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Unser kleines Stimmenhörerjournal

Inhalt Ausgabe 2/2000
Rundbrief Netzwerk Stimmenhören e.V.
4. Jahrgang

Vorwort

Impressum

Schöpferinnen unseres eigenen Lebens

GESPENSTISCH....

Stimmenhören im Wandel :
Vortrag des Angehörigen Ben Niederstadt

Günter Walter Rieger (Nachruf)

Was kann es noch sein?

Stimmenhörende Menschen aus Kunst, Gesellschaft und Religion

Geräusche

Zur Autonomie eines Psychoseerfahrenen

Leserbrief

Anfragen

Literaturhinweise

Bundesweite Kontaktpersonen/Gruppen

Mitglied werden im NeSt

Beitrittserklärung

Online-Beitrittserklärung
 
 
 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Früh kam der Sommer in unser Land, fast zu spät erreicht das neue Journal für diese Zeit  unsere Mitgliedern.

Wir hatten wieder einmal viel zu tun wollten wir doch, dass unser Arbeitstreffen und die Mitgliederversammlung gelungene Veranstaltungen werden. Die Arbeit hat sich gelohnt: in einer konstruktiven Stimmung wurden weiterführende Ideen und neue Anregungen vorgebracht. In der gleichen Stimmung kamen wir danach zu unserer Mitgliederversammlung zusammen. Ein wichtiger Tagesordnungspunkt war die Wahl des neuen Vostands.

Hier die Namen des neuen Vorstands in alphabetischer Reihenfolge: Monika Bessert (Berlin), Anneke Born (Frankfurt am M.), Andreas Gehrke (Berlin), Silvia Güntzel (Berlin), Hannelore Klafki (Berlin), Frank Puchert (Berlin), Karin Römer (Mannheim).

Das Protokoll der Mitgliederversammlung, der Aktivitätenbericht und der Bericht über die Finanzbewegungen von 1999 kann von interessierten Mitgliedern über unser Büro in Berlin angefordert werden.

Ein bisschen spät, dafür jedoch in voller Länge kommt diesmal auch endlich der Beitrag des Angehörigen für unseren Kongress Stimmenhören im Wandel (s. S. 10).

Wir müssen eine traurige Nachricht verbreiten: Günter Walter Rieger ist tot. Der Nachruf ist ab Seite 15 zu lesen.

Endlich ist im Psychiatrieverlag das Arbeitsbuch Stimmenhören bewältigen und verstehen in der Reihe Psychosoziale Arbeitshilfen erschienen. Der Titel ist unserer Meinung nach ein bisschen hochgeschraubt (im englischen heißt es einfach Working with Voices). Es ist aber ein gelungenes Buch geworden, dass wir wärmstens empfehlen können. In Berlin haben wir dazu eine geschlossene Arbeitsgruppe gegründet. Noch nie haben wir so intensiv über unsere Stimmen reden können wie hier.
Die Rezension zum Buch und vielleicht schon einige Ergebnisse aus dieser Gruppe erscheinen im nächsten Journal.

Wieder haben wir uns sehr über die Beiträge für unser Journal gefreut und bedanken uns sehr dafür. Wir möchten an dieser Stelle noch einmal um Verständnis bitten, dass nicht immer alle Beiträge abgedruckt werden können. So mussten wir auch diesmal aus Platzgründen einigen Leuten mitteilen, dass ihr Beitrag oder Gedicht erst im nächsten Journal abgedruckt werden kann.

Wir wünschen allen Mitgliedern und FreundInnen einen wunderschönen Sommer und eine angenehme Lektüre.

Herzliche Grüße
für die Redaktion
Hannelore Klafki

Impressum

UNSER KLEINES STIMMENHÖRERJOURNAL
Rundbrief des Netzwerks Stimmenhören e.V. (NeSt)

Herausgeber
Netzwerk Stimmenhören e.V.  c/o Pinel
Ebersstraße 67, 10827 Berlin
Tel/Fax: 030-78718068 (freitags von 16 bis 19 Uhr)

e-mail: stimmenhoeren @gmx.de
Internet-Homepage: www. stimmenhoeren.de

Redaktion dieser Ausgabe
 Monika Bessert, Michaela Dühring, Andreas Gehrke,
 Gisela Haufe, Hannelore Klafki, Imke Skierlo, Spoky

Koordination
Hannelore Klafki

Erscheinungsweise
vierteljährlich, zum Ende des Quartals

Bezugspreis
Jahresabo incl. Zustellung 20 DM
Förderabo 40 DM
Einzelheft 3 DM (plus 1,50 DM Porto)

Für NeSt-Mitglieder ist Unser kleines Stimmenhörerjournal
 im Mitgliedsbeitrag enthalten

Bankverbindung
Postbank Berlin   BLZ 10010010   Kto-Nr. 809101-103

Sämtliche persönlich gekennzeichneten Beiträge entsprechen nicht unbedingt der Meinung des Vorstands oder der Redaktion
 
 

Schöpferinnen unseres eigenen Lebens


1. Wir werden ständig geübter, was das Identifizieren unserer lästigen Stimmen angeht. Je häufiger wir das tun, desto deutlicher wird, dass bestimmte Stimmen die aus dem Zusammenleben kommen, eine Herausforderung an die herrschenden Normen und Werte stellen.

2. Wir entwickeln Möglichkeiten, von den Stimmen Abstand zu nehmen. Das hilft uns, unsere Selbstbeurteilung einigermaßen zu beruhigen, und dadurch wird es möglich, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf das Analysieren der quälenden Stimmen richten können. Durch diese Arbeit fangen wir an zu begreifen, wie schwierig diese Stimmen es mit unserem Verhalten in der Vergangenheit und unserem Weg in die Zukunft haben.

3. Dass diese beurteilenden und manchmal feindlichen Stimmen Unsicherheiten darstellen, ist eine ganz wichtige Bewusstwerdung. Es bringt uns in Kontakt mit der Tatsache, dass die Stimmen keine Veränderungen mögen und dass es ihr Wunsch ist, dass wir unser Leben auf ihr eigenes Gebiet einschränken.

4. Wir begreifen, warum sie versuchen, uns in Panik zu versetzen, wenn wir uns wieder den Herausforderungen des Lebens stellen. Wir begreifen auch, warum sie versuchen, unsere Fähigkeiten und Kenntnisse zu verschleiern, die wir für unseren Lebensablauf nötig haben. Wenn wir diese Fähigkeiten öffentlich zugeben, können die Stimmen dadurch mächtig verzweifeln.

5. Wir bemerken, dass die Stimmen anfangen Terrain zu verlieren, und wir passen auf, wann sie die Hoffnung aufgegeben haben, es zurückerobern zu wollen. Den Stimmen wird bewusst, dass unsere Arbeit sich wie kräuselnde Wellen auf dem Wasser ausbreitet. Sie sind sich dessen bewusst, dass Menschen in anderen Teilen der Welt dieses gewahr werden und durch unser miteinander Bekanntwerden bereichert werden.

6. Es sieht so aus, als hätten die Stimmen auf die Bildung von Netzwerken keine Antwort. Das bedeutet sehr viel. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir sehr viel gezielter vorgehen. Dadurch werden wir besser in der Lage sein, wieder mit beiden Füßen auf der Erde zu stehen. So können wir die Kontrolle über unser Leben zurückgewinnen und unsere persönliche Würde erfahren, worauf wir ein Recht haben.

7. Diese Art von Entwicklungen macht uns frei und vereinfacht es uns, die Verfügungen von anderen Menschen über unser Leben an den Nagel zu hängen. Es macht es einfacher für uns, Frieden mit unserem Leben zu haben und die Schritte zu tun, die wir unternehmen müssen, um uns selbst zu formen. Auf diese Art und Weise haben wir über unsere eigene Identität wieder mehr zu bestimmen. Wir werden Gestalterinnen unseres eigenen Lebens.
Power to Our Journeys
 

Power to Our Journeys ist der Name einer australischen Selbsthilfegruppe für stimmenhörende Frauen. Sie haben einen Artikel geschrieben, um ihre Erfahrungen mit den Stimmen und die Entwicklung, die sie durch die Teilnahme an der Selbsthilfegruppe gemacht haben, anderen weiterzugeben.

Schöpferinnen unseres eigenen Lebens ist Teil des Artikels  3 Authors of Our Own Life. Der Artikel erschien mit Unterstützung von Michael White in American Family Therapie Akademy Newsletter, Sommer 1996, Seite 11-16.

Korrespondenz Adresse:
Power to Our Journeys  c/o Dulwich Centre,
345 Carrrington St., Adelaide, So. Australian 5000
 

entdeckt in der holländischen Broschüre Gesprächsgruppen für Menschen, die Stimmen hören (übersetzt von Onno Mülder)
 
 
 

Gespenstisch von Imke Skierlo
Gespenstisch,
gesponnen,
verwoben,
versponnen
mit der Gegenwart,
der Realität,
nachvollziehbar,
wirklich real.

Ich höre,
worauf mein Blick fällt,
vorgelesen,
kommentiert,
in den Dreck gezogen,
lieblos,
hasserfüllt -
meine eigenen Gedanken
von fremden Stimmen gesprochen,
persifliert -
im Kopf.

Keine Möglichkeit,
eine Tür zu schließen,
ein Fenster,
kein Knopf zum Abstellen,
keine Sekunde am Tag
ohne diese heimtückische Folter,
keine Möglichkeit,
sich zurückzuziehen -
außer in den Schlaf.

  ( Imke Skierlo)
 

Vortrag des Angehörigen
Ben Niederstadt beim Kongress Stimmenhören im Wandel
 

MEINE SEHR VEREHRTEN DAMEN UND HERREN! LIEBE FREUNDINNEN UND FREUNDE! LIEBE ANGEHÖRIGE!
Der Auftrag, meine Freundschaft mit einer Stimmen hörenden Person darzustellen, konnte nur von außen kommen. Denn das mußte bedeuten, viele mir liebgewordene Mythen in einer kritischen Revision zu zerstören. Zu sehr war dieses Phänomenon schon in unser beider tägliches Leben eingegangen.

Eines meiner Themen soll ja sein, ob wir die Zeichen des Stimmenhörens früh genug wahrnehmen können oder nicht. Hier möchte ich gleich sagen, auch angesichts der hoffentlich zahlreich genug anwesenden Damen und Herren von der Presse, daß das Stimmenhören keine Krankheit ist. Es kann von einer Krankheit begleitet sein, es muß aber nicht. Ich habe Leute kennengelernt, die schon seit Jahren Stimmen hören und damit durchaus keine Probleme haben; eher schon die Umgebung. Wenn das Stimmenhören in der von mir erzählten Geschichte mit einer Psychose verbunden ist, so gilt das trotzdem nur soweit, als ich es in diesem Zusammenhang zum ersten Mal erlebt habe. Vorher hatte ich darüber lediglich gelesen, nämlich in Georg Büchners armen Woyzeck, dem die Stimmen befehlen, die Zickwölfin totzustechen, d.h. seine Braut zu ermorden. Aus all diesen Gründen möchte ich den Irrgarten der Psychologie, zumal als Laie, bewußt nicht durchlaufen.

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte; diese liegt einige Jahre zurück. Sehe ich mich an, hatte ich die besseren Voraussetzungen, verrückt zu werden. Es mag der Erwähnung wert sein, daß mein Freund und ich uns im Lichthof der Technischen Universität kennenlernten. Ein Ort, der mich nichts Ungewöhnliches vermuten ließ. Wir waren beide auf ein und dasselbe Mädchen scharf, so dachte ich. Es handelte sich demnach um eine ganz normale Konkurrenzsituatuion. Da sie aber keinem von uns beiden in mehr als freundschaftlicher Weise zugeneigt war, blieben wir auf einander angewiesen. Dabei stellte sich heraus, daß mein neuer Freund sich nicht im mindesten für jene junge Dame interessierte. Ein verständliches Verhalten, da Schönheit relativ ist. Wie auch immer, alles schien in bester Ordnung, obwohl mich sein großes Schlafbedürfnis irritierte, besser gesagt, es verhagelte mir die Petersilie. Eigentlich hätte es mich mißtrauisch machen müssen, daß er ganze Nachmittage der schönsten Ferienzeit verschlief wir befanden uns abwechselnd in Budapest oder in Wien und einfach nicht wachzukriegen war: eine Kanone hättest du vergeblich neben ihm abgefeuert. Daß die Ursache dafür die Einnahme von Psychopharmaka war, ging mir erst viel später, beim Fortschreiten der Crisis überhaupt, ein.

Ungefähr ein Jahr nach unserem ersten Aufeinandertreffen geriet mein Freund in eine Liebesaffäre, die ihm umso hoffnungsloser schien, als sie es in Wirklichkeit gar nicht war; im Gegenteil, ich beneidete ihn sogar. Jedenfalls war nun der noch fehlende Katalysator vorhanden, um die Krankheit ausbrechen zu lassen. Und daß da etwas nicht stimmte, mußte nun selbst dem unaufmerksamsten Beobachter auffallen: Er kam nicht zu Verabredungen, wohl weil er das Gefühl für Raum und Zeit völlig verloren hatte,  vernachlässigte sich in jeder Weise. Ich war ratlos. Eines Tages dann war er plötzlich verschwunden. Von B. ereilte mich die Nachricht, er befände sich in der geschlossenen Abteilung dortselbst. Mein unglücklicher Freund glaubte sich von den Lastwagenfahrern aller Autobahnen aller Länder gejagt, als hätten sie sich gegen ihn verschworen. Für ihn war ausgemacht, daß dahinter die religiöse Vereinigung steckte, der er über zehn Jahre zuvor abtrünnig geworden war. Damals, so denke ich heute, dachte er wohl, daß die ihn vernichten wollten, weil er ihre Geheimnisse verraten könnte. Auch, so glaube ich, hielt er Radiowellen und Stimmen aus dem Telephon für Überträger obskurer Botschaften speziell von dieser Sekte. So wollte er sich selbst das Leben nehmen, und beschloß von einem eingerüsteten Hochhaus der Innenstadt herunterzuspringen. Glücklicherweise war der direkte Nachbar des Grundstücks die Polizei und das rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Wie er überhaupt nach B. kam, weiß ich bis heute nicht. Ich weiß nur, daß er mit dem Auto fuhr. Das für sich alleine genommen ist schon unfaßbar.

Diese Zeit war von gegenseitigen Ängsten überschattet. Mein Freund traute der Macht seiner Gedanken eine Kraft zu, die mich nach seinem Belieben zu ihm zitieren konnte. Gleichzeitig schauderte es ihm aber auch vor dieser Gabe. Er wünschte sich meine Nähe, fürchtete sie aber zugleich.  Ich glaubte mich aber in der unangreifbaren Position und war dort besonders leicht anzugreifen. Gefährlich wurde es für mich deshalb, weil er seinen Gedanken damals auch eloquent Ausdruck verleihen konnte. Sobald ich diese irrationale Welt erst einmal für mich entdeckt hatte, übte sie sogleich eine eigentümliche Faszination auf mich aus. Ich habe stets dem gut geschriebenen und gesprochenen Wort den Vortritt vor (fast) allem anderen gegeben und war daher besonders anfällig für diese Phantasien. Es läßt sich mit der Märchenstunde für Kinder vergleichen, wo die Rollen klar verteilt sind: er war der Gebende und ich der Empfangende. Genauso wie nicht nur Kinder dem Märchenonkel während des Erzählens alles glauben, wenn es nur überzeugend erzählt ist, erging es mit mir auch. Es war zwecklos, daß ich mir auf der Straße oder noch beim Verlassen der Wohnung sagte, daß alles, was er mir erzählte, wirkliche Märchengeschichten seien; beim nächsten Treffen war ich wieder da und hing an seiner Angel und glaubte, was er wollte. Ich habe versucht, mit mir und anderen zu experimentieren, um so das Optimum aus dem Leben herauszuholen. Dieses Experiment entzog sich meiner Kontrolle. Ich kam gegen die Atmosphäre im Zimmer einfach nicht an. Die Neugier war verflogen und es folgten Angst und Schrecken. Ein schlimmes Jahr hatte mich nahezu an den Rand des Abgrundes gebracht. Nicht, daß ich einfach verrückt geworden wäre, schlimmer, mir schwanden die Kräfte, zu studieren und gleichzeitig Geld zu verdienen. Mehr noch, ich befand mich bereits im freien Fall. Und da ja war niemand, um mich aufzufangen.

Zwei Anekdoten sind mir unvergeßlich geblieben. Einmal, als ich ihn besuchte und in sein Zimmer eintrat, lag er rücklings auf dem Bett hingestreckt, bewegungslos; die tief in ihren Höhlen liegenden Augen starrten zur Decke. Steif, wie er war, glich er einer Mumie, der nur die Bandage fehlte. Ich bekam es mit der Angst zu tun, konnte meinerseits ebenso gebannt hinschauen. Mein Freund, der was weiß ich von welchen Einflüsterungen auch immer gepeinigt war, merkte meine Anwesenheit mit Verzögerung, ließ seine Augäpfel sodann in meine Richtung rollen, was noch unheimlicher war. Was ist denn? Die Frage kam wie aus einem Grab. An den weiteren Verlauf dieser Szene entsinne ich mich nicht mehr  Das andere Mal hatte ich mich von ihm in tiefer Nacht nach Hause bringen lassen, obgleich es eine Qual war, ihn zu hören und zu sehen. (Die Distanz zwischen den Wohnungen war relativ groß.) Er bestand darauf, bei mir zu übernachten. Meine damalige Behausung war nicht gerade luxuriös eingerichtet, was seine Verlassenheit desto deutlicher macht. In seiner Vorstellung wurde die bereits angedeutete Telekinese auch von anderen, gegen ihn, benutzt, um ihm zu schaden, so z.B. um ihm seine eigenen Gedanken herauszuziehen und sie danach kreativ zu vermarkten. Vor diesem Hintergrund wird die Angst vor dem Alleinsein, das ihn fremden Mächten noch wehrloser ausliefern würde, verständlich. Von Freimaurerpanik gepackt bat er, bettelte; schließlich ging ich zum Schein auf sein Flehen ein, schützte aber vor, noch etwas im Zimmer arrangieren zu wollen, so daß er nachkommen müsse. Glücklich hineingelangt, reagierte ich jedoch nicht auf sein Klingeln, Klopfen und Rufen und stellte mich taub. Anderntags wollte ich eine Reise zu meiner Liebsten antreten und mir nicht die Nacht davor um die Ohren hauen. Außerdem hatte ich Angst vor dem, was er bei mir anstellen könnte. Zur Strafe konnte ich dann die halbe Nacht nicht schlafen. Wie ich von ihm nachher hörte, hatte er ein Taxi nach Hause genommen, was mich wenigstens halbwegs beruhigte. Dessen ungeachtet verfolgte mich das schlechte Gewissen, nicht ganz ehrlich gewesen zu sein, ziemlich lange. Kurz danach bekam er seine Therapie, die ihn zwar letztendlich von den Stimmen und der Psychose befreite, aber ihm auch einen Teil seiner Kreativität raubte, wie ich empfand. Wenn ich an die gute alte Zeit unser Sprachspiele zurückdenke, in der wir wie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden waren, das nun wohl für immer zerrissen ist, wird mir fast ein wenig feierlich und wehmütig zu mute. Aber möglicherweise täuscht mich die Erinnerung und etwas anderes ist richtig: Ich war jünger und übermütiger.

In der Gruppe, die diese Tagung vorbereitete, kurz genannt NeSt, hieß es, ich habe ja mein Leben durch die Erfahrung mit meinem Freund bereichert. Wirklich? Möchte ich diese Erfahrung nicht missen?   Entweder ist das nicht so einfach zu beantworten oder ich bin kein so guter Mensch. So manches Mal hätte ich doch  gerne die verlorene Zeit wieder, von der mir kaum etwas geblieben ist. Soll ich die Professionellen (Psychologen) beneiden, die auch in Selbsthilfegruppen aus der Routine nicht herauskommen können oder wollen und das noch für ihre Arbeit gutschreiben. Nein, das will ich gewiß noch weniger. Ich möchte zum Schluß die am Anfang gestellte Frage wiederaufnehmen: Ist Früherkennung des Stimmenhörens durch Angehörige möglich? Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich möchte doch lieber mit Nein! antworten. Trotz der Signale habe ich erst durch meinen Freund selbst zweifelsfrei von seinem Zustand erfahren. Nichtbetroffene können sich das einfach nicht vorstellen.

Seit 1996 habe ich, verursacht durch einen Hörsturz, einen Tinnitus. Leute ohne diese quälenden Geräusche mögen sich bitte an ihren letzten Termin beim Ohrenarzt erinnern, bei welcher Gelegenheit dieser Hochfrequenztöne, das sind solche, die noch über dem Bereich der gewöhnlichen Konversation von Micky Mäusen liegen , in das Ohr schickt. Nur eben vierundzwanzig Stunden lang und das nervt schon ganz beträchtlich. Deshalb glaube ich, beim Problem meines Freundes doch, wenn auch ganz vorsichtig, mitreden zu dürfen. Dennoch bleibe ich damit allein. Ähnlich ist es bei ihm: Wenn es wieder losgehen sollte, würde ich das nicht bemerken, besonders wenn es sich in neuen Formen äußern würde. Gleichfalls könnte ich bei einer mir nicht näher bekannten Person, auch wenn bei ihr dieselben Symptome wie bei ihm auftreten würden, nicht auf den Grund schließen.

Letztendlich können wir Angehörigen nur durch Erfahrung gewachsene Sensibilität und Nervenstärke zeigen: Zuhören und immer wieder aufmuntern, vor allem, sich zu helfen und helfen zu lassen.
Ben Niederstadt  (Berlin, Dezember 19999)
 
 

Günter Walter Rieger ist tot.
Er starb im Frühjahr 2000.

Wir trauern um einen Menschen, der sich als einer der
ersten öffentlich zu seinem Stimmenhören bekannte.
Er war Gründer der ersten Selbsthilfegruppe in Kiel
und maßgeblich an den Vorbereitungen für die
Gründung unseres Netzwerks beteiligt.
Tschüs Günter. Wir werden dich nicht vergessen
 
 

Nachfolgend drucken wir den Text des Zeitungsartikels aus den Kieler Nachrichten vom 13.12.1997 von Klaus Sieg

Stimmen hatte Günter Rieger immer schon gehört, auch in der Kindheit. Es war meistens nur eine Stimme zur Zeit, die aber konnte wechseln. Überwiegend sprach eine Männerstimme zu ihm, manchmal auch eine Frauenstimme. Der Charakter der Stimmen änderte sich.
In meiner Kindheit waren sie meine guten Begleiter, erzählt Rieger, sie haben mir die Welt erklärt. Das sei für ihn sehr wichtig gewesen. Er war der Jüngste von zahlreichen Geschwistern in einem sehr autoritär geführten Elternhaus, fast täglich hatte es Prügel gegeben. Die Stimmen dagegen waren fürsorglich zu mir, sie haben mich geschützt und in meinen Vorhaben ermutigt!, sagt der 47-jährige Industriekaufmann. Der Wechsel kam kurz vor seinem Auszug. Die Entscheidung, in Berlin zu studieren, habe er nicht freiwillig getroffen, sagt Rieger. Die Stimmen seien diktatorisch geworden, wogegen er sich nicht habe wehren können. Ich fühlte mich wie in einem wandelnden Gefängnis erinnert er sich an die Gehirnwäschephase. Zwischenzeitlich war für Günter Rieger kein normales Leben mehr möglich, er zog in ein betreutes Wohnheim. Erst seit einer längeren Therapie vor acht Jahren, in der er erstmals über die Stimmen sprach, hört er nun keine Stimmen mehr. Obwohl sein Zustand sich stabilisiert hat, bleibt die Angst, dass die Stimmen wiederkommen können.
Um seine eigene Geschichte als Stimmenhörer aufzuarbeiten und von den Erfahrungen anderer zu lernen, trifft sich Günter Rieger regelmäßig mit anderen Stimmenhörern im Kieler Fenster, einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten. In dem Haus kann er mit anderen Betroffenen selbstverantwortlich zusammenkommen, ohne Psychologen oder Sozialarbeiter. Auch die StimmenhörerSelbsthilfegruppe trifft sich seit zwei Jahren ohne professionelle Anleitung, in erster Linie, um Erfahrungen auszutauschen. Raus aus der Isolation - ein wichtiger Schritt, den die meisten Stimmenhörer viel zu selten wagen. Häufig fangen sie an, sich ihrem Umfeld mitzuteilen, wenn sich ihr Zustand derartig verschlimmert hat, das sie psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Auch Günter Rieger konnte erst im Nachhinein, als die Stimmen weg waren, offen über sein Stimmenhören sprechen. Ich dachte, ich sei der Einzige, der so etwas hat, erzählt.
Dabei gibt es viele Stimmenhörer. Nach niederländischen Untersuchungen wird ihr Anteil auf drei bis fünf Prozent in der Bevölkerung geschätzt. Vor allem in England und in den Niederlanden kann man einen neuen Umgang mit diesem Phänomen beobachten. Angefangen hatte es mit einer Fernsehsendung, in der der Maastrichter Sozialpsychiater Marius Romme Stimmenhörer aufgefordert hatte, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Es meldeten sich 450 Betroffene. Und immerhin 150 von ihnen gaben an, Strategien für einen erträglichen Umgang mit den Stimmen gefunden zu haben - oft ohne psychiatrische Hilfe. Viele wiesen den Stimmen einen positiven Charakter zu und konnten den Kontakt mit ihnen strukturieren. Sie fühlten sich stärker als die Stimmen, konnten sie ignorieren und ihnen Grenzen setzen oder ihnen nur dann zuhören, wenn sie etwas Konstruktives zu sagen hatten. Einige betrachteten die Stimmen als innere Helfer, die sie eher stärkten als schwächten.
Dieses Potential an Bewältigungsstrategien soll genutzt werden, um anderen Stimmenhörern zu helfen. In England und in den Niederlanden bildeten sich Selbsthilfegruppen und Netzwerke. Und auch in Deutschland schließen sich Stimmenhörer zusammen. Auf einem Workshop im Oktober trafen sich in Berlin Stimmenhörer, Angehörige und Therapeuten aus dem ganzen Bundesgebiet, um Erklärungsmodelle und Hilfsmöglichkeiten auszutauschen. Darüber hinaus haben sich auch in Deutschland die Selbsthilfegruppen zu einem Netzwerk zusammengeschlossen.
Das Hören von Stimmen wird bisher in der klinischen Psychiatrie meistens als akustische Halluzination und als Symptom von Zuständen wie Schizophrenie, Manie, Depression oder Psychose betrachtet und mit Neuroleptika behandelt, um Wahnvorstellungen und Halluzinationen zu vermindern. Doch nicht jeder Patient spricht auf diese Therapie an. Und vor allem hat man lange übersehen, dass es durchaus Menschen gibt, die mit den Stimmen leben können.
Dass die Stimmen weg müssen, ist leider nach wie vor die Grundhaltung in der Psychiatrie, sagt Thomas Bock, Leiter der sozialpsychiatrischen Ambulanz im Hamburger Universitätskrankenhaus (UKE). Bock plädiert dafür, die Stimmen zu hinterfragen und Interesse für sie zu entwickeln. Man sollte sich über sie unterhalten wie über Nachbarn, da gebe es ja auch gute und böse.  Wenn ich die Stimmen nicht ernst nehme, verschenke ich einen Zugang zu diesem Menschen, sagt Bock, der seit neun Monaten eine Hamburger Gruppe von Stimmenhörern betreut.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Stimmenhören ein Phänomen ist, das nicht immer mit einem psychischen Defekt gleichgesetzt wurde. Für die alten Griechen war Stimmenhören ein Dialog mit den Göttern. Und Jeanne dArc fühlte sich durch Stimmen berufen, die Engländer aus Frankreich zu vertreiben - was sie zur Nationalheldin machte. Franz von Assisi befahlen die Stimmen, das zerstörte Haus Gottes wieder aufzubauen. Robert Louis Stevenson, Autor von Dr. Jekyll and Mr. Hyde, unterhielt sich mit kleinen Wesen, die er Brownies nannte.
Ist Stimmenhören also krankhaft, weil es nicht geduldet wird? Eine zu einfache Erklärung. Hirnforscher in England haben herausgefunden, dass beim Stimmenhören das Sprachzentrum aktiv ist. Demnach könnte es sich beim Stimmenhören also um einen inneren Dialog handeln, der der Außenwelt angelastet wird. Doch damit sollen subjektive Empfindungen Betroffenen nicht an die Wand gedrückt werden. Deswegen gehört es auch zum Prinzip der Stimmenhörer-Selbsthilfegruppen, Erklärungen der einzelnen ernst zu nehmen, denn sie helfen ihnen beim Artikulieren ihrer Erfahrungen.

 Es weiß doch niemand so genau, wo es herkommt, sagt Günter Rieger, der seine Stimme spiritistisch erklärt. Entscheidend ist was ein Mensch braucht, um die Stimmen loszuwerden - oder um mit ihnen leben zu können. Ich glaube, Stimmenhören kann eine positive Erfahrung sein, und ich möchte lernen, damit zu leben, sagt Jens Schulte, der seit knapp einem Jahr in der Kieler Selbsthilfegruppe ist. Der 35-Jährige zeigt ein kleines silbernes Schmuckmännchen, das er sich als Symbol für sein Stimmenhören ins Ohr klemmen will. Er glaubt, durch die Selbsthilfegruppe viele kleine Fortschritte gemacht zu haben.

Aber nicht immer kann die Selbsthilfegruppe den Betroffenen ausreichend helfen. Susanne W. etwa, die erst seit ihrem dreißigsten Lebensjahr eine Stimme hört, wurde von ihr des Öfteren zu Suizidversuchen getrieben. Ausschlaggebend dafür war der Selbstmord ihres damaligen Freundes, den sie auch hinter der Stimme vermutet. Jedes Jahr im Januar, wenn sich der Tod ihres Freundes jährt, geht sie deshalb in die Psychiatrie. Dort nimmt - durch Medikamente und Gespräche - die Stimme allmählich einen beschützenden Charakter an. Die Selbsthilfegruppe fängt ihre kleineren Krisen auf und gibt ihr die Möglichkeit des Austausches.

Stimmenhören - ein altes Phänomen, für das nicht nur die Betroffenen einen neuen Umgang fordern und suchen. Eine offene Herangehensweise an das Phänomen könnte ihnen aus der Isolation helfen und ihre Heilungschancen verbessern. Vor allem aber müssen die Stimmen als Teil ihrer Persönlichkeit akzeptiert und ernst genommen werden.

Kontakt: Kieler Fenster, Kiel, Alte Lübecker Chaussee 1,
Tel: 0431-649 80 30.
Buchtipp: Stimmenhören akzeptieren von Marius Romme u. Sandra Escher, Psychiatrie Verlag, Bonn 1997.
 

Anm. Der Red.: Leider gibt es die Gruppe im Kieler Fenster nicht mehr. Wir haben jedoch ganz neu wieder eine Kontaktperson in Kiel. Vielleicht gelingt es, dort wieder eine Gruppe aufzubauen.

Wer mehr über Günter lesen möchte:
Seine Geschichte ist abgedruckt in
Stimmenhören Botschaften aus der inneren Welt
von Irene Stratenwerth u. Thomas Bock
Taschenbuch Piper Verlag
ISBN 3-4922-991-3
 
 


Was kann es noch sein?

Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu und fehlen ein wie das andere Mal: In uns selbst liegt das Rätsel, die wir Ausgeburten zweier Welten sind!
J. W. von Goethe

Die eine Welt ist die, in der wir leben, die andere ist die, in die wir gehen. Nur weil wir die eine Welt nicht sehen, die aber einige Menschen wahrnehmen können, sollten wir sie nicht ablehnen. Im Gegenteil sind wir aufgefordert, uns mit dem Leben nach dem körperlichen Tod auseinander zu setzen. Wir würden dort vielleicht Erklärungen finden für viele Arten von so genannten Geisteskrankheiten, wie für das Phänomen Stimmenhören.

Ich ziehe diese Gedanken aus einem Buch von Dr. med. Carl Wickland. Dieses Buch gibt Einblicke und schildert, wie es auf der für uns unsichtbaren Rückseite unserer irdischen Lebensebene zugeht. Der Autor berichtet von Besessenheit und Besessenheitsheilungen. Besessen kann ein Mensch sein durch Geister Verstorbener, so der Autor. Es seien unwissende, irrende Seelen von Menschen, die, von ihrem Körper endgültig getrennt, sich in ihrem neuen Lebensraum nicht zurechtfinden. Sie sind auf ihre Situation nicht ausreichend vorbereitet und wissen sich in ihrer Ratlosigkeit und Verlassenheit nicht anders zu helfen, als bei medial veranlagten Menschen Anschluss zu suchen. Die Aura des Menschen soll für den Geist des Verstorbenen leuchten und dieses Licht zieht den Geist an.

Unwissend nähert sich der Geist der menschlichen Aura, die auf ihn eine magnetische Wirkung hat. Ist der Geist - es können auch mehrere sein - zu nahe gekommen, gibt ihn die Aura unseres Körpers nicht mehr ohne fremde Hilfe frei. Oftmals soll es von den Geistern als sehr angenehm empfunden worden sein, denn das irdische Leben ist ihnen wohl bekannt. Offensichtlich übertragen sie auch dem körperlichen Menschen ihre Gebrechen und Schmerzen, unter denen sie zur Zeit ihres körperlichen Daseins litten. Sie zwingen den Menschen, in dessen Aura sie gefangen sind, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, ihre Anwesenheit so angenehm wie möglich zu gestalten.

Dazu bauen sie die Persönlichkeit des körperlichen Menschen gezielt ab, um leichteres Spiel zu haben. War ein irrender Geist dem Alkohol zugetan oder Drogen oder Tabletten, wird er es auch wieder über den Menschen erreichen, seiner Sucht Nahrung zu geben.

In dem Buch kann man an Beispielen erlesen, wie Dr. Carl Wickland seine Heilungen erreicht hat. Mir hat dieses Buch sehr viel Denkanstöße gegeben. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich meine Stimme in meiner unmittelbaren Nähe (Aura) habe. Der Gedanke gefällt mir besser als: Mein schuldbeladenes Ich spricht mit mir oder gar, ich sei geistig krank. Das kann ich nicht gelten lassen.

Wer jetzt gern das Buch lesen möchte, hier die Angaben: Dreißig Jahre unter den Toten. Dr. med. Carl Wickland. ISBN-Nr. 3-87667-000-4. Preis 42 DM. Das Buch kann auch gegen Pfand über die Netzwerkadresse ausgeliehen werden.

Gisela Haufe
 
 

Stimmen hörende Menschen aus Kunst, Gesellschaft und Religion

Wie im letzten Journal angekündigt, möchten wir in unregelmäßigen Abständen auf Stimmen hörende Persönlichkeiten aus Kultur, Geschichte und Wissenschaft aufmerksam machen. Begonnen haben wir in der letzten Ausgabe mit Jesus. Diesmal wollen wir die Propheten des Alten Testaments der  Bibel betrachten.  Einer von ihnen war  Jeremias, der während der unruhigen Zeit des Niedergangs des Königreichs Juda im 7. Jahrhundert vor Christus lebte. Er wurde in der Nähe von Jerusalem geboren und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in dieser Stadt. Er stammte aus einer angesehenen Priesterfamilie. Seine göttliche Berufung und seine Geschichte wird in den Schriften Jeremia beschrieben (Jeremia 1-52).
Jeremias hörte Gottes Stimme, die ihn zum Mahner seines Volkes machte. Gott erlegte ihm damit eine Last auf, die ihn oft in Schwierigkeiten brachte. Das Phänomen des Hörens der Stimme Gottes wird in der Bibel mit den Worten beschrieben: ...Jeremia ..., zu dem das Wort des Herrn geschah ... (s. Jer. 1,1).
Seine Lebensgeschichte hat der Schriftsteller Franz Werfel in die Form eines anspruchsvollen, spannenden Romans gebracht, den zu lesen sich lohnt.
..... Und die Stimme kommt genau in dem Augenblicke, da er ihren Eintritt erwartet. Eine klare und sanfte Mannesstimme. Dunkelrund füllt sie die Kammer aus. Jeder Mauerritz, jede Holzscharte ist gleichzeitig und gleichmäßig voll von ihr. Doch wunderbarerweise hat die Stimme keine Stelle, von der ihre Schwingungen ausgesendet werden. Sie entsteht und verbreitet sich allenthalben auf einmal. Der ganze Raum bringt sie hervor. Es ist, als sei sie immer dagewesen, verdunkelt nur vom allgemeinen Geräusch der tätigen Welt. Nun scheint dieses Allgeräusch zurückzutreten, wodurch die Stimme hervortritt. Doch auch Jeremia ist ein Raum. Und auch ihn erfüllt das Allgeräusch, das sich jetzt zurückzieht und die Stimme freigibt. Sie erfüllt demnach nicht nur den äußeren Raum um Jeremia, sondern auch den innern Raum, der er selbst ist. Die Stimme spricht innen und außen zugleich. Ein doppelter Klang, der sich deckt. Und die Mannesstimme sagt sanft und klar: >Jeremia...<. (s. 71/72)
Werfel, Franz:
Jeremias. Höret die Stimme.
Roman
Fischer-Tb.-Verlag 1981
ISBN: 3-596-22064-5

Artikel von Imke Skierlo 
 

Geräusche

Wenn Urmenschen schlichen, hörten sie Tiere, sie hörten Wetter, sie hörten Wasser. Wenn Urmenschen jagten, hörten sie ihre Schreie, das brechen der Äste, das Brüllen der Tiere. Wenn Urmenschen kämpften, hörten sie sich und die Feinde. Und nachts war Ruhe und doch Geräusche, war Angst und Unheimliches, war Gegenseitigkeit und Schutz. Und oft, wenn sie wanderten, war weitum nichts als Natur und sie selbst.

Wer im Mittelalter aus der Stadt kam, hatte zwar Angst vor den Räubern und auch vor Soldaten, aber er zog weg von den Menschen, zog heim in die Ruhe, zu vertrauten Arbeitsgeräuschen.

Das 19./20. Jahrhundert schuf die Motoren und Maschinen. Die Menschen wurden Massen, die Massen brauchten Wohnmassen, Industriemassen, Verkehrsmassen, Maschinenmassen. Die Menschen machten massenhaft Krach. Ergänzend schufen sie dann noch Vergnügungsmassenkrach und Krach als Massenvergnügen.
Und dann schufen sie Oasen der Stille. Und es mußte bald Gesetze gegen Geräuschpegel geben und Kontrolleure und Einbauten...

Der Krach soll draußen bleiben, sie schützen den Stadtteil.
Der Krach soll draußen bleiben, sie schützen Fenster und Türen.
Der Krach soll draußen bleiben, sie schützen die Ohren.

Und wenn dann neue Ebenen des Hörens kommen, wie schützt man da? Solange die Technik das Krach-Machen trägt, kann die Technik auch mindern. Doch wenn eines Tages die ganze Menschheit telepatisch wird, wie werden sie sich voreinander schützen?

Wiltrud Henningsen
 

Aus: >in sprache gebunden zwei<
Text und Gedicht
Wiltrud Henningsen
ISBN: 3-9802684-8-9, zweiteilig
 
 
 
 

Auszug aus einem Referat, welches am 7.5.99 in Hamburg auf dem Forum Rehabilitation im Rahmen eines Seminars des Fachausschusses Forschung der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) unter der großen Überschrift Sozialpsychiatrische Forschung gehalten wurde, mit dem Untertitel:

Zur Autonomie eines Psychoseerfahrenen
von Dr. med. Dieter Schwenk

Sehr geehrte Damen und Herren,
Herr Zechert von der DGSP hatte mich ja schon kurz vorgestellt als Arzt, der gutachtlich und auch in eigener Praxis als praktischer Arzt arbeitet und Mitglied im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener und auch Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg sowie im Netzwerk Stimmenhören Deutschland ist.
Anfang der achtziger Jahre war ich wegen schizoaffektiver Psychose mehrfach stationär im Krankenhaus und fast ein Jahr nicht arbeitsfähig, wobei sich mit dieser Zeit schlimme Erfahrungen für mich verbinden. Jetzt nehme ich seit mehr als fünfzehn Jahren keine einschlägigen diesbezüglichen Medikamente mehr und habe gelernt, mich im Grenzbereich zur Psychose beziehungsweise am Limit psychischen und geistigen Lebens und auch am existenziellen Limit zu bewegen, zu orientieren und zu erkennen, was hilft, was baut auf, was schadet.
Hier darf ich nun über meine Erfahrungen berichten, auszugsweise und teilweise, im Sinne einer Einzelfalldarstellung, im Rahmen des Fachausschusses Forschung der DGSP, wofür ich dankbar bin.

Das Thema Autonomie werde ich schwerpunktmäßig durch Einbringen meiner Person darstellen, wobei möglicherweise Literaturaufarbeitung hierzu vermisst wird mit entsprechender Reflektierung - das hat die Realität leider nicht zugelassen, bis jetzt, da der existenzielle Druck zu groß war in den letzten Monaten.
Wie ich schon sagte, bin ich Mitglied im Netzwerk Stimmenhören Deutschland und habe da eigene Erfahrungen, wobei ich das überwiegend unterscheiden kann, ob diese Stimmen im rechten Ohr oder im linken lokalisiert sind beziehungsweise waren.
Diese Stimmenwahrnehmung ist bei mir mit einer Absenkung des inneren Gleichgewichts und auch mit einer Alteration der Empfindung beziehungsweise Wahrnehmung verbunden, also mit einer Rückläufigkeit von Bewusstseinsanteilen vorübergehender Art, entsprechend einer vorübergehenden Auflösungstendenz des Ichs. Wobei hier von einem selbstregulierenden System gesprochen werden kann, oder einem Versuch dazu.

Hierzu möchte ich etwas beiziehen, was bis jetzt noch nicht allgemeine Akzeptanz finden konnte, und zwar die so genannte Typologie von C. G. Jung, mit welcher ich mich seit vielen Jahren intensiv beschäftige und heute noch täglich beschäftige und hier insbesondere auf die Veröffentlichungen hierzu von M. L. von Franz und C. A. Meier sowie von C. G. Jung selber verweise.
Bei dieser Typologie geht es um die Gegensatzpaare Denken/Fühlen einerseits und Intuieren/Empfinden andererseits - neben der Introversion und Extraversion beziehungsweise in Verbindung damit. Diese gesetzmäßig miteinander verbundenen Bewusstseinsinhalte haben für jeden Menschen eine besondere und allgemeine Gültigkeit.
Ein wesentliches Charakteristikum dieser Bewusstseinsvierheit ist das ganz andere Zutagetreten der so genannten vierten oder inferioren Funktion, also ein anders gestaltetes Viertes mit einer dazugehörigen Dreiheit.
Dazu war mir aufgefallen, dass es im Ohr möglicherweise hierzu ein oder sogar zwei entsprechende anatomische Korrelate gibt: Hammer - Amboss - Steigbügel einerseits und dazu das eigentliche Hörorgan, die Schnecke, als Viertes. Hierzu kommt noch überraschenderweise diese eigenartige Verbindung des Hörorgans mit dem Gleichgewichtssinn, und hier findet sich eine weitere Dreiheit in Form der drei Bogengänge mit einem anders gestalteten Vierten, wobei ich Utriculus und Sacculus funktionell als Einheit betrachte zusammen mit der Scala media.

Hier scheint sich für mich ein deutlicher Ansatz für Forschung zu finden hinsichtlich des inneren Ohrs und des Bewusstseinszustands, wie er mit der Jung`schen Typologie erkannt wurde.
Umgangssprachlich: die Ohren steif halten!
Als Fragen: Was hat die Jung`sche Typologie mit den Ohren zu tun?
Und insbesondere: Was hat die für den Einzelnen so schwer zugängliche so genannte 4. Funktion - die für den zwischenmenschlichen Kontakt so entscheidend erscheint - mit dem Gehörorgan zu tun? Und was mit dem Gleichgewichtsorgan?
 
 

Leserbriefe

Liebe NeSt-Mitglieder
Durch Zufall sah ich im Januar  im ORB-Abendjournal den Beitrag über Stimmenhören. Darum entschloss ich mich spontan, Ihnen zu schreiben. Ich hoffe sehr, dass Sie hinter meinem Brief keine Scharlatanerie vermuten. Zum erklärenden Verständnis möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich mich seit mehreren Jahren mit Reinkarnation beschäftige und schon mehrere Bücher darüber gelesen habe. Im Laufe der Zeit drang ich immer weiter in die Materie vor und stellte dabei fest, dass es eine ganze Reihe von Psychologen gibt, die ihre Patienten durch Reinkarnation heilen konnten.

Neugierig geworden, ging ich zu einer Rückführung, die im örtlichen Esoterikladen stattfand. Leider war dieses Geld von mir fast umsonst bezahlt worden, da ich einfach nicht in diesen notwendigen Alpha-Zustand gleiten konnte.

Als Kind bereits mit schlimmen Angstzuständen belastet, wollte ich eine Erklärung bzw. Befreiung für meinen seelischen Zustand erreichen.

Durch das Lesen des Handbuches der Reinkarnationstherapie von Trutz Hardo, welcher in Berlin praktiziert, wurde als weiterführende Literatur das Buch Besessenheit und Heilung von Edith Fiore genannt. Ich bestellte es und las es mit wachsendem Interesse für mich selbst und meine Lage (ISBN 3-931 652-08-4).

In diesem Buch wurden u.a. verschiedene Fallbeispiele für geistige Besessenheit einschließlich Stimmenhören erläutert und Möglichkeiten aufgezeigt, sich von derartigen Dingen zu befreien. Ich möchte Ihnen dieses Buch wärmstens empfehlen und wäre für eine Antwort dankbar egal ob diese positiv oder negativ ausfällt.

Für die Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute und verbleibe

Mit freundlichen Grüßen
Marion Wegertseder
 
 

Anfragen

Ich studiere Soziale Arbeit in Würzburg und suche Stimmen hörende Menschen, die mir als InterviewpartnerInnen Hilfestellungen geben möchten (für meine Diplomarbeit, Thema: Stimmenhören).
Weitere Infos:    Christina Pungs
    eMail: pungs.christina@gmx.de

Vielen Dank für Ihre Mithilfe
 
 
 

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich möchte gern Kontakt zu Stimmen hörenden Menschen in Sachsen aufnehmen. Der Grund: Als Journalistin beim MDR arbeite ich für das TV-Regionalmagazin Sachsenspiegel und versuche seit geraumer Zeit, in einem Fernsehbeitrag das Phänomen Stimmenhören  zu thematisieren, Wünsche und Hoffnungen von Betroffenen vorzustellen.  Bei meinen Recherchen bin ich bisher daran gescheitert, einen Beispielfall in Sachsen zu finden. Nun hoffe ich, dass ich über den Rundbrief des Netzwerkes Menschen finde, die sich bereit erklären, mit mir zusammenzuarbeiten, in einem Fernsehbeitrag über ihr Leben zu sprechen. Falls Sie das wünschen, wäre es natürlich möglich, dass Sie nur anonymisiert auftreten.
Zu Ihrer Information erzähle ich noch kurz etwas über meine Person. Ich arbeite seit 1991 beim Fernsehen, seit 1992 beim MDR. Neben Kurzbeiträgen für unser Regionalmagazin habe ich auch schon längere Filme (zehnminütige Porträts und Halbstundenfeature) gemacht. Inhaltlich kümmere ich mich zumeist um sogenannte Sozial- und gesellschaftspolitische Themen. Dabei interessieren mich vor allem die Menschen, ihre Lebensweise, ihre Ängste, ihre Geschichte. Falls sie als vertrauensbildende Maßnahme einige Beiträge von mir sehen wollen, ist das kein Problem.
Ich würde mich freuen, recht bald von Ihnen zu hören und verbleibe
Mit freundlichen Grüßen
Heike Römer
Redakteurin

Anm. der Red.: Adressen u. Telefonnummern können über unser Büro abgefragt werden.
 
 



Literaturhinweise
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Bundesweite Kontaktpersonen / Gruppen
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Unsere Hauptziele sind, uns gegenseitig zu helfen und zu stützen und mehr Toleranz, Verständnis und Akzeptanz in der Gesellschaft für das Phänomen Stimmenhören zu erreichen.
Dabei setzen wir auf eine gleichberechtigte Zusammenarbeit und Partnerschaft von stimmenhörenden Menschen, deren FreundInnen und Angehörigen und in psychiatrischer und psychotherapeutischer Praxis und Forschung Tätigen. Mitglied im NeSt kann jede/r werden, die/der unsere Ziele unterstützt und zu ihrer Verwirklichung beitragen möchte.

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