Die innere Stimme

Die Innere Stimme

Auszüge aus der Broschüre von Paul Baker
vom englischen Hearing Voices Network

Ein paar Fakten

Diese berühmten Menschen sagten von sich, sie hätten Stimmen gehört:
Sokrates, Moses, Jesus, Mohammed, Emanuel von Swedenborg, Carl Jung, Anthony Hopkins, Zoe Wannamaker und Gandhi

Stimmenhören ist kein ganz ungewöhnliches Erlebnis

Viele Menschen hören Stimmen, sind aber nie in psychiatrischer Behandlung gewesen; das weiß man schon lange, ließ es aber unbeachtet. Es ist schon länger bekannt, dass ein großer Teil der Bevölkerung – besonders in Trauerzeiten, bei Scheidungen oder Trennungen -gelegentlich auch kurz einmal Stimmen hört. Auch unter extremen Bedingungen geschieht dies, zum Beispiel haben etwa achtzig Prozent der Folteropfer während ihrer Qual Halluzinationen gehabt (Amnesty International). Das Phänomen wurde auch bei Hochseeseglern beobachtet (Bennett, 1972). In diesen Fällen kann von seelischen Erkrankungen keine Rede sein – eher im Gegenteil.

Eine epidemiologische Studie bei 15000 Menschen in Baltimore ergab, dass zehn bis fünfzehn Prozent der Befragten über längere Zeit Stimmen gehört hatten, und nur ein Drittel klagte über negative Auswirkungen (Y. Tien).

1991 ergab eine andere Untersuchung, dass das Stimmenhören in vielen Fällen nicht die Kriterien für eine psychiatrische Diagnose erfüllte (Eaton). Rommes jüngste Studie brachte das bedeutsame Ergebnis, dass bei Patienten der Psychiatrie und Nichtpatienten beide Gruppen etwa gleich viele negative und positive Stimmen hören. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie die beiden Gruppen auf die Stimmen reagieren: Die Nichtpatienten fürchten sich nicht und regen sich lange nicht so über sie auf wie die Patienten.

Drei Phasen des Stimmenhörens lassen sich unterscheiden:

Die Phase des Erschreckens

Die meisten Betroffenen beschreiben den Beginn als plötzliches, erschreckendes und Angst machendes Erlebnis, und sie können sich genau erinnern, wann sie zum ersten Mal eine Stimme gehört haben.

Das Alter, in dem zum ersten Mal Stimmen auftraten, ist ganz verschieden, ebenso wie die Intensität des Schreckens, die wohl am größten in der Adoleszenz ist. Die Verstörung ist anscheinend geringer, wenn man von klein auf Stimmen wahrnimmt oder wenn man sie erst später als Erwachsener hört. (Laut einer Studie hörten sechs Prozent Stimmen mit weniger als sechs Jahren; zehn Prozent waren zwischen zehn und zwanzig Jahre alt; 74 Prozent waren erwachsen.)

Stimmen werden häufig von traumatischen oder emotional befrachteten Ereignissen wie Unfällen, Scheidungen, Todesfällen, Krankheiten oder psychotherapeutischen Sitzungen ausgelöst.

Die Stimmen haben zweierlei Wirkung: Manche der betroffenen Personen betrachten die Stimmen als hilfreich; sie rufen ein Gefühl der Vertrautheit hervor. Für diese Menschen steht fest, dass die Stimmen sie bestärken und ihr Selbstwertgefühl heben. Die Stimmen werden als positiver und verständlicher Aspekt des eigenen Ich erlebt.

Andere erleben die Stimmen von Anfang an als aggressiv und negativ. Für diese Menschen sind die Stimmen feindliche Kräfte, sie akzeptieren sie nicht als Teil ihrer selbst. Sie leiden unter den negativen Stimmen, die sie ins geistige Chaos stürzen können und sie so in Anspruch nehmen, dass die Beziehungen zur Außenwelt schwer gestört werden.

Die Phase der Reorganisation: Umgang mit den Stimmen

Wer Stimmen hört, wird von ihnen so verwirrt, dass er ihnen entfliehen möchte. Manche fühlen diesen Drang zur Flucht nur kurze Zeit (Wochen oder Monate), bei anderen kann es Jahre dauern. Will man sich aber auf irgend eine Weise mit den Stimmen arrangieren oder will man sie erfolgreich in sein Leben aufnehmen, dann erfordert das eine bewusste Akzeptanz.

Die Stimmen zu leugnen gelingt nicht. Man kann in dieser Phase ganz verschieden reagieren:

die Stimmen überhören (sich ablenken);
selektiv hören;
aktiv in den Dialog eintreten;
sich mit den Stimmen regelrecht verabreden.

Ablenkungsmanöver oder völliges Ignorieren sind selten erfolgreich. Auch wenn solche Strategien von vielen Stimmenhörern versucht werden – sie legen sich im Grunde nur allzu viele Einschränkungen in ihrem Alltagsleben auf. Es überrascht nicht, dass anfängliche Panikreaktionen und Gefühle der Hilflosigkeit bald einer Phase der Wut weichen; doch ist Wut über die Stimmen auch keine erfolgversprechende Reaktion. Wie Stimmenhörer berichten, besteht das beste Verfahren darin, die als positiv empfundenen Stimmen auszuwählen, nur ihnen zuzuhören und zu antworten, und versuchen, sie zu verstehen.

Es ist ganz wesentlich für den erfolgreichen Umgang mit den Stimmen, sie bewusst zu akzeptieren. Anscheinend steht dies in Zusammenhang mit dem eigenen Reifungsprozess, der ja darin besteht, sich für sich selbst verantwortlich zu fühlen. Man muss lernen, positiv von sich, den Stimmen und den eigenen Problemen zu denken.

Man kann aber auch den Kontakt mit den Stimmen eingrenzen und strukturieren, mitunter in einer Art Ritual oder durch regelmäßige Wiederholungen.

Die Stabilisierungsphase

Es ist möglich, in positiver Weise mit den Stimmen umzugehen und seelisches Gleichgewicht zu finden. In diesem Stadium der inneren Ausgeglichenheit betrachten die betroffenen Menschen ihre Stimmen als Teil ihres Selbst und ihres Lebens, der auch einen guten Einfluss haben kann. In dieser Phase kann man entscheiden, ob man dem Rat der Stimmen oder den eigenen Vorstelllungen folgen will, und kann sagen: „Ich höre Stimmen und freue mich darüber.“

NB: Die Informationen in diesem Kasten entstammen einer Fragebogenaktion unter Betroffenen und anschließenden Einzelbefragungen aus den vergangenen zehn Jahren.

Folgerungen für das Personal im Gesundheitswesen:

Es wäre der Mühe überaus wert, wenn die im Gesundheitswesen Tätigen sich ausführlich mit den nützlichen Bezugsrahmen und Bewältigungsstrategien von Stimmen hörenden Patienten auseinandersetzten. Sie können so viel besser helfen, mit solchen Erfahrungen umzugehen.

Dies sind die wichtigen Schritte:

die Erfahrungen des Stimmenhörers akzeptieren. Oft werden Stimmen intensiver und realer erlebt als normale Hörerlebnisse;
die verschiedenen Ausdrucksweisen verstehen lernen, mit denen die betroffenen Menschen ihre Erlebnisse beschreiben und erklären, aber auch die Sprache und Ausdrucksweise der Stimmen. Oft handelt es sich um eine Welt der Symbole und Gefühle; so kann zum Beispiel eine Stimme von hell und dunkel sprechen, wenn sie Liebe und Hass meint;
sich darauf einlassen, der betroffenen Person im Gespräch mit den Stimmen beizustehen. Dabei wird man gute und böse Stimmen auch einmal streitig unterscheiden und die aggressive Reaktion des Stimmenhörers aushalten müssen. Diese Art der Akzeptanz kann einen wesentlichen Beitrag zur Förderung des Selbstwertgefühls leisten;
die Stimmen hörende Person darin bestärken, Kontakt mit anderen Hörern zu suchen und auch etwas über das Stimmenhören zu lesen, um Isolierung und Tabuisierung zu überwinden.
Von den Mitarbeitern in der Psychiatrie mögen diese Schritte eine kräftige Erweiterung des klinischen Horizonts verlangen; sie sollten auch die theoretischen Grundlagen der Arbeit verbreitern.

Das erste Kapitel der Broschüre „Die Innere Stimme“ von Paul Baker als Leseprobe finden Sie auf unserer Downloadseite. Die gedruckte Broschüre kann beim Netzwerk Stimmenhören e.V. z.B. per e-mail oder per Kontaktformular bestellt werden. Sie kostet 1,50 € plus Porto.