herausgefunden,
dass beim Stimmenhören das Sprachzentrum aktiv ist. Demnach könnte
es sich beim Stimmenhören also um einen inneren Dialog handeln,
der der Außenwelt angelastet wird. Doch damit sollen subjektive
Empfindungen Betroffenen nicht an die Wand gedrückt werden. Deswegen
gehört es auch zum Prinzip der Stimmenhörer-Selbsthilfegruppen,
Erklärungen der einzelnen ernst zu nehmen, denn sie helfen ihnen
beim Artikulieren ihrer Erfahrungen.
Es weiß doch niemand so genau, wo es herkommt,
sagt Günter Rieger, der seine Stimme spiritistisch erklärt.
Entscheidend ist was ein Mensch braucht, um die Stimmen loszuwerden
- oder um mit ihnen leben zu können. Ich glaube, Stimmenhören
kann eine positive Erfahrung sein, und ich möchte lernen, damit
zu leben, sagt Jens Schulte, der seit knapp einem Jahr in der Kieler
Selbsthilfegruppe ist. Der 35-Jährige zeigt ein kleines silbernes
Schmuckmännchen, das er sich als Symbol für sein Stimmenhören
ins Ohr klemmen will. Er glaubt, durch die Selbsthilfegruppe viele kleine
Fortschritte gemacht zu haben.
Aber nicht immer kann die Selbsthilfegruppe den Betroffenen
ausreichend helfen. Susanne W. etwa, die erst seit ihrem dreißigsten
Lebensjahr eine Stimme hört, wurde von ihr des Öfteren zu
Suizidversuchen getrieben. Ausschlaggebend dafür war der Selbstmord
ihres damaligen Freundes, den sie auch hinter der Stimme vermutet. Jedes
Jahr im Januar, wenn sich der Tod ihres Freundes jährt, geht sie
deshalb in die Psychiatrie. Dort nimmt - durch Medikamente und Gespräche
- die Stimme allmählich einen beschützenden Charakter an.
Die Selbsthilfegruppe fängt ihre kleineren Krisen auf und gibt
ihr die Möglichkeit des Austausches.
Stimmenhören - ein altes Phänomen, für
das nicht nur die Betroffenen einen neuen Umgang fordern und suchen.
Eine offene Herangehensweise an das Phänomen könnte ihnen
aus der Isolation helfen und ihre Heilungschancen verbessern. Vor allem
aber müssen die Stimmen als Teil ihrer Persönlichkeit akzeptiert
und ernst genommen werden.
Kontakt: Kieler Fenster, Kiel, Alte Lübecker Chaussee
1,
Tel: 0431-649 80 30.
Buchtipp: Stimmenhören akzeptieren von Marius Romme u. Sandra Escher,
Psychiatrie Verlag, Bonn 1997.
Anm. Der Red.: Leider gibt es die Gruppe im Kieler Fenster
nicht mehr. Wir haben jedoch ganz neu wieder eine Kontaktperson in Kiel.
Vielleicht gelingt es, dort wieder eine Gruppe aufzubauen.
Wer mehr über Günter lesen möchte:
Seine Geschichte ist abgedruckt in
Stimmenhören Botschaften aus der inneren Welt
von Irene Stratenwerth u. Thomas Bock
Taschenbuch Piper Verlag
ISBN 3-4922-991-3
Was kann es noch sein?
Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem
Teufel zu und fehlen ein wie das andere Mal: In uns selbst liegt das
Rätsel, die wir Ausgeburten zweier Welten sind!
J. W. von Goethe
Die eine Welt ist die, in der wir leben, die andere ist
die, in die wir gehen. Nur weil wir die eine Welt nicht sehen, die aber
einige Menschen wahrnehmen können, sollten wir sie nicht ablehnen.
Im Gegenteil sind wir aufgefordert, uns mit dem Leben nach dem körperlichen
Tod auseinander zu setzen. Wir würden dort vielleicht Erklärungen
finden für viele Arten von so genannten Geisteskrankheiten, wie
für das Phänomen Stimmenhören.
Ich ziehe diese Gedanken aus einem Buch von Dr. med. Carl
Wickland. Dieses Buch gibt Einblicke und schildert, wie es auf der für
uns unsichtbaren Rückseite unserer irdischen Lebensebene zugeht.
Der Autor berichtet von Besessenheit und Besessenheitsheilungen. Besessen
kann ein Mensch sein durch Geister Verstorbener, so der Autor. Es seien
unwissende, irrende Seelen von Menschen, die, von ihrem Körper
endgültig getrennt, sich in ihrem neuen Lebensraum nicht zurechtfinden.
Sie sind auf ihre Situation nicht ausreichend vorbereitet und wissen
sich in ihrer Ratlosigkeit und Verlassenheit nicht anders zu helfen,
als bei medial veranlagten Menschen Anschluss zu suchen. Die Aura des
Menschen soll für den Geist des Verstorbenen leuchten und dieses
Licht zieht den Geist an.
Unwissend nähert sich der Geist der menschlichen
Aura, die auf ihn eine magnetische Wirkung hat. Ist der Geist - es können
auch mehrere sein - zu nahe gekommen, gibt ihn die Aura unseres Körpers
nicht mehr ohne fremde Hilfe frei. Oftmals soll es von den Geistern
als sehr angenehm empfunden worden sein, denn das irdische Leben ist
ihnen wohl bekannt. Offensichtlich übertragen sie auch dem körperlichen
Menschen ihre Gebrechen und Schmerzen, unter denen sie zur Zeit ihres
körperlichen Daseins litten. Sie zwingen den Menschen, in dessen
Aura sie gefangen sind, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden
Mitteln, ihre Anwesenheit so angenehm wie möglich zu gestalten.
Dazu bauen sie die Persönlichkeit des körperlichen
Menschen gezielt ab, um leichteres Spiel zu haben. War ein irrender
Geist dem Alkohol zugetan oder Drogen oder Tabletten, wird er es auch
wieder über den Menschen erreichen, seiner Sucht Nahrung zu geben.
In dem Buch kann man an Beispielen erlesen, wie Dr. Carl
Wickland seine Heilungen erreicht hat. Mir hat dieses Buch sehr viel
Denkanstöße gegeben. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich
meine Stimme in meiner unmittelbaren Nähe (Aura) habe. Der Gedanke
gefällt mir besser als: Mein schuldbeladenes Ich spricht mit mir
oder gar, ich sei geistig krank. Das kann ich nicht gelten lassen.
Wer jetzt gern das Buch lesen möchte, hier die Angaben:
Dreißig Jahre unter den Toten. Dr. med. Carl Wickland. ISBN-Nr.
3-87667-000-4. Preis 42 DM. Das Buch kann auch gegen Pfand über
die Netzwerkadresse ausgeliehen werden.
Gisela Haufe
Stimmen hörende Menschen aus Kunst,
Gesellschaft und Religion
Wie im letzten Journal angekündigt, möchten
wir in unregelmäßigen Abständen auf Stimmen hörende
Persönlichkeiten aus Kultur, Geschichte und Wissenschaft aufmerksam
machen. Begonnen haben wir in der letzten Ausgabe mit Jesus. Diesmal
wollen wir die Propheten des Alten Testaments der Bibel betrachten.
Einer von ihnen war Jeremias, der während der unruhigen Zeit
des Niedergangs des Königreichs Juda im 7. Jahrhundert vor Christus
lebte. Er wurde in der Nähe von Jerusalem geboren und verbrachte
die meiste Zeit seines Lebens in dieser Stadt. Er stammte aus einer
angesehenen Priesterfamilie. Seine göttliche Berufung und seine
Geschichte wird in den Schriften Jeremia beschrieben (Jeremia 1-52).
Jeremias hörte Gottes Stimme, die ihn zum Mahner seines Volkes
machte. Gott erlegte ihm damit eine Last auf, die ihn oft in Schwierigkeiten
brachte. Das Phänomen des Hörens der Stimme Gottes wird in
der Bibel mit den Worten beschrieben: ...Jeremia ..., zu dem das Wort
des Herrn geschah ... (s. Jer. 1,1).
Seine Lebensgeschichte hat der Schriftsteller Franz Werfel in die Form
eines anspruchsvollen, spannenden Romans gebracht, den zu lesen sich
lohnt.
..... Und die Stimme kommt genau in dem Augenblicke, da er ihren Eintritt
erwartet. Eine klare und sanfte Mannesstimme. Dunkelrund füllt
sie die Kammer aus. Jeder Mauerritz, jede Holzscharte ist gleichzeitig
und gleichmäßig voll von ihr. Doch wunderbarerweise hat die
Stimme keine Stelle, von der ihre Schwingungen ausgesendet werden. Sie
entsteht und verbreitet sich allenthalben auf einmal. Der ganze Raum
bringt sie hervor. Es ist, als sei sie immer dagewesen, verdunkelt nur
vom allgemeinen Geräusch der tätigen Welt. Nun scheint dieses
Allgeräusch zurückzutreten, wodurch die Stimme hervortritt.
Doch auch Jeremia ist ein Raum. Und auch ihn erfüllt das Allgeräusch,
das sich jetzt zurückzieht und die Stimme freigibt. Sie erfüllt
demnach nicht nur den äußeren Raum um Jeremia, sondern auch
den innern Raum, der er selbst ist. Die Stimme spricht innen und außen
zugleich. Ein doppelter Klang, der sich deckt. Und die Mannesstimme
sagt sanft und klar: >Jeremia...<. (s. 71/72)
Werfel, Franz:
Jeremias. Höret die Stimme.
Roman
Fischer-Tb.-Verlag 1981
ISBN: 3-596-22064-5
Artikel von Imke Skierlo
Geräusche
Wenn Urmenschen schlichen, hörten sie Tiere, sie
hörten Wetter, sie hörten Wasser. Wenn Urmenschen jagten,
hörten sie ihre Schreie, das brechen der Äste, das Brüllen
der Tiere. Wenn Urmenschen kämpften, hörten sie sich und die
Feinde. Und nachts war Ruhe und doch Geräusche, war Angst und Unheimliches,
war Gegenseitigkeit und Schutz. Und oft, wenn sie wanderten, war weitum
nichts als Natur und sie selbst.
Wer im Mittelalter aus der Stadt kam, hatte zwar Angst
vor den Räubern und auch vor Soldaten, aber er zog weg von den
Menschen, zog heim in die Ruhe, zu vertrauten Arbeitsgeräuschen.
Das 19./20. Jahrhundert schuf die Motoren und Maschinen.
Die Menschen wurden Massen, die Massen brauchten Wohnmassen, Industriemassen,
Verkehrsmassen, Maschinenmassen. Die Menschen machten massenhaft Krach.
Ergänzend schufen sie dann noch Vergnügungsmassenkrach und
Krach als Massenvergnügen.
Und dann schufen sie Oasen der Stille. Und es mußte bald Gesetze
gegen Geräuschpegel geben und Kontrolleure und Einbauten...
Der Krach soll draußen bleiben, sie schützen
den Stadtteil.
Der Krach soll draußen bleiben, sie schützen Fenster und
Türen.
Der Krach soll draußen bleiben, sie schützen die Ohren.
Und wenn dann neue Ebenen des Hörens kommen, wie
schützt man da? Solange die Technik das Krach-Machen trägt,
kann die Technik auch mindern. Doch wenn eines Tages die ganze Menschheit
telepatisch wird, wie werden sie sich voreinander schützen?
Wiltrud Henningsen
Aus: >in sprache gebunden zwei<
Text und Gedicht
Wiltrud Henningsen
ISBN: 3-9802684-8-9, zweiteilig
Auszug aus einem Referat, welches am 7.5.99 in Hamburg
auf dem Forum Rehabilitation im Rahmen eines Seminars des Fachausschusses
Forschung der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP)
unter der großen Überschrift Sozialpsychiatrische Forschung
gehalten wurde, mit dem Untertitel:
Zur Autonomie eines Psychoseerfahrenen
von Dr. med. Dieter Schwenk
Sehr geehrte Damen und Herren,
Herr Zechert von der DGSP hatte mich ja schon kurz vorgestellt als Arzt,
der gutachtlich und auch in eigener Praxis als praktischer Arzt arbeitet
und Mitglied im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener und auch Vorstandsmitglied
der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg
sowie im Netzwerk Stimmenhören Deutschland ist.
Anfang der achtziger Jahre war ich wegen schizoaffektiver Psychose mehrfach
stationär im Krankenhaus und fast ein Jahr nicht arbeitsfähig,
wobei sich mit dieser Zeit schlimme Erfahrungen für mich verbinden.
Jetzt nehme ich seit mehr als fünfzehn Jahren keine einschlägigen
diesbezüglichen Medikamente mehr und habe gelernt, mich im Grenzbereich
zur Psychose beziehungsweise am Limit psychischen und geistigen Lebens
und auch am existenziellen Limit zu bewegen, zu orientieren und zu erkennen,
was hilft, was baut auf, was schadet.
Hier darf ich nun über meine Erfahrungen berichten, auszugsweise
und teilweise, im Sinne einer Einzelfalldarstellung, im Rahmen des Fachausschusses
Forschung der DGSP, wofür ich dankbar bin.
Das Thema Autonomie werde ich schwerpunktmäßig
durch Einbringen meiner Person darstellen, wobei möglicherweise
Literaturaufarbeitung hierzu vermisst wird mit entsprechender Reflektierung
- das hat die Realität leider nicht zugelassen, bis jetzt, da der
existenzielle Druck zu groß war in den letzten Monaten.
Wie ich schon sagte, bin ich Mitglied im Netzwerk Stimmenhören
Deutschland und habe da eigene Erfahrungen, wobei ich das überwiegend
unterscheiden kann, ob diese Stimmen im rechten Ohr oder im linken lokalisiert
sind beziehungsweise waren.
Diese Stimmenwahrnehmung ist bei mir mit einer Absenkung des inneren
Gleichgewichts und auch mit einer Alteration der Empfindung beziehungsweise
Wahrnehmung verbunden, also mit einer Rückläufigkeit von Bewusstseinsanteilen
vorübergehender Art, entsprechend einer vorübergehenden Auflösungstendenz
des Ichs. Wobei hier von einem selbstregulierenden System gesprochen
werden kann, oder einem Versuch dazu.
Hierzu möchte ich etwas beiziehen, was bis jetzt
noch nicht allgemeine Akzeptanz finden konnte, und zwar die so genannte
Typologie von C. G. Jung, mit welcher ich mich seit vielen Jahren intensiv
beschäftige und heute noch täglich beschäftige und hier
insbesondere auf die Veröffentlichungen hierzu von M. L. von Franz
und C. A. Meier sowie von C. G. Jung selber verweise.
Bei dieser Typologie geht es um die Gegensatzpaare Denken/Fühlen
einerseits und Intuieren/Empfinden andererseits - neben der Introversion
und Extraversion beziehungsweise in Verbindung damit. Diese gesetzmäßig
miteinander verbundenen Bewusstseinsinhalte haben für jeden Menschen
eine besondere und allgemeine Gültigkeit.
Ein wesentliches Charakteristikum dieser Bewusstseinsvierheit ist das
ganz andere Zutagetreten der so genannten vierten oder inferioren Funktion,
also ein anders gestaltetes Viertes mit einer dazugehörigen Dreiheit.
Dazu war mir aufgefallen, dass es im Ohr möglicherweise hierzu
ein oder sogar zwei entsprechende anatomische Korrelate gibt: Hammer
- Amboss - Steigbügel einerseits und dazu das eigentliche Hörorgan,
die Schnecke, als Viertes. Hierzu kommt noch überraschenderweise
diese eigenartige Verbindung des Hörorgans mit dem Gleichgewichtssinn,
und hier findet sich eine weitere Dreiheit in Form der drei Bogengänge
mit einem anders gestalteten Vierten, wobei ich Utriculus und Sacculus
funktionell als Einheit betrachte zusammen mit der Scala media.
Hier scheint sich für mich ein deutlicher Ansatz
für Forschung zu finden hinsichtlich des inneren Ohrs und des Bewusstseinszustands,
wie er mit der Jung`schen Typologie erkannt wurde.
Umgangssprachlich: die Ohren steif halten!
Als Fragen: Was hat die Jung`sche Typologie mit den Ohren zu tun?
Und insbesondere: Was hat die für den Einzelnen so schwer zugängliche
so genannte 4. Funktion - die für den zwischenmenschlichen Kontakt
so entscheidend erscheint - mit dem Gehörorgan zu tun? Und was
mit dem Gleichgewichtsorgan?
Leserbriefe
Liebe NeSt-Mitglieder
Durch Zufall sah ich im Januar im ORB-Abendjournal den Beitrag
über Stimmenhören. Darum entschloss ich mich spontan, Ihnen
zu schreiben. Ich hoffe sehr, dass Sie hinter meinem Brief keine Scharlatanerie
vermuten. Zum erklärenden Verständnis möchte ich Ihnen
mitteilen, dass ich mich seit mehreren Jahren mit Reinkarnation beschäftige
und schon mehrere Bücher darüber gelesen habe. Im Laufe der
Zeit drang ich immer weiter in die Materie vor und stellte dabei fest,
dass es eine ganze Reihe von Psychologen gibt, die ihre Patienten durch
Reinkarnation heilen konnten.
Neugierig geworden, ging ich zu einer Rückführung,
die im örtlichen Esoterikladen stattfand. Leider war dieses Geld
von mir fast umsonst bezahlt worden, da ich einfach nicht in diesen
notwendigen Alpha-Zustand gleiten konnte.
Als Kind bereits mit schlimmen Angstzuständen belastet,
wollte ich eine Erklärung bzw. Befreiung für meinen seelischen
Zustand erreichen.
Durch das Lesen des Handbuches der Reinkarnationstherapie
von Trutz Hardo, welcher in Berlin praktiziert, wurde als weiterführende
Literatur das Buch Besessenheit und Heilung von Edith Fiore genannt.
Ich bestellte es und las es mit wachsendem Interesse für mich selbst
und meine Lage (ISBN 3-931 652-08-4).
In diesem Buch wurden u.a. verschiedene Fallbeispiele
für geistige Besessenheit einschließlich Stimmenhören
erläutert und Möglichkeiten aufgezeigt, sich von derartigen
Dingen zu befreien. Ich möchte Ihnen dieses Buch wärmstens
empfehlen und wäre für eine Antwort dankbar egal ob diese
positiv oder negativ ausfällt.
Für die Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute
und verbleibe
Mit freundlichen Grüßen
Marion Wegertseder
Anfragen
Ich studiere Soziale Arbeit in Würzburg und suche
Stimmen hörende Menschen, die mir als InterviewpartnerInnen Hilfestellungen
geben möchten (für meine Diplomarbeit, Thema: Stimmenhören).
Weitere Infos: Christina Pungs
eMail: pungs.christina@gmx.de
Vielen Dank für Ihre Mithilfe
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich möchte gern Kontakt zu Stimmen hörenden Menschen in Sachsen
aufnehmen. Der Grund: Als Journalistin beim MDR arbeite ich für
das TV-Regionalmagazin Sachsenspiegel und versuche seit geraumer Zeit,
in einem Fernsehbeitrag das Phänomen Stimmenhören zu
thematisieren, Wünsche und Hoffnungen von Betroffenen vorzustellen.
Bei meinen Recherchen bin ich bisher daran gescheitert, einen Beispielfall
in Sachsen zu finden. Nun hoffe ich, dass ich über den Rundbrief
des Netzwerkes Menschen finde, die sich bereit erklären, mit mir
zusammenzuarbeiten, in einem Fernsehbeitrag über ihr Leben zu sprechen.
Falls Sie das wünschen, wäre es natürlich möglich,
dass Sie nur anonymisiert auftreten.
Zu Ihrer Information erzähle ich noch kurz etwas über meine
Person. Ich arbeite seit 1991 beim Fernsehen, seit 1992 beim MDR. Neben
Kurzbeiträgen für unser Regionalmagazin habe ich auch schon
längere Filme (zehnminütige Porträts und Halbstundenfeature)
gemacht. Inhaltlich kümmere ich mich zumeist um sogenannte Sozial-
und gesellschaftspolitische Themen. Dabei interessieren mich vor allem
die Menschen, ihre Lebensweise, ihre Ängste, ihre Geschichte. Falls
sie als vertrauensbildende Maßnahme einige Beiträge von mir
sehen wollen, ist das kein Problem.
Ich würde mich freuen, recht bald von Ihnen zu hören und verbleibe
Mit freundlichen Grüßen
Heike Römer
Redakteurin
Anm. der Red.: Adressen u. Telefonnummern können
über unser Büro abgefragt werden.
Literaturhinweise
hier
Bundesweite Kontaktpersonen / Gruppen
Liste hier
Mitglied werden im Netzwerk Stimmenhören
e.V.
Unsere Hauptziele sind, uns gegenseitig zu helfen und
zu stützen und mehr Toleranz, Verständnis und Akzeptanz in
der Gesellschaft für das Phänomen Stimmenhören zu erreichen.
Dabei setzen wir auf eine gleichberechtigte Zusammenarbeit und Partnerschaft
von stimmenhörenden Menschen, deren FreundInnen und Angehörigen
und in psychiatrischer und psychotherapeutischer Praxis und Forschung
Tätigen. Mitglied im NeSt kann jede/r werden, die/der unsere Ziele
unterstützt und zu ihrer Verwirklichung beitragen möchte.
Das NeSt bietet:
Kommunikation
In Selbsthilfegruppen, trialogisch besetzten und therapeutisch begleiteten
Gruppen besteht die Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs und der
aktiven Mitarbeit.
Unser kleines Stimmenhörerjournal
Mitgliederrundbrief des NeSt, informiert u.a. über Aktivitäten
der Stimmenhörer-Bewegung im In- und Ausland, enthält Erfahrungsberichte,
erscheint vierteljährlich und kann - unabhängig von der Mitgliedschaft
- abonniert werden.
Fortbildungsseminare
Wir bieten zu unserem Thema ein- und zweitägige Seminare an, möglich
ist aber auch der Besuch verschiedener Einrichtungen für eine zwei-
bis dreistündige Kurzfortbildung. Damit möchten wir Verständnis
wecken und einen neuen Zugang zum Stimmenhören vermitteln.
Koordination und Kooperation
Wir arbeiten mit anderen Verbänden zusammen, um die Diskussion
zum Phänomen Stimmenhören auch dort voranzutreiben, indem
wir u.a. auf ihren Veranstaltungen Vorträge halten und Arbeitsgruppen
gestalten.
Veranstaltungen
Zu unserem Thema haben wir schon mehrere Tagungen durchgeführt
und bieten diese auch weiter an.
Internet
Auf unserer Homepage im Internet finden Sie u.a. die bisher erschienenen
Stimmenhörerjournale, sowie nationale und internationale Kontaktpersonen
Beitrittserklärung
HIER: Online-Beitrittserklärung